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Daniel Bouhs ist Journalist in Berlin und Hamburg - für Print, Funk, TV.
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  • Weniger Katzen, mehr Nachrichten

    „Buzzfeed“ spielt in Deutschland bislang keine Rolle. Das könnte sich nun ändern: Der Ableger des US-Portals baut in Berlin ein Newsdesk auf

    für taz

    Prostituierte in Donald Trumps Hotelzimmer! In Russland! Das 35-seitige Papier, das den neuen US-Präsidenten schmäht, soll vielen Redaktionen zu heiß gewesen sein – Buzzfeed aber hat es veröffentlicht, sogar in voller Länge. Das amerikanische Portal macht seit der Veröffentlichung weltweit Schlagzeilen, auch da sich Trump entschied, öffentlich zurückzupöbeln – und dem Portal so fleißig zu weiterer Bekanntheit verhilft.

    Schon seit Herbst 2014 hat Buzzfeed auch einen Ableger in Deutschland. Der beschränkt sich bislang aber vor allem auf zwei Dinge: Sogenannte Listicles, eine geschickte Mischung aus Liste und Artikel – von „28 Flachwitzen, die flacher sind als Holland“ über „17 Sex-Tipps für ein versauteres Jahr 2017“ bis zu „22 Gründen, Sibel Kekilli sofort auf Instagram zu folgen“. Dazu liefert die Berliner Redaktion, die ihren Start in einem Katzencafé feierte, Kulinarisches auf Erstsemesterniveau: „Gib dir mal diese einfachen Hühnchen-Alfredo-Penne – Leeeeeeckerrrrrr.“

    Was Buzzfeed hierzulande liefert ist manchmal nützlich, meist aber ein Angebot zum belanglosen Zeitvertreib. Von klassischem Journalismus haben die Redakteure bislang weitgehend die Finger gelassen. Das hat Prinzip: Buzzfeed, das auch in Großbritannien und Frankreich Ausgaben gestartet hat, expandiert gewöhnlich in Etappen: Erst kommt der besagte „Buzz“, dann irgendwann auch echte News und damit (vielleicht) auch die Investigation. In Großbritannien ließ das hippe Medium etwa gemeinsam mit der etablierten BBC krude Spendernetzwerke auffliegen.

    Nun steht auch der deutsche Ableger offensichtlich kurz vor der zweiten Phase. Jedenfalls sucht Buzzfeed, das seine Europa-Aktivitäten von London aus koordiniert, derzeit eine neue Redaktionsspitze. Deren erste Aufgabe sei explizit der „Start des Buzzfeed-Newsdesks in Berlin“. Das Jobprofil verspricht dabei deutlich mehr als die gewohnten Listicles und Rezepte, die sich vor allem in sozialen Netzwerken verbreiten sollen.

    Eine Aufgabe sei auch, „die richtige Balance zwischen der täglichen Nachrichten-Agenda und detaillierten Recherchen“ zu finden und „Berichterstattung auf die Nachrichten-Agenda zu setzen, denen Wettbewerber folgen müssen“. Sogar das Wort „Investigation“ fällt. Eine Kampfansage an Spiegel Online?

    Konkurrenten können auch Buzz

    Allein: Wie viel Ressourcen das US-Portal in seinen Berliner Ableger steckt und ob der damit tatsächlich eine erstaunliche Energie wird entfalten können, ist noch unklar. Weltweit arbeiten für Buzzfeed 1.300 Mitarbeiter. In Deutschland ging es vor gut zwei Jahren mit nur vier Leuten als journalistisches Start-up los. Wie viele sind es jetzt? Wie üppig der Newsdesk besetzt wird? Wie groß die Bandbreite der Berichterstattung werden soll? Buzzfeed schweigt bis zur Besetzung der neuen Position – Sebastian Fiebrig, der aktuell die deutsche Spaßeinheit leitet, und die Europa-Zentrale in London.

    Seit Gründungschefredakteu­rin Juliane Leopold und ihre bisherige Redaktion getrennte Wege gehen, spielt Buzzfeed auch in der deutschen Medienszene kaum eine Rolle. Spiegel und Zeit haben das Prinzip der „Listicles“ für ihre jungen Ableger Bento und Zett adaptiert. Für echten Buzz hat das deutsche Buzzfeed sonst aber in der Branche zuletzt nicht gesorgt. Wenn Buzzfeed nun umsetzt, was es seinen Bewerbern verspricht, dann könnte sich das allerdings schon sehr bald ändern. Vielleicht schimpft ja dann auch die Kanzlerin bald über den „gescheiterten Haufen Müll“, wie Trump das Portal nach der Veröffentlichung des Schmähdossiers taufte.

    >> zur Originalveröffentlichung auf taz.de