Journalist • Producer

PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Melanie Amann (“Der Spiegel”)

    [0:00] Reden wir über die AfD und die Medien. Sie begleiten die AfD, seit es sie gibt. Wenn wir jetzt auf die Bundestagswahl schauen: Die AfD wird sicher irgendwie probieren, auch noch zusätzlich Wähler zu erreichen. Das schafft man klassischerweise über Medienkanäle. Gibt es denn sowas wie eine Medienstrategie, erkennen Sie denn so etwas?

    [0:17] Ich erkenne bei der AfD keine klare Medienstrategie, auf jeden Fall keine auf Bundesebene. Da werkelt eigentlich eher jeder vor sich hin, je nachdem, was für eine politische Ausrichtung er innerhalb der AfD hat. Manche wollen mehr auf die Pauke hauen, andere sind zurückhaltender, aber bisher konnte sich die Partei da noch nicht wirklich auf ein professionelles gemeinsames Konzept einigen.

    [0:38] Das heißt, wenn ich Sie richtig interpretiere, ist das er ein Flickenteppich: Jeder macht das, was er will, oder?

    [0:45] Genau, in der AfD macht jeder Medien-mäßig das, was er will. Und gerade weil die auch so verfeindet sind untereinander, die Spitzenleute, will sich natürlich keiner der Strategie des anderen unterordnen. Und die sind auch nicht besonders kompromissbereit, was die eigene Botschaft angeht. Deswegen funkt jetzt Alexander Gauland ganz anders als Frauke Petry.

    [1:05] Es gibt Arbeitspapiere, die zum Teil geleakt wurden, und unter anderem die Idee, die jetzt kursiert, die AfD würde eigene Medien starten, also über Facebook hinaus vielleicht eine eigene Zeitung starten, vielleicht ein eigenes Fernsehprojekt im Netz starten. Für wie wahrscheinlich halten Sie, dass die Partei auch ihre Ressourcen in solche Projekte kanalisiert?

    [1:24] Also was das Strategiepapier angeht, was da geleakt wurde, da habe ich den Eindruck, dass die AfD ein bisschen aus der Not eine Tugend gemacht hat: Man ist eben immer wieder mit Tabubrüchen aufgefallen, hat gemerkt, das bringt wahnsinnig viel Aufmerksamkeit und Breitenwirkung. Das war aber keinesfalls immer strategisch. Und ich glaube, dass man jetzt im Nachhinein quasi dieses als Strategie legitimiert hat sozusagen und man auch mit dieser Strategie wieder provozieren wollte, indem man gesagt hat, wir wollen jetzt solche Tabubrüche herstellen und freuen uns dann an dem Geschrei darum herum. Aber ich glaube, viel von dem, was da passiert ist, war gar nicht so strategisch, sondern waren oft eher Unfälle, Ungenauigkeiten, Schludrigkeit.

    [2:06] Aber jetzt eigene Medienprojekte starten, Stichwort „Zeitungen“, Stichwort „Fernsehen“, große Bewegtbildoffensive im Netz – wird das kommen?

    [2:11] Ich könnte mir vorstellen, dass wir im Netz ganz viel Bewegtbild von der AfD sehen werden. Die haben jetzt schon AfD-TV. Das ist so ein YouTube-Kanal. Und die arbeiten auch auf ihren Facebook-Auftritten ganz intensiv mit Videos und kleinen Clips und so. Ob das jetzt eine regelrechte Nachrichtenseite wird? Ich glaube, das schaffen die bis zur Bundestagswahl nicht – oder ein regelrechter Sende quasi. Aber da die FPÖ aus Österreich ja das große Vorbild der AfD ist und die haben ja medial nahezu alles mit eigenen Kanälen, denke ich, dass man irgendwas in die Richtung sehen wird. Und vielleicht noch kurz, was die Printmedien der AfD angeht: Die haben jetzt schon allerlei Veröffentlichungen, Blättchen wie die „Blaue Post“, haben auch im Internet Nachrichtenportale. Also da merkt man, dass das auf jeden Fall in den Anfängen schon vorhanden ist, wird sich auch noch ausgebaut.

    [2:59] Glauben Sie an so etwas wie eine – ich sag mal – mediale Abschottungsstrategie?

    [3:03] Ja, das ist auf jeden Fall eine Kanalisierungsstrategie, würde ich sagen, also der Versuch eben, an den klassischen Medien vorbei ungefiltert die eigene Klientel zu erreichen. Die AfD weiß, dass sie journalistisch von uns nicht viel Gutes zu erwarten hat oder zumindest, dass regelmäßig wir kritisch und negativ über ihre Positionen und ihr Verhalten berichten. Und warum soll man sich diese Mühe machen, mit kritischen Journalisten sich abzugeben, wenn man die Klientel direkt erreichen kann?

