Journalist • Producer

PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • MEDIENNOTIZEN #4: Freischreiber

    Benno Stieber und Carola Dorner

    Der bisherige Freischreiber-Vorsitzende und seine Nachfolgerin:
    Benno Stieber und Carola Dorner Fotos: Bouhs

    Im Sommer 2012 habe ich eine Entscheidung getroffen, über die einige Kollegen den Kopf schüttelten: Ich habe meine Festanstellung gekündigt, um – wieder – freiberuflich zu arbeiten. Die Idee: nicht nur schreiben, sondern auch für Hörfunk und Fernsehen produzieren. Und weil ich beides nie gelernt hatte, musste ich mich hier erstmal reinfuchsen – mit Hilfe geduldiger Kollegen. Ein fester Posten wäre eine zu starke Fessel gewesen.

    Und es gab noch einen Grund, den ich neulich einer Kollegin erzählt habe: Freiberufler müssen zwar schauen, wo sie bleiben, dafür können sie aber viel leichter ‘nein’ sagen – zum Wecker, zur täglichen Konferenz, zur Zusammenarbeit mit unangenehmen Kollegen, zu uninteressanten Themen.

    Will heißen: Auch wenn eine Festanstellung künftig für mich kein Tabu ist – ich bin freier Journalist aus Überzeugung.

    Mit den Freischreibern gibt es seit bald zehn Jahren sogar einen Berufsverband für Menschen wie mich: Kollegen, die sich gegenseitig stützen und gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen – vor allem bei Verlagen, denn zum ganzen Bild gehört auch, dass die Arbeit für Radio und TV im Vergleich meist das Paradies ist mit Tages- statt Zeilensätzen, dazu Kranken- und Urlaubsgeld und oft auch Bestandsschutz, dazu teils bezahlten Fortbildungen. Die meisten Verlage drücken sich in erschreckender Konsequenz vor solchen Arbeitsbedingungen.

    Vor meiner Festanstellung war ich mal Mitglied bei den Freischreibern. Inzwischen halte ich es hier wie mit dem Netzwerk Recherche: Um diese Gruppen journalistisch begleiten zu können, halte ich mich raus.

    Am vergangenen Wochenende haben sich die Freischreiber getroffen. Ich war unter anderem für den Deutschlandfunk da, der sich in seinem Medienmagazin “Mediasres” am Tag der Arbeit monothematisch mit den Arbeitsbedingungen von Journalisten, Gewerkschaften und eben auch ihren Alternativen beschäftigt hat. Die ganze Sendung zum Nachhören gibt’s hier, meinen Freischreiber-Beitrag als Audio hier:

    Auf dem Treffen hat sich Benno Stieber nach vier Jahren von der Freischreiber-Spitze zurückgezogen. Seine Bilanz fällt selbstkritisch aus. Einerseits kann er darauf verweisen, dass sich die Freischreiber unter ihm lautstark in Debatten eingemischt und Freien so eine Stimme gegeben haben, etwa beim Umgang von Gruner + Jahr mit seinen Freien oder den Interessen der Autoren bei der VG Wort, auf deren Versammlung die Freischreiber auch Ende Mai wieder präsent sein wollen, diesmal in Begleitung ihres Hausanwalts. Andererseits sagte mir Stieber auch offen:

    “Die Honorare sind nicht gestiegen, weil es jetzt Freischreiber gibt. Das ist ein Problem. Letztlich ist das nach neun Jahren auch so etwas wie ein Misserfolg. Wobei man sich da einfach keine Illusionen machen darf: Das ist das härteste Brett, das es zu bohren gilt. Da muss man einen langen Atem haben, um für Verständnis zu sorgen. Und wahrscheinlich braucht man auch politisch andere Rahmenbedingungen, um da voran zu kommen.”

    Künftig ist es vor allem Aufgabe seiner Nachfolgerin Carola Dorner, dieses Brett zu bohren. Dass das keine einfache Sache ist, sagte sie in Frankfurt selbst: Zwar räume das aktualisierte Urheberrecht Organisationen wie den Freischreibern nun ein Verbandsklagerecht ein, doch die Zeitungsverleger hätten nun mal pünktlich die gemeinsamen Vergütungsregeln aufgekündigt. “Hier sind wir an keiner Stelle weiter gekommen”, sagte Dorner ihren Mitgliedern. Sie will hier aber hartnäckig bleiben, denn:

    “Der aller, aller größte Teil von unseren Mitgliedern möchte frei sein. Wir sind keine verhinderten Festen. Wir wollen so arbeiten wie wir arbeiten – und das zu Bedingungen, zu denen man arbeiten kann.”

    Ob Freischreiber oder nicht: Diesen Satz kann ich guten Gewissens unterschreiben.

    * * *

    Noch rasch ein TV-Tipp: Noch zwei Tage bleiben, bis Arte “Die Ära Obama” depubliziert. Jede Folge dieses Vierteilers seziert eine Entscheidungsfindung und den Lobby-Widerstand dagegen, etwa zur Gesundheitsreform oder Luftanschläge im Nahen Osten. Unaufgeregt und vor allem mit den persönlichen Erinnerungen der wichtigsten Entscheidungsträger, nicht zuletzt auch: von Barack Obama selbst.

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