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Zur Lage des Nachrichtenjournalismus
Ende Juni 2011 hat sich eine Veranstaltung der NLM zur “Krisenberichterstattung zwischen Aktualitätsdruck, Sorgfaltspflicht und Bilderflut” mit der Lage des Nachrichten-Journalismus beschäftigt. Ich habe das Impulsreferat gehalten. Mir ging es dabei um zwei Fragen: Warum haben wir keinen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender, der das Reporternetz von ARD und ZDF fordert. Und was stellen eigentlich Twitter und Co. mit dem Journalismus an? Das Manuskript:
Soziale Netzwerke – das wissen wir alle – können unfassbar unheimlich sein. Nehmen wir allein Facebook: Mark Zuckerbergs modernem Adressbuch teilt inzwischen jeder vierte Deutsche mit, was er gerade erlebt hat, was ihn umtreibt. Und was macht Facebook daraus? Es wertet diese Daten aus. Sie sind sein Rohstoff, kostenfrei geliefert.
Facebook analysiert die Worte, die Nutzer in ihren “Statusmeldungen” absetzen. Und weil so viele Menschen bereitwillig die Speicher des US-Unternehmens füllen, weiß Facebook-Chef Mark Zuckerberg sehr genau, wie es seinem Volk ergeht. Er muss dafür nur einen Blick auf die Skala der hauseigenen Marktforschung werfen: den “Facebook Happiness Index”.
Was das ist, das hat neulich “Zeit Online” zusammengetragen. Der “Facebook Happiness Index” sagt demnach nicht nur, dass der traurigste Tag der Deutschen zuletzt der 7. Juli 2010 war – damals fertigten spanische Fußballer in Südafrika unsere Nationalmannschaft ab.
Der “Facebook Happiness Index” verrät Mark Zuckerberg auch: Das Erdbeben, der Tsunami und der vierfache Reaktorunfall in Japan zusammengenommen drückten in Deutschland nicht auf die Laune. Gut möglich, dass der Algorithmus hier versagt.
An den deutschen Fernsehsendern kann das jedenfalls nicht gelegen haben: Sie haben Anfang dieses Jahres mit so vielen Sondersendungen aufgewartet wie nie zuvor. Die “Tagesschau” sendete quasi im Dauerbetrieb. Und glaubt man Theo Koll, der Wunderwaffe des ZDF, die seit einem Jahr die Innen- und Außenpolitik seines Senders auf einmal verantwortet, dann hat allein das Zweite in den ersten drei Monaten 2011 so viele “ZDF Spezials” gesendet wie 2010 zusammen.
Tatsache ist aber auch: Die Krisenberichte der vergangenen Monate waren in den deutschen Programmen zwar besonders üppig – aber gleichzeitig auch besonders weit weg vom eigentlichen Geschehen. Denn was haben wir, die Zuschauer, gelernt?
Spätestens jetzt wissen Millionen Fernsehzuschauer, dass Reporter wie Johannes Hano und Robert Hetkämper keinen Schlaf brauchen. Sie stehen ihren Mann, egal zu welcher nachtschlafenden Zeit wir auch zur Fernbedienung greifen. Und wir wissen: Nah dran am Geschehen müssen “unsere” Reporter nicht sein, wenn es darum geht, massive Sendefläche zu füllen.
Aber der Reihe nach.
Noch im Winter nahm eine Revolution ihren Lauf. Anders als zuvor im Iran stürzte das Volk in Ägypten tatsächlich seinen Machthaber, Husni Mubarak. Schenkt man der Medienkritik Glauben, dann waren ARD und ZDF – schwer anlaufende Apparate, die erst nach einigen Tagen voll Fahrt aufnehmen – noch nicht ganz bei der Sache.
“Die kapieren nicht” raunte FAZ-Kritiker Michael Hanfeld Anfang Februar – und warf den Sendern das “fehlende Gespür für den historischen Moment” vor. Tags zuvor hatte sein Kollege Jochen Hieber bereits notiert: “Wir sind nicht dabei gewesen”: Ein Regierungssturz stehe bevor und was machten die Sender? Sie gingen zur Tagesordnung über, verpassen wichtige Reden in ihrem Live-Programm. “Rote Rosen” und “Verbotene Liebe” statt Weltgeschichte.