    [3:27] Und dennoch gibt es ja auch zum Teil immer noch in Printmedien – Sie haben neulich auch eins geführt im „Spiegel“ mit Höcke – sozusagen die großen klassisch-opulenten, man will was sagen sie inszenierten, also im Sinne der Gesprächspartner letztlich platzierten Interviews, die gibt es ja nach wie vor. Warum, glauben Sie, gibt es immer noch – ich sag mal – so einzelne Duftmarken in klassischen etablierten Medien?

    [3:50] Ich glaube, dass das seltene Ausnahmen sind dieses Sachen. Also das Höcke-Interview bei uns war schon ein Sonderfall, würde ich sagen. Er war extrem unter Druck und wollte sich gerne noch mal erklären ausführlich in einem Mainstream-Medium. Das ist aber ungewöhnlich und die Ausnahme, würde ich sagen. Das war für ihn Risiko, das auch nicht unbedingt so hingehauen hat, noch allem, was ich aus der AfD höre, wie die Resonanz auf dieses Gespräch war. Aber jemand wie Beatrix von Storch – ich weiß gar nicht, wann die das letzte Mal ein Interview in einem „Mainstream-Medium“ gegeben hat. Die hat ihre eigene Internetseite freiewelt.net, von ihrem Mann betrieben, wo sie eben auch die Klientel ganz direkt erreichen kann. Da interviewen ihre Mitarbeiter sie und dann hat sie dann ein schönes Interview. Wenn man genau hinguckt, dann merkt man, dass die AfD vor allem die Massenmedien nutzt – Fernsehen, Radio und dann immer noch „Bild“, „Bild online“, „Bild am Sonntag“, einfach weil da die Reichweite so gewaltig ist. Bei uns – „Spiegel“, „Spiegel Online“ – sind die auch extrem zurückhaltend geworden.

    [4:48] Jetzt versuchen Sie ja dennoch seit Jahren schon, die AfD letztlich abzubilden, tasten sich sozusagen an die Wahrheit vor. Wie sehr, glauben Sie, gelingt Ihnen das, wenn Sie – man möchte ja fast sagen – Opfer dieser Medien-, dieser Abschottungsstrategie werden?

    [5:05] Es kann immer noch gelingen, die AfD auch unter diesen Umständen gut abzubilden, glaube ich, aber es ist auf jeden Fall mehr Mühe, mehr Arbeit. Man muss länger an Kontakten dranbleiben, sich Vertrauen erarbeiten und man kann sagen, man muss sozusagen Bypässe legen zu den üblichen Kanälen. Also ich bekomme zum Beispiel von Frauke Petry jetzt keine Pressemitteilungen – auch auf wiederholte Bitte hin. Und ihr Presseteam lädt mich auch nie zu irgendwelchen Termin mit ihr ein. Also dann muss ich eben selber gucken, was kündigt sie an, und dann eventuell hinfahren auf gut Glück, ob man reinkommt oder nicht. Also das ist es einfach mehr Aufwand. Aber in so einer verfeindeten Parteien findet man immer irgendjemanden, der mit einem redet, weil der im Zweifelsfall hofft, dass man den Gegner dann eindost, insofern: Es lässt sich immer ein Zugang finden.

    [5:52] Das heißt, es hilft Ihnen, dass die Parteien nicht so homogen ist?

    [5:56] Also journalistisch gesehen hilft es mir sehr, dass die Partei nicht so homogen ist. Also man kann immer im Zweifelsfall einen finden, der eben der Feind des anderen ist und der einem etwas erzählt. Man muss eben nur aufpassen, dass die einen dann nicht versuchen einzuspannen für die eigenen Zwecke. Also man muss deren Informationen dann auch noch mal gegenchecken oder – sollte man als Journalist sowieso idealerweise – mit allen reden. Die AfD hat eine sehr starke Neigung dazu, über Journalisten ihre Machtkämpfe auszutragen. Und da muss man einfach versuchen, möglichst distanziert, neutral zu bleiben und nicht unter den Verdacht zu geraten, dass man einem Lager angehört.

    [6:32] In Ihrem Buch beschreiben Sie auch anekdotisch, was Ihnen widerfährt, wenn Sie es dann tatsächlich auf Parteiveranstaltungen schaffen, also wenn Sie Zugang bekommen. Was haben Sie da zuletzt erlebt?

