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Daniel Bouhs ist Journalist in Berlin und Hamburg - für Print, Funk, TV.
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PODCAST

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FEATURES

Facebooks halbherziges Vorgehen gegen Hetze
Hass-Kommentare, Facebook und die Politik
DLF, Dezember 2015, 20 Minuten
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Facebook im Visier
Die eskalierende Fremdenfeindlichkeit im Netz
DLF, September 2015, 20 Minuten
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Mehr online, weniger Print
Medienstandort Hamburg im Wandel
NDR Info, August 2015, 20 Minuten
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Gefahr im Anflug?
Drohnen im zivilen Einsatz
NDR Info, April 2015, 20 Minuten
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Die gläserne Verwaltung kommt
Hamburg bereitet sich auf echte Transparenz vor
NDR Info, Sept. 2014, 20 Minuten
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Gefangen im "Shitstorm"
Neue Formen der Kritik in der digitalen Welt
NDR Info, Februar 2014, 20 Minuten
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TECHNIK

Sprecherkabine und IP-Codec: Technik für die stationäre und mobile Produktion
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  • WhatsApp – der neue Kanal für Journalisten?

    Interview mit Konrad Weber, der beim SRF mit WhatsApp für Verbreitung und Recherche experimentiert — vom 20. Dezember 2014

    Konrad Weber (Foto: privat)

    WhatsApp als Verbreitungskanal – warum ist das für Journalisten relevant?

    WhatsApp ist in Deutschland aktuell die meistinstallierte App. In der Schweiz sehen die Zahlen nicht anders aus – vor kurzem hat die Messenger-App zB. auch Facebook auf dem Smartphone überholt. Diese riesige Verbreitung stellte uns vor die Frage, wie wir dieses Potential auch journalistisch nutzen könnten. Kommt hinzu, dass in der Schweiz in diesem Sommer große Hochwasser auftraten, bei welchen viele Videos und Bilder von vor Ort direkt auf WhatsApp zuerst die Runden machten.

    Augenzeugenmaterial wird nun nicht mehr für alle sichtbar gepostet, sondern – wieder – in Privatnachrichten ausgetauscht?

    Offenbar. Mir fiel auf, dass viele Bilder und Videos in Gruppenchats die Runden machten und nur per Zufall – und auf Nachfragen – auch an Journalisten weitergeleitet wurden.

    Wie kommen Journalisten auf diesem Kanal dann an Material?

    Ich denke, dass Verbreitung und Recherche bei WhatsApp sehr nah beieinander liegen. Aus dem einfachen Grund, dass WhatsApp per se ein sehr privater Raum ist. Bis vor kurzem diskutierten wir in dieser App ausschließlich mit unseren Vertrauten. Und plötzlich taucht da auch ein Medium auf, das wir zwar kennen, aber auf den ersten Blick unpersönlich wirkt. Aus diesem Grund überlegten wir uns bei SRF, dass wir selbst zuerst mal präsent sein müssen, um danach überhaupt auch auf diesem Kanal ansprechbar zu werden, falls jemand seine Informationen mit uns teilen will.

    Die Kunst ist dann also, als Journalist oder Redaktion direkt ins Adressbuch der Nutzer zu kommen?

    Genau. Ich denke, das schafft man nur, indem man zeigt, dass es sich lohnt, diese Nummer zu speichern und die Informationen zu abonnieren. Im konkreten Beispiel war das bei SRF der Abstimmungstag im September. Hier herrscht in der Schweiz sowieso eine große Informationsnachfrage. Da wir die erste Redaktion waren, die diese Nachfrage genau über den Kanal befriedigen konnten, ist es vielleicht ein umso größerer Anreiz, unsere Nummer auch für später zu speichern.

    Wisst ihr, wie viele Nutzer euer Material empfangen haben?

    Ich gehe davon aus, dass sämtliche Abonnenten unser Material empfangen haben. Das waren in den 5 Tagen, in welchen unser Dienst lief, 1.400 Personen.

    1.400 – das lohnt?!

    Das tönt auf den ersten Blick nach sehr wenig. Uns ging es aber bei diesem ersten Experiment nicht um die Masse, sondern um das konkrete Feedback. So haben wir zum Beispiel auch bewusst auf eine Promo in Hörfunk und TV verzichtet, da wir ansonsten überrannt worden wären. Vielmehr wollten wir ein anderes Zielpublikum erreichen, als jenes, das sowieso bereits unser Programm verfolgt. So haben wir konkret einzelne Schulklassen und Lehrpersonen angefragt, ob sie unseren Dienst testen und darauf ein qualitatives Feedback abgeben.

