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Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • MEDIENNOTIZEN #5: Correctiv und der “Sexskandal”, Sigmund Gottlieb wacht auf

    Nun tummelt sich Correctiv auf der Suche nach “Impact” also auch auf dem Boulevard. Jedenfalls: Völlig gleich, ob es hier um eine Politikerin der AfD geht oder nicht – der “EXKLUSIV” herbeigeschriebene “Sexskandal” ist das Verschriftlichen eines intimen Vorgangs, vor allem in diesen Details.

    In den Kommentaren unter der Geschichte, auf den sozialen Kanälen von Correctiv und auch in meiner Filterblase ist das Entsetzen dann auch groß:

    Und auch mit der ersten Rechtfertigung – abgesetzt in der Nacht – tut sich “Correctiv-Ruhr” eher keinen Gefallen:

    Correctiv-Chefredakteur Markus Grill hat sich hinter seinen Herausgeber gestellt (siehe Zitat in den Updates). Ich meine dennoch: Diese Geschichte – und nicht zuletzt die detailreiche Umsetzung – lässt an der Mission “Correctiv” zweifeln.

    Update 3.5.2017 10:20 Uhr: Ergänzend zur Rechtfertigung von “Correctiv Ruhr” auf Facebook hat Correctiv-Herausgeber David Schraven gegenüber Turi2 u.a. erklärt: “Der Skandal ist nicht, dass Iris Dworeck-Danielowski ihren Körper für Geld angeboten hat. Das sollte in unserer aufgeklärten Gesellschaft kein Problem sein. Der Skandal ist, dass sie dies in ihrer Partei vor der Wahl der Landtagskandidaten verschwiegen hat.”

    Update 3.5.2017 10:46 Uhr: Der “Tagesspiegel” hatte die Correctiv-Geschichte noch am Abend übernommen. Inzwischen findet sich auf der Seite nur noch dieser Hinweis: “Der Text, der ursprünglich unter diesem Link erschien, war aufgrund eines redaktionellen Fehlers veröffentlicht worden. Deshalb ist er gelöscht. Wir bitten, dies zu entschuldigen.”

    Update 3.5.2017 12:05 Uhr: David Schraven erklärt nun ausführlich in einem Blogeintrag “Warum ich über AfD-Spitzenfrau Iris Dworeck-Danielowski geschrieben habe”. Außerdem stellt sich Chefredakteur Markus Grill hinter ihn. Er schreibt mir:

    “Unserer Ansicht nach muss es ein Kandidat oder eine Kandidatin, die sich für ein öffentliches Amt bewerben, ertragen, dass man ihre biografischen Angaben überprüft. Wenn Kandidaten oder Politiker ihre Biografie frisieren, um bessere Wahlchancen zu haben, ist es unserer Ansicht nach legitim, darüber zu berichten. Das ist auch der Grund, weshalb wir über das Vorleben der AfD-Kandidatin in NRW berichtet haben.”

    * * *

    Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf ein Format lenken, für das Sie Ausdauer mitbringen sollten, das sich aber zunehmend lohnt: Den “Aufwachen“-Podcast von Tilo Jung und Stefan Schulz. Ja, die beide können nerven, aber sie stellen immer häufiger auch die relevanten Fragen – und das ist das Entscheidende.

    Mit ihrem Podcast sind sie nun bereits zum 200. Mal auf Sendung gegangen. Überraschungsgast: Sigmund Gottlieb, der ebenso umstrittene wie unbeirrbare und jüngst dann doch mal ausgeschiedene Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks (eine kleine Rückschau drüben bei Übermedien). Und Gottlieb hatte in den fast zweieinhalb Stunden viel zu erzählen.

    Gottlieb feiert sich: Als er noch Redakteur beim “Münchner Merkur” war, klingelte er den Leiter des örtlichen ZDF-Landesstudios nach eigener Erinnerung um 23.30 Uhr vom Sofa, um sich nach der freien Stelle zu erkundigen, von der er nur Sekunden davor gehört hatte. Während seines Nachtdienstes in der Zeitungsredaktion war Gottlieb mit zwei Gläsern Wein betankt. Diese Anekdote ist für Gottlieb ein “Schlüsselmoment”, ohne den es den BR-Chefredakteur Gottlieb nie gegeben hätte.

    Gottlieb klärt auch auf: Das Telefon, das später im “heute-journal” auf seinem Moderationstisch stand, sei “im Grunde eine Attrappe gewesen – es hat zwar funktioniert, aber die entscheidenden Kommandos bekam ich über den Ohrstecker”. Nichts anderes sei heute “der Laptop auf dem Tisch des ein oder anderen Moderators”, womit er freilich seinen Nach-Nach-Nach-…-Nachfolger Claus Kleber meinte: “Ausdruck moderner Kommunikation, aber der Kommunikationsfluss läuft über andere Kanäle.”

    Und Gottlieb tadelt und fordert, nämlich bei gut 47 Minuten auf die Frage von “Aufwachen”-Moderator Schulz, warum hierzulande eine Sendung nach dem Vorbild der polemischen und teils auch im Fernsehen übertragenen US-Talkradios fehle, die politische Information seien mit klarer Verortung:

    “So ein Format wäre sicher gut, weil es Provokation schafft und weil es zum Nachdenken anregt. Übrigens, vor Jahren gab es das in einem ganz anderen Format – nicht so personalisiert, vor allem in den Beiträgen realisiert: Das sind die politischen Magazine der ARD gewesen, also ‘Report’, ‘Monitor’, ‘Kontraste’, ‘Report Baden-Baden’ und so weiter. Da wurde wirklich starker Meinungsjournalismus gemacht. Das ist heute leider nicht mehr der Fall.

    Auch hier werden wir getrieben vom Blick auf die Quoten, machen also nur Verbraucherthemen. Wie gefährlich sind die Keime in den deutschen Krankenhäusern, (das) ist ein wichtiges Thema, aber (das) ist jetzt für eine politische Diskussion, wie es früher der Fall war, nicht so relevant. Die politischen Meinungsmagazine haben sich sehr stark zu Verbrauchermagazinen gewandelt. Das ist wichtig, aber ich finde, es bildet nicht alles ab, was man braucht.

    (…) Möglicherweise ist das wirklich eine Idee, deren Zeit jetzt gekommen ist. Nachdem wir uns jetzt über viele Jahre in dieser puristischen Trennung in Nachricht und Meinung – die es nach wie vor geben soll – bewegt haben, würde ein solches Format sicher auch guttun.

    Der vielleicht wichtigste Satz fällt allerdings schon ganz am Anfang seines Auftritts. Gottlieb – vorgestellt als “Legende” – konterte:

    “Legende ist etwas, was aufgehört hat. Es hört aber nicht auf. Es geht weiter!”

    Vielleicht bekommt Gottlieb ja doch eine meinungslastige Show. Oder er wird einer dieser öffentlich-rechtlichen Nachtreter. Genug zu erzählen hätte er in jedem Fall. “Es geht weiter!” – das ist auch eine Kampfansage.

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