Keine Frage: Die FAZ hat häufig Recht. In diesem Fall aber lag auch sie daneben. Das zeigt nicht zuletzt ein mehrspaltiger “Brief an die Herausgeber”, in dem der Chef des ARD-“Mittagsmagazins” – eines der kritisierten Formate – viele handwerkliche Fehler seiner Kritiker geraderücken durfte. Allein die Ausführlichkeit, die das Blatt dem Schreiben einräumte, war ein Schuldeingeständnis.
Was war passiert? Im Grunde verlangte die FAZ, die Öffentlich-Rechtlichen mögen sich bei neuen Entwicklungen auf der Welt doch bitte zu Hard-Core-Newskanälen à la CNN wandeln. Nach dem Motto: Der Anspruch, in Echtzeit über das Weltgeschehen informiert zu werden, wiegt höher als das Bedürfnis nach Regelprogrammen. Bei knapp acht Milliarden Euro, die ARD und ZDF jährlich per Gebühr zufließen, dürfte das doch machbar sein.
Aber brauchen wir in Deutschland einen gebührenfinanzierten Nachrichtensender? Einen, der mehr bietet als es die privaten News-Kanäle mit ihrer vergleichsweise kleinen Zielgruppe in Deutschland finanziell je können? Einen, der das Reporternetz von ARD und ZDF fordert?
ZDF-Chefredakteur Peter Frey sagte dazu jedenfalls, Vollprogramme müssten “verdichten und einordnen”. Und wer mehr wolle, der könne doch einfach zu Phoenix rüberschalten. Das sei schließlich nicht nur ein Dokumentations- sondern eben auch ein Ereigniskanal.
Phoenix hatte tatsächlich bis zu zehn Stunden Krisen-TV gesendet. Mit einem Nachrichtensender aber ist das Gemeinschaftsprogramm nicht mal schwerlich zu vergleichen, sondern gar nicht. Echte Nachrichten darf es gar nicht zeigen. Das wiederum bietet EinsExtra, der digitale Info-Kanal der ARD, bespielt mit “Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt”. Allein: EinsExtra verzichtet darauf, Neues live zu zeigen – um Phoenix nicht in die Quere zu kommen.
Beide Sender leisten auf ihrem Gebiet zweifellos Phantastisches, vor allem in Krisenzeiten. Und der mündige Zuschauer wird aus dem Konzert aus den Vollprogrammen mit ihren vielen Spezials, der kontinuierlichen News-Versorgung auf EinsExtra und den umfassenden Expertisen, die ihm ein Programm wie Phoenix bietet, sicher viel herausziehen können. Hinzu kam bei den Aufständen in Nordafrika wie der Tragödie in Japan, dass das ZDF auf seinem Infokanal fast durchgängig regionale Nachrichtensender durchschaltete – live übersetzt und mit Einordnung der Redaktion.
Doch wirklich verlässlich wirkt das alles nicht. Auf welchen Knopf auf seiner Fernbedienung soll der Zuschauer denn bitte drücken, um von seinen öffentlich-rechtlichen Sendern sowohl umfassend als auch fortlaufend über das Geschehen auf der Welt unterrichtet zu werden – und das auch noch zu jeder Zeit?
Wer angesichts dieses augenscheinlichen Mangels nach einem “ARD/ZDF-24” ruft, der verkennt jedoch die Situation. Denn hätten beide Sender für einen echten Nachrichtenkanal überhaupt genug zu bieten? Ein Blick in die Krisen-Sendungen dieses Frühjahrs zeigt: eher nicht. Und das sogar aus gutem Grund.
Sowohl die Berichte aus Nordafrika als auch aus dem erschütterten Japan zeigten: Mit dem, was etwa die BBC, CNN oder auch die immer prominenteren arabischen Kanäle wie Al Jazeera und Al Arabiya bieten, können unsere milliardenschweren Kanäle gar nicht mithalten. Wer sich den Luxus gönnt und etwa über das Internet die ausländischen “Networks” in Krisenzeiten konsumiert, der darf von deutschen Kopien nur träumen.
Denn wovon leben Sender wie CNN? Entweder vor allem vom Verkauf ihrer Exklusivbilder und der Werbefinanzierung ihrer internationalen Sender, wie CNN. Dann gehen ihre Mitarbeiter dafür hohe Risiken ein und werden entsprechend exorbitant entlohnt. Einer der verantwortlichen Redakteure unserer Sender sagte mir dazu neulich:
“CNN betreibt nichts anderes als Krisen-Tourismus. Die drücken bei einem News-Event auf einen Knopf und fallen mit ganzen Busladungen und viel Geld im Gepäck in die Krisenherde ein – für eine schnelle Nummer.”