    Was kam da zurück? Die Präsenz von Dritten/Marken dürfte ja auch für die Nutzer ungewohnt sein. WhatsApp ist ja erst mal ein Kommunikationswerkzeug für den persönlichen Draht.

    Lustigerweise tauchte diese Frage höchstens bei anderen Journalisten auf. Die Anmeldung zu unserem Dienst war ja freiwillig – umso positiver war das Feedback bei den Usern selbst. Wir machten nach dem Test eine kurze Umfrage direkt bei den Usern. Von 1.400 Abonnenten machten 41% bei dieser Umfrage mit. Davon sagten 69 Prozent, sie hätten den Dienst nützlich oder sogar sehr nützlich gefunden. Was mich aber noch fast mehr erstaunte, war die Tatsache, dass sich 79 Prozent der User einen solchen Dienst für den Alltag – Breaking News usw. – wünschten. Neben dieser Umfrage haben wir aber auch direkt am Tag selbst enorm viele Rückmeldungen erhalten. Es zeigt sich, dass die Leute mit einer Nachricht auf dem persönlichsten Screen – dem Smartphone – viel mehr gewollt sind, zu interagieren.

    Das heißt ja: Für Nutzer ist WhatsApp ein neues Facebook? Sprich: Dritte, also Marken, Redaktionen, Promis etc., haben auch dort eine Chance?

    Ich bin mir nicht sicher, ob man das so konkret wirklich sagen kann. Immerhin wollten wir an diesem Tag wirklich einen Service leisten und nicht einfach einen weiteren Push-Dienst anbieten. Diese Erkenntnis schließe ich auch aus dem Fakt, dass zB. Links, die wir verschickt haben, fast gar nicht geklickt wurden. Die User wollen die Info direkt dort, wo sie sich auch sonst aufhalten.

    Also Live-Events ja, aber Grundrauschen nein?

    Ich glaube, es braucht schon einen sehr konkreten Aufhänger, um die Leute für diesen Dienst zu begeistern. Es müssen aber nicht nur News sein, wie das Beispiel der Kollegin Vanessa von der Heilbronner Stimme zeigt. Vorerst für die Produktion wichtig ist, dass das Ereignis zeitlich begrenzt ist. So schürt man auch nicht zu viel Hoffnung.

    Ihr habt gar keinen WhatsApp-Button auf SRF.ch – weil ihr nicht daran glaubt, dass WhatsApp im klassischen Tagesgeschäft für Verbreitung sorgt?

    Nein, das ist in Planung und wird voraussichtlich nur auf der mobilen Seite angezeigt.

    Zum Workflow: Ist das nicht total umständlich: Nachrichten über ein Handy zu verbreiten? Oder habt ihr eine Lösung gefunden, WhatsApp direkt am großen Schirm zu “befüllen”?

    Das ist in der Tat der große Knackpunkt. Aktuell gibt es keine offizielle Lösung, um einen solchen Dienst direkt vom Desktop aus zu betreuen. Konkret bedeutet dies, dass wir jeden neuen Abonnenten direkt auf dem Smartphone abspeichern, begrüßen und in einer Liste ablegen mussten. Wir haben mit der WhatsApp-Funktion “Broadcast Listen»”gearbeitet. Damit kann man immerhin 256 Personen gleichzeitig anschreiben. Bei 1.400 Abonnenten kann man sich aber vorstellen, dass wir mehrere Listen gleichzeitig betreuen mussten. So macht dies übrigens aber auch die BBC. Ich hatte mit dem entsprechenden Redakteur vor unserem Test Kontakt.

    Kann man sich das nicht irgendetwas selbst “bauen”?

    Es ließe sich in der Tat etwas selbst bauen, die WhatsApp-API wurde auch bereits freigelegt. Allerdings war unsere Angst zu groß, dass WhatsApp selbst plötzlich diese AGB-nonkonforme Verteilung ausfindig macht und uns buchstäblich den Hahn zudreht. Das wäre mitten in der Aktion um Längen peinlicher gewesen, als den umständlichen Weg zu wählen.

    Was fehlt ist also ein Tweetdeck für WhatsApp?

