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  • News oder Nonsens?

    Er ignoriert die „Lügenpresse“ und haut lieber einen heiklen Tweet nach dem anderen raus. Wie sollen JournalistInnen mit Trumps Medienstrategie umgehen?

    für taz

    Journalisten sind für Donald Trump stets ein lästiger und oft auch verachtenswerter Haufen, daraus macht der künftige US-Präsident keinen Hehl. In Dutzenden digitalen Depeschen, jede von seinen Anhängern Zehntausende Male geteilt und geherzt, spricht er von „dishonest media“, also: der „Lügenpresse“. Erst Anfang dieser Woche brüllte er wieder „Media is fake!“ ins Netz, nachdem Journalisten berichtet hatten, Mexiko würde für Trumps geliebte Mauer partout nicht blechen wollen, nicht mal vorübergehend.

    Auf Twitter kann Trump in 140 Zeichen selbst berichten, was ihm passt. Erst am heutigen Mittwoch will der „president elect“ seine erste Pressekonferenz nach dem Wahlkampf geben und sich damit den Fragen der versammelten Journalisten stellen. Je ein einziges Exklusivinterview bei CBS und mit der New York Times haben ihm bisher gereicht. Die Botschaft seiner Medienstrategie ist eindeutig: Er ist der mächtigste Mann der Welt – was braucht ein Donald Trump schon die Medien?

    Unterdessen loten Journalisten von Onlineportalen, Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Rundfunkanstalten aus, wie sie mit dem wohl arrogantesten aller US-Präsidenten umgehen sollen – und das heißt eben nicht zuletzt: mit seinen Accounts auf Twitter. Dort erreicht Trump mit einem Fingertipp schon jetzt knapp 20 Millionen Menschen unmittelbar, vorbei an den klassischen Medien. Sollte er mit der Amtsübernahme am 20. Januar die Kanäle seines Vorgängers übernehmen, würden daraus noch viel mehr. Barack Obama wurde noch für seine Twitter-Präsenz gefeiert, Trump ist gefürchtet.

    Die New York Times stellt die Frage ganz direkt: „Wenn Trump twittert – ist das eine Nachricht?“ Die Antworten von Lesern und Kollegen haben eine klare Tendenz. Daily-Beast-Chef Noah Shachtman äußert in einem Tweet zwar den Wunsch, dass Journalisten Trump-Tweets bald behandeln werden wie Mitteilungen des Weißen Hauses – nämlich zu 99 Prozent einfach gar nicht. Aber Trump macht mit seinen Kurzmitteilungen am Ende doch Politik, auf seine ganz eigene, bisweilen schaurige Art.

    Journalisten haben das gerade auch selbst erfahren müssen: Nachdem der Geheimdienstbericht zu den russischen Hacker-Aktivitäten die Medien vor Trump erreichte, forderte dieser in einem Tweet – und nicht etwa in einem offiziellen Antrag – Ermittlungen wegen des Lecks. Und damit gegen Medien, die ihm zu gut informiert scheinen.

    Sogar die Tech-Giganten des Silicon Valley spüren, dass an Trumps Tweets kein Weg vorbei führt. CNN-Reporter Samuel Burke hat sich gerade in der Szene rund um Google und Facebook umgehört und berichtet im eigenen Programm von „Unglaublichem“: Die Konzern-Bosse an der Westküste fürchteten stets die Zeit um drei Uhr morgens, denn Trump twittere gerne um sechs Uhr in der Früh an der Ostküste, auch zur Macht der Tech-Konzerne. Gleich mehrere Konzernchefs hätten ihre PR-Leute daher angewiesen, schon um drei Uhr morgens die Augen aufzuhalten, damit sie reagieren könnten.

    Dabei kann wiederum die Technik helfen: Ein heißer Tipp dieser Tage auf Portalen wie TechCrunch ist eine App namens Trigger (engl. für Auslöser). Investoren können in der App hinterlegen, an welchen Unternehmen sie sich beteiligt haben. Twittert Trump über eines davon, dann löst das Smartphone Alarm aus, damit die Aktien schlimmstenfalls noch rechtzeitig abgestoßen werden können, bevor der Kurs einbricht. Die App ist ein digitaler Schutzmechanismus vor dem 45. US-Präsidenten.

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