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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Wilhelm: Gemeinsame Plattform mit Verlagen?

    BR-Intendant Ulrich Wilhelm hat zu seinem ersten öffentlichen Pressegespräch als ARD-Vorsitzender ins Berliner Hauptstadtstudio geladen. Dabei platziert er auch die Idee einer “gemeinsamen Plattform” für die Inhalte etwa von Sendern und Verlagen.

    Wörtliches Transkript

    Wilhelm: “Dann haben wir natürlich die Diskussion mit den Verlagen – und zwar auch allüberall. Ich hatte ja schon mal beisteuern können, dass trotz unterschiedlichster Bemühungen in keinem Land Europas bisher ein wirklicher Friedensschluss gelungen ist zwischen Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern. Ich bin ja seit einigen Jahren der Vertreter von ARD und ZDF in der EBU und wir reden darüber häufig, auch immer wieder über die unterschiedlichen Initiativen. Es gab durchaus immer wieder die Hoffnung, es könnte aus dem Beispiel eines Landes dann ein Modell entstehen, das wir in anderen Ländern übernehmen könnten – und dann haben aber auch nach begonnenen Gesprächen die Kollegen häufig berichtet “Wir waren wirklich ganz knapp davor, aber es hat am Ende halt doch nicht geklappt” – weil wir bestimmte Gesetzmäßigkeiten haben, vor allem, wenn es um die Suchmaschinen geht. Die Hälfte ungefähr unseres Publikums kommt ja über Suchmaschinen nach Inhaltsbegriffen auf unsere Angebote im Netz. Und dabei ist einfach Text in einem bestimmten Umfang notwendig, um gefunden zu werden. Und das war zum Beispiel so ein Punkt, wo halt diese Grundbedingung für alle Akteure gleichermaßen gilt.

    Dennoch würde ich sagen, es wäre eine Torheit und wirklich nicht zu Ende gedacht, wenn wir nicht die Ambition hätten, immer wieder daran zu arbeiten, dass uns da eine Einigung gelingt. Weil wir am Ende so viel mehr gemeinsame Interessen haben als Gegensätze. Und so habe ich auch die letzten Jahre erlebt. Ich durfte ja in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder auch zum einen mit Herrn Heinen, dann mit Mathias Döpfner die Gespräche führen. Und auch auf Ebene Bayern und Baden-Württemberg hatten wir Begegnungen. Da war wirklich der gute Wille auf beiden Seiten immer vorhanden. Wir haben nie gedacht, das Beste wäre aufeinander jetzt einfach loszugehen. Aber es ist ein mühsames Ringen darum, wie wir bei der Wahrung unserer Zukunft im Netz – die wir alle ja brauchen – da vorankommen.

    Eine Zukunftsidee, die heute natürlich nie und nimmer schon belastbar ist, aber vielleicht als eine Schneise für mögliche Gestaltungen gilt, ist in der Tat auch die Frage, ob wir nicht zu einer gemeinsamen Plattform auch kommen könnten für die Inhalte der unterschiedlichsten Qualitätsanbieter, weil wir im Moment auch ganz stark dem unterliegen, was sozusagen von den US-Giganten Facebook, Google usw. kommt. Sie lesen selber: Jede Änderung des Algorithmus – die ja nie besprochen wird, nie vorangekündigt wird, nie transparent gemacht wird – führt dazu, dass man sofort im Wettbewerb entsprechende Folgen dann zu tragen hat.

    Und es wäre sozusagen ein ganz großer Wurf, den Europa leisten könnte, zu dem wir als Teilnehmer natürlich nur einen ganz kleinen Beitrag leisten könnten. Aber ich glaube, es wäre lohnend, auch darüber mal vertieft die Diskussion in Europa zu führen, wenn es darum geht, welche Zukunftsideen hätte denn dieses Europa. Da wäre in der digitalen Welt aus meiner Sicht wirklich etwas Lohnendes zu sondieren und zu eruieren.”

    Eine massive Mediathek auch mit Text-Content der Verlage – ist das Ihre Zukunftsidee? Und bei dem Thema Verlage vielleicht noch Ihre Einschätzung zu der Bremen-Geschichte: Es gab den Rechtsstreit und jetzt den neuen Versuch, öffentlich-rechtlichen Video-Content auf die Verlagsseiten zu bringen. Das gab es schon mal beim WDR. Ich weiß nicht, ob Sie das auch schon mal vorhatten. Ist das etwas, das hinter den Kulissen immer wieder gefordert wurde, den Content auch herzugeben?