    [6:43] Also was extrem unangenehm war, war eine Veranstaltung in Sachsen, bei der der Ehemann von Frauke Petry mich eben von der Bühne herab so begrüßt hat als die Frau, die ja bekannt ist dafür, Indiskretionen zu begehen und negativ über die Partei zu schreiben und zu versuchen, ihn und Frauke Petry auseinander zu bringen. Wenn man dann so in der Menge sitzt und so etwas gesagt wird und man weiß nicht, wer sitzt da jetzt um einen herum, was denken die in dem Moment, werden die jetzt wütend, werden die handgreiflich, sollte ich jetzt rausgehen oder nicht, sollte ich mich zu erkennen geben, soll ich widersprechen oder nicht. Also das eine völlig neue Konfrontation und natürlich ganz klar auch ein Einschüchterungsversuch, an den man sich da gewöhnen muss.

    [7:22] Wie gehen Sie dann vor Ort damit um?

    [7:23] In diesem konkreten Fall hatte mich sogar mein Sitznachbar dann gefragt „Sind Sie das etwa?!“ und…

    [7:30] …aus der AfD jemand, oder…

    [7:31] …es war ein Zuhörer aus jedem Fall aus dem AfD-Milieu. Ob der jetzt Mitglied war, weiß ich nicht, aber war auf jeden Fall Sympathisant. Und ich habe ihm dann gesagt im dem Moment: „Wenn Sie wollen, können wir das nachher besprechen nach der Veranstaltung und ich erzähle Ihnen meine Sicht der Dinge“. Und damit war er dann auch einverstanden und dann bin ich auch mit ihm und noch einem halben Dutzend weiteren von seinen Buddies noch was trinken gegangen und habe denen eben gesagt, ich gebe euch ein Bier aus und ich erzähle euch, wie ich das sehe. Und dann ist man auch am Ende ganz nett auseinandergegangen. Also man kann, wenn man denen zeigt, dass man gesprächsbereit ist, doch auch noch irgendwie eine positive Ebene herstellen. Aber – ja – ich habe vielleicht auch Glück gehabt an dem Abend.

    [8:08] Vielleicht ergeben sich so ja auch neue Quellen?

    [8:10] Das stimmt, das ist auch ein Weg, neue Quellen zu finden.

    [8:12] Jetzt kommen Sie natürlich nicht umhin, eine kleine Wahlprognose abzuliefern als die AfD-Expertin. Wie wird es wohl Ihrem Bauchgefühl nach ausgehen?

    [8:20] Also im Buch habe ich ja geschrieben, die AfD könnte an der 20-Prozent-Marke kratzen. Im Moment steht sie jetzt dank Björn Höcke und Martin Schulz ungefähr bei elf Prozent. Ich glaube, dass sie noch höher kommen wird vor der Bundestagswahl. Ich glaube, dass einfach die Stimmungen, die diese Partei tragen, noch stark genug sind, um sie an die 16 Prozent bei der Bundestagswahl zu kriegen. Es muss ja auch nur wieder einen großen Terroranschlag geben oder ein Wiederaufflammen der Eurokrise zur richtigen oder falschen Zeit – je nachdem, wie man es beurteilt. Ich glaube schon, dass wir noch mal ein ordentliches Comeback von denen sehen werden.

    [8:53] Was machen Sie danach? Dann haben Sie vier Jahre ungefähr die AfD begleitet. Gehen Sie dann ins fünfte und sechste Jahr oder sagen Sie irgendwann „Okay, jetzt habe ich mir genug ja auch angetan – sozusagen fast Handgreiflichkeiten – und jetzt ist auch mal gut“?

    [9:09] Ich möchte schon die Anfangszeit der AfD im Bundestag noch mit begleiten, weil mich wirklich auch interessiert, wie diese Fraktion arbeiten wird, wie die Machtverhältnisse sich dort ausspielen werden. Im Moment sind ja die Streithähne in ihren Bundesländern und treffen sich zwar mal im Bundesvorstand, aber sind nicht gezwungen, so auf engem Raum ständig zusammenzuarbeiten. Und wie sich das so zurecht ruckelt und die Machtverhältnisse da wieder verschieben, das würde ich schon noch gerne mitbekommen. Aber ich merke schon, dass ich manchmal auch einen gewissen Überdruss jetzt an der Partei habe. Ich hab das Gefühl, ich habe all diese Streitereien schon gesehen, ich habe diese ganzen Kommunikationsmechanismen schon erlebt von denen. Also – ja – vielleicht ist es dann auch irgendwann auch mal gut.

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    Fotocredit:Thomas Hedrich/Fotostudio Charlottenburg