Deutsche Fernsehmacher legen hingegen ganz offensichtlich lieber ein gesundes Sicherheitsgefühl an den Tag. Warum versteckten sich Dietmar Ossenberg und Jörg Armbruster Anfang Februar erst in ihren Büros und dann sogar in Privaträumen, um nur noch per Telefon in “Tagesthemen” und “heute” geschaltet zu werden? Für Fernsehkorrespondenten muss das doch unerträglich sein!
Und warum bloß standen einen Monat später in Japan Robert Hetkämper unentwegt auf einem Hoteldach und sein Kollege Johannes Hano in den Büroräumen eines Partnersenders? Weil sie das Risiko scheuten, das “auf der Straße” auf sie und ihre Mitarbeiter wartete.
Die Folge war simpel: Dieser selbst auferlegte Hausarrest führte dazu, dass die zu allen Tages- und Nachtzeiten freigeschaufelten Sendezeiten mit den immer selben Kameraeinstellungen und wenigen Agenturbildern gefüllt werden mussten. Neues von den Atom-Kraftwerken in Fukushima sickerte zudem nur tröpfchenweise an die Öffentlichkeit durch. Oft ohne neues Filmmaterial.
Deutsche Zuschauer sahen Katastrophen in Endlosschleifen. Der Ruf nach einem 24-Stunden-Kanal wirkt da schon fast albern.
Vielleicht ist die Frage also sogar nicht, ob wir noch mehr Krisen-TV im deutschen Fernsehen brauchen. Vielleicht ist die Frage vielmehr, ob uns zuletzt viel zu viele Live-Sendungen zugemutet wurden. Und vielleicht ist es sogar so, dass sich so mancher Fernsehmacher zu sehr von medialer Kritik hat beeindrucken lassen. Das mag aus dem Mund eines Medienkritikers grotesk klingen, aber: Manchmal ist sogar bei Informationsprogrammen weniger letztlich viel mehr.
Und ganz ehrlich: Im Vergleich haben sogar die Privatsender gute Arbeit geleistet. Über den Gewinn, den Antonia Rados für die RTL-Gruppe und damit bei ihren Einsätzen in Nordafrika auch für den hauseigenen Nachrichtensender n-tv darstellt, müssen wir gar nicht ausgiebig reden. Immerhin war es Antonia Rados, die den Sturz Mubaraks auf dem Tahir-Platz in Kairo zwischen der jubelnden Menschenmenge live an das heimische Publikum vermeldete – während Jörg Armbruster in der “Tagesschau” lediglich von seinem Balkon herab auf die Straßen blickte.
Weil aber auch ARD und ZDF häufig auf das Fremdmaterial arabischer Sender zurückgriffen, sich teils auf Live-Strecken einfach draufsetzten, mussten sich die Privaten auch gar nicht sonderlich anstrengen, um es ihren Kontrahenten gleichzutun. Sogar N24, auf das nach der Auskopplung aus der P7S1-Gruppe ein immenser wirtschaftlicher Druck lastet, war bis tief in die Nacht live dabei. Kommentiert wurde teils per Telefonleitung – aus welchem Wohnzimmer heraus auch immer. Unterm Strich reichte das für den Moment sogar völlig aus.
Da sind wir übrigens auch schon beim nächsten Problem: Weil die Welt nicht nur immer komplexer wird, sondern Krisenregionen für Journalisten auch immer gefährlicher, sichten Sender heute immer mehr Material vom Schreibtisch aus –über das Internet. Sogenannte “Internetvideos”, “Amateurvideos” oder, wie es endlich immer häufiger in “heute” und “Tagesschau” korrekt heißt, “YouTube-Videos” sind dabei Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil es verdammt schwer ist, herauszufinden, was hier echt ist und was bloß Propaganda. Und Segen, weil hier Material auf Journalisten wartet, an das sie sonst gar nicht herankommen würden.
Der aktuellen Ausgabe des Magazins “Journalist” ist dies zu entnehmen: In der “Tagesschau”-Redaktion ARD-aktuell haben sie ein Social-Media-Team aus immerhin schon zehn Redakteuren gebildet. Diese Einheit, angesiedelt an einem “Content Desk”, kümmert sich darum, das Netz im Blick zu behalten: Welche Videos kursieren auf YouTube und welche Nachrichten auf Twitter? Die Fachredakteure pflegen dafür Listen mit Internet-Nutzern, die sich bisher als verlässliche Quellen erwiesen haben. Und sie prüfen, ob die Videos überhaupt echt sein können. Denn Fallstricke lauern im Netz allerorts: Ist das Video wirklich an dem Tag aufgenommen worden, den die Beschreibung des Videos im Netz suggeriert? Und ist in dem wackeligen, pixeligen Amateur-Film wirklich exakt die Szene zu sehen, die sie vorgibt zu sein?