    Genau. Ich bin mir aber sicher, dass so etwas spätestens im nächsten Jahr von WhatsApp selbst wohl angeboten wird – die Nachfrage von unzähligen Medienhäusern ist einfach zu groß.

    Oder WhatsApp verknüpft sich einfach nicht nur auf dem Papier, sondern auch technisch mit Facebook und schafft so eine Anbindung an die Fanpages dort – denkbar?

    Das wäre aus Fanpage-Admin-Sicht natürlich wünschenswert – ob dies allerdings die Nutzer auch möchten, mag ich zu bezweifeln. Die Abkehr von Facebook hin zu privateren Netzwerken wie WhatsApp kam ja nicht von ungefähr.

    Bislang läuft das so, dass sich jemand von euch ein Smartphone schnappt und auf dem kleinen Teil herumfummelt, um die Abonnenten mit neuen Infos zu versorgen?

    Ja – wir haben allerdings versucht, die Workflows etwas zu optimieren. So haben wir längere Texte oft direkt am Desktop vorgeschrieben, via Mail direkt aufs Smartphone geschickt und so dann in WhatsApp verschickt. Zudem haben wir das Smartphone mit einer Bluetooth-Tastatur verbunden, um ebenfalls schneller schreiben zu können. Aber klar: Das sind alles nur Workarounds.

    Was übrigens von unseren Nutzern am häufigsten gefragt wurde, war die Frage, ob man mit uns denn auch interagieren könne. Und genau dies zeigt, dass man WhatsApp nicht einfach nur als Distributionskanal verstehen darf. Es lag uns viel daran, direkt auch mit den Abonnenten zu kommunizieren, offene Fragen zu klären und wo nötig auch weitere Infos zu liefern.

    Legt das eine Redaktion nicht lahm, wenn jeder seine Einzelfragen loswerden kann? WhatsApp – ein Ressourcenfresser? Das hört sich jedenfalls wie ein ständiger Call-In an.

    Oft wurden ähnliche Fragen gestellt oder Dinge nachgefragt, die nicht eine ausführliche Erklärung benötigten. Außerdem kann man uns ja auch via Twitter, Facebook und Mail Fragen stellen – auch hier beantworten wir konsequent alle direkten Anfragen. Es lag also auf der Hand, dies auch via WhatsApp zu tun.

    Aber: Noch ein Kanal. Ein Kanal mehr, der individuell bespielt, der individuell gesichtet, in dem individuell interagiert werden kann und offenbar auch muss. Wie schaffen das Redaktionen? Es fällt ja bislang kein anderer Kanal weg.

    Das ist eine sehr wichtige Frage, die sich jede Redaktion selbst stellen muss. Ich bin mir sicher, dass man sich in einem zeitlich abgeschlossenen Rahmen auch einfacher organisieren kann, als dies im Alltag möglich ist. Konkret hatten wir an diesem Abstimmungstag eine Kollegin, die sich um WhatsApp kümmerte und eine Kollegin, die Social Media betreute, sowohl den In- als auch den Output. Die beiden saßen natürlich sehr eng am Newsdesk, um da auch alle nötigen Infos zu erhalten.

    Wir wurden von vielen Usern gefragt, ob wir die Aktion auch zu den nächsten Abstimmungen – das war Ende November – wieder durchführen würden. Damals hatten wir schlicht zu wenig Ressourcen im Newsroom, um einen solchen Dienst nochmals anzubieten. Im nächsten Jahr stehen aber große nationale Wahlen an. Da kann ich mir durchaus vorstellen, dass man einen solchen Dienst nochmals testet – dann vielleicht auch über etwas längere Zeit. Entschieden ist aber noch nichts.

    Wenn ich auf Deinen Tweet von neulich zurückkomme – “News via WhatsApp: Die User lieben es“, heißt das, dass jetzt alle Journalisten und Redaktionen ganz dringend auf WhatsApp präsent sein sollten?

    Ganz dringend bestimmt nicht. Aber die Journalisten sollten sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, dass die Kommunikation sich laufend von der einen Plattform zur nächsten weiterbewegt. Das ist eine Herausforderung für uns alle, da die Plattformen nicht mehr mit einer verlässlichen Konstanz bleiben. Wer in diesem Evaluationsverfahren für sich einen Weg findet, diese Plattform sinnvoll und ohne großen Aufwand einzusetzen, der sollte es unbedingt wagen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man sich nicht zu sehr zerstreut. Deshalb wird die Nutzungsanalyse auch im nächsten Jahr umso wichtiger werden.