    Wilhelm: “Vielleicht vorweg Bremen: Wir haben das selber auch schon gemacht, auch etwa mit einzelnen Zeitungen in Bayern. Generell würde ich sagen: Alles, was an Kooperation gelingt, ist sehr zu begrüßen. Wir haben ja auch dazu vielfach zusammengesessen – Verleger-Präsidien mit Intendanten oder Vertretern von Häusern, auch bei mir jetzt im Sendegebiet. Und dabei kam immer wieder auch sehr Ermutigendes an Projekten raus, auch Recherche-Kooperationen. Nicht jetzt nur die sozusagen dauerhaften, die diese große Prominenz haben, sondern auch viele Dinge, die wir im Einzelnen machen, auch punktuell oder für einzelne Ereignisse. Auch da würde ich immer sagen: Das ist hilfreich und schafft auch Vertrauen und bricht ein bisschen die Konfrontation auf. Von daher kann man es nur auch würdigen, was da gelungen ist. Und das ist beileibe nicht jetzt ein Pionier-Projekt, sondern genau solche Beispiele gab es auch schon in anderen Teilen der Bundesrepublik.

    Und die andere Frage, da muss man bescheiden sein: Es wäre vermessen, bei einer solchen Großangelegenheit die ja erstens technisch sehr aufwändig ist. Da ist ja wirklich von der Informatik und der mathematischen Seite her sehr, sehr viel Denkarbeit zu leisten. Sie haben natürlich dafür auch einen beachtlichen Aufwand des Gesetzgebers zu bedenken – Stichwort “Kartellfragen” und anderes mehr, Urheberrechtsfragen. Aber ich würde es so sagen: Die Initiative soll ja einfach ein Nachdenken in die Richtung ermöglichen. Am Ende kommt es darauf an, ob alle die, die da als Akteure zu gewinnen wären, sagen, das könnte hilfreich sein. Das ist ein Gesprächsprozess, den ich mir vorstelle, wo es auch schon einzelne, erste, ganz lose Verabredungen gibt, wo man einfach nur das Gespräch suchen müsste, kann das was nützen, kann das helfen und auf welcher Ebene wäre das dann besser zu lösen – die nationale, die europäische, das ist alles ein Thema des pragmatischen Nachdenkens.

    Aber ich glaube, dass es ganz vom Grundsätzlichen her wirklich Sinn machen würde, weil wir ja in Europa wirklich ein Kontinent der Vielfalt sind und von Hause aus ein größeres Problem haben mit Geschäftsmodellen, wo man einfach Inhalte global ausrollt, global refinanziert und sozusagen eine digitale Weltgemeinde aufmacht. Ich finde die Thematik der ganz unterschiedlichen, höchst schützenswerten Inhalte – seien sie jetzt aus der Herkunft der Verlage, seien sie aus der Urheberschaft von öffentlich-rechtlichen Sendern. Aber auch was andere Akteure, die ja für dieses europäische Selbstverständnis stehen, für die Lebensweise Europas stehen – was ist mit diesen Inhalten, können die dauerhaft existieren in einem technischen Biotop bei dieser weiteren Entwicklung, wie sie so rasant abläuft, wo im Prinzip diejenigen Inhalte prämiert werden, die halt ganz stark global ausrollbar sind und refinanzierbar sind.”

    Das heißt aber, die Verlage, mit denen Sie sprechen – also Döpfner, Heinen – wären offen, dass da auch gemeinsam Dinge ins Netz gestellt werden, dass es also nicht getrennte Welten gibt – Öffentlich-Rechtlich und Verlage –, sondern dass durchaus auch ein bisschen verschwimmen kann im Digitalen?

    Wilhelm: “Also ich würde da seriöserweise darum bitten, dass wir in einem Jahr mal drüber reden. Dann können wir echt eine Zwischenbilanz ziehen, ob das eine lohnende Idee ist oder nicht, weil eben wie gesagt nicht alles, was Sinn machen würde, dann auch umzusetzen ist. Das muss man wirklich genauer abklopfen und sich ansehen. Aber ich glaube, dass dies ein spannendes Gesprächsthema ist für uns alle.”

    Weil das auf so einer abstrakten Ebene ist: Wäre das die Öffnung des Multi-Tools der ARD, ARD-Use für alle?

    Wilhelm: “Es ist zu früh, jetzt zu sagen: Nur so kann es gehen, sondern es ist eine Idee, die darauf angelegt ist, mit den Verlagen auszuloten, ob es da Gemeinsamkeiten gibt. Also ich würde nicht sagen, so muss es sein, lieber Mathias Döpfner, sondern die Frage wer eher an ihn und viele andere, könnte das ein Feld sein, über das wir gemeinsam nachdenken sollten, welche Voraussetzungen bräuchten wir miteinander, damit alle auch tatsächlich weiterkommen könnten. Und da müsste man natürlich auch in erheblicher Weise den Gesetzgeber involvieren.”