Verifikation kostet Zeit und Nerven. Sie bindet Mitarbeiter. Und trotzdem setzen auch TV-Sender verstärkt auf das Material im Netz. Der zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, Thomas Hinrichs, wird im “Journalist” dazu wie folgt zitiert:
“Ich möchte das Video nicht erst in der ‘Tagesschau’ haben, wenn es bei allen anderen schon gelaufen ist.”
Für die Sender heißt das aber: Bei unübersichtlichen Konflikten, aus denen sie ihre eigenen Leute lieber raushalten, werden Journalisten zu Schreibtischtätern. Erfüllend kann das auf Dauer nicht sein – aber es ist heute zweifellos notwendig.
Für uns Zuschauer heißt das allerdings: Im Fernsehen sehen wir immer häufiger, was wir auch im Netz finden. Das Fernsehen büßt hier einen entscheidenden Vorteil ein, nach dem Motto: Was mir die “Tagesschau” zeigt, habe ich bei “Spiegel Online” und auf der Seite des “Guardian” längst gesehen. Die müssen dafür nur auf die Videoclips im Netz verlinken.
Wir leben also in einer Zeit, in der sich Nachrichtensendungen verstärkt auf Internet-Filme stützen. Bisweilen liefern nicht mehr eigene Kameramänner die Bilder des Tages, sondern Augenzeugen. Die Auseinandersetzungen in Libyen und Syrien zeigen uns das Tag für Tag aufs Neue. Und erst im Juni stammten die wirklich relevanten Aufnahmen zu den neuerlichen Protesten gegen “Stuttgart 21” aus dem Netz: Handy-Videos zeigten, wie Demonstranten einen Zivilpolizisten enttarnten und in die Flucht trieben. Die Bilder liefen auch in der “Tagesschau”, um 20 Uhr.
Dieser Wandel fordert die Redaktionen. Sie müssen sich eine neue Welt erschließen: die digitale. Erste Korrespondenten haben sich dieser Welt bereits geöffnet und führen das, was Aufständische in den sozialen Netzwerken platzieren, in die klassische Medienlandschaft ein. Für die ARD ist beispielsweise Golineh Atai ein großer Gewinn: Die Journalistin, einst in Kairo stationiert und heute in der Auslandsredaktion des WDR, lebt förmlich in sozialen Netzwerken wie Twitter. Atai sagte jüngst auf einer Fortbildung des Hessischen Rundfunks:
“Ich benutze Social Media als Instrument – gegen einen Informations-Blackout, etwa im Irak.”
Letztlich seien etwa Video-Blogger “als Mitarbeiter der ARD-Studios eingespannt”. Bei den Revolutionen im Frühjahr dieses Jahres stand Golineh Atai wiederum im “Morgenmagazin” vor riesigen Bildschirmen und erklärte mit Auszügen aus dem Netz, was vermutlich in den Krisenregionen vor sich ging – während die festen Korrespondenten in Ägypten die eigenen vier Wände nicht verlassen konnten.
Bei alledem half Atai natürlich, dass sie einst selbst in der Region unterwegs war und so eine Chance hatte, die Bilder, die Deutschland über das Netz erreichte, mit Anrufen in der Krisenregion direkt zu verifizieren. Das zeigt, wie immens die Herausforderung des zeitgemäßen Journalismus ist: Wer sie meistern will, muss in gutes Personal investieren. Und er muss sich für das Neue öffnen.
Ich bin alles in allem davon überzeugt: Die Zukunft des Journalismus liegt gar nicht darin, 24 Stunden am Tag durch eine Kamera auf das Geschehen der Welt zu blicken, sondern die wirklich relevanten Szenen einzufangen, vor allem aber: sie aufzuspüren, zu verifizieren und einzuordnen. Die Arbeit mit sozialen Netzwerken ist für Journalisten deshalb absolut alternativlos.
Ich bin dabei ganz bei Peter Frey. Es geht – für die Sender, aber auch für alle anderen Medien – vor allem um Einordnung und Verdichtung. Das allein ist zweifellos Herausforderung genug. Wir alle stehen dabei erst am Anfang eines sehr langen Wegs.
Daniel Bouhs (29) ist Leiter "Netzwelt" bei 




