Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin und Hamburg - v.a. für den NDR.
>> zur Vita
>> zur Technik
>> zur Transparenz

 

PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Zeitungen im Einheitslook?

    Ein Mantel für alle

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags

    Lars Haider in seiner Redaktion. Die Journalisten des “Hamburger Abendblatts” konzentrieren sich ganz aufs Lokale. Berichte aus Deutschland und der Welt bekommen die Blattmacher von außen zugeliefert. Ein Modell – etabliert schon vor Jahren.
    “…diese Seite, und am Ende diese Seite.”
    “Heute sind es von den 44 Seiten, die morgen im Hauptprodukt erscheinen, kommen exakt 6 aus der Zentralredaktion in Berlin.”
    Fix und fertig?
    “Fix und fertig. Aber da muss man auch sagen, das sind halt 6 von 44.”
    Nicht viele, aber: prominente Seiten. Etwa die Berichterstattung über die Bundespolitik, dazu Berichte der Auslandskorrespondenten und ein bisschen Buntes. Der sogenannte Mantel. Ein Qualitätssprung für den
    Chefredakteur – auch verglichen zu der Zeit, als sich das “Abendblatt” noch einen eigenen Korrespondenten in Berlin geleistet hat:
    “Wenn das ‘Hamburger Abendblatt’ dann ein Interview mit dem Bundeskanzler damals oder später mit der Bundeskanzlerin haben wollte, haben die gesagt ‘Ja, ihr seid auch mal alle vier Jahre dran, nämlich immer bei der Hamburg-Wahl’. Und den Rest der Politikberichterstattung haben die meisten Regionalzeitungen von einer einzigen Zentralredaktion übernommen, nämlich der Zentralredaktion, wenn man so will, der Deutschen Presseagentur. Und da ist es da ist es schon, finde ich, eine Verbesserung, wenn es auf einmal nur fünf, sechs, sieben größere Zentralredaktionen gebe. Dann wäre auf jeden Fall mehr Vielfalt als es früher war.”
    Haiders Zentralredaktion sitzt in Berlin. Sie beliefert alle Zeitungen, die zur Funke-Mediengruppe gehören – auch das “Hamburger Abendblatt”.

    Zentralredaktionen wie hier der Funke-Gruppe sind zweifellos eine neue publizistische Kraft. Zeitungsforscher Horst Röper vermutet aber vor allem eine andere Motivation bei den Verlegern.
    “Es ist ein kostensparendes Modell und darum geht es. Die Verlage wollen Kosten einsparen, das können Sie mit diesem Modell in der Tat. Und deswegen reüssiert dieses Modell inzwischen ja bei vielen Gruppen und jetzt sogar über Gruppen-Grenzen hinaus, also durch den Verbund von mehreren großen Verlagen.”
    Einen solchen Verbund bildet das Redaktionsnetzwerk Deutschland RND von Madsack in Hannover. Es beliefert mehr als 40 Tageszeitungen.
    Bislang hat auch die DuMont-Gruppe in Berlin eine Zentralredaktion betrieben – für die eigenen Zeitungen.
    Nun aber gibt DuMont seine Zentralredaktion auf, macht stattdessen gemeinsame Sache mit dem RND – dessen publizistische Macht damit noch weiter wächst.
    Festakt in Hannover vor wenigen Wochen: Madsack feiert – 125 Jahre Verlagsgeschichte. Es gratuliert der Bundespräsident – mit einer deutlichen Botschaft:
    “Wenn man dann mit einem überregionalen Bericht oder Kommentar täglich in Zukunft vielleicht fast sieben Millionen Leser von mehr als 50 Tageszeitungen erreicht, dann muss sich jeder einzelne Journalist auch bei Madsack immer bewusst sein, wie viele Menschen er am nächsten Tag mit seiner Bewertung von politischen Vorgängen natürlich beeinflusst.”
    Was bedeutet diese Entwicklung für die journalistische Vielfalt?
    “Was wir verlieren, sind die unterschiedlichen Blickwinkel und diese unterschiedlichen Blickwinkel haben sich früher auch gegenseitig befruchtet, das heißt die Kollegen in Berlin haben natürlich auch immer nachgelesen, was hat der andere aus dem Thema gemacht und haben das eben dann vielleicht in ihre künftige Berichterstattung mit einfließen lassen. Diese Wechsel von Blickwinkeln, diese zusätzlichen Aspekte entfallen nun, weil wir eine relativ einheitliche Berichterstattung haben.”
    Die Funke-Zentralredaktion bleibt für ZAPP verschlossen. Auch der Newsroom von Madsack. Beide sehen in der Zentralisierung kein Sparprogramm, sondern ein Modell für die Zukunft. Auch die Vielfalt bleibe erhalten.
    “Die geht überhaupt nicht zurück, weil es so viele überregionale Zeitungsgruppe gibt und überregionale Medien wie öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk, Magazine, es kommen neue Internetanbieter, die auch überregionalen Journalismus machen. Da muss sich keiner Sorgen machen.”
    Nürnberg. Vor allem im Süden der Republik produzieren viele Redaktionen ihre Zeitungen noch komplett selbst – von der ersten bis zur letzten Seite. So wie die “Nürnberger Nachrichten”.
    “Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, den Mantel hier selbst zu produzieren. Er muss passen für die Region, für die wir hier Zeitung machen, also für den nordbayerischen Raum, einen Umkreis von 60, 70 Kilometer rund um Nürnberg. Wir finden, wir müssen auch verstehen, wie die Leute hier ticken, und glauben, dass die Nähe zu den Lesern ganz wichtig ist. Deswegen sind wir wild entschlossen, hier zu produzieren für die Menschen hier vor Ort.”
    Das klappt aber nur mit Material der Nachrichtenagenturen. Die Titelseite: mitunter fast komplett mit Texten der dpa – echter Massenware. Die übrigen Seiten aber: mit eigenen Geschichten. Brüssel will neue Regeln für E-Bikes – der Bericht erzählt die Folgen – nicht irgendwo, sondern konkret in Nürnberg.
    Glauben Sie, dass das Zentralmantel-Modell – die Fertigseiten Politik, Wirtschaft –, dass das nicht nur eine Mode sein wird, sondern das etablierte Modell sein wird in der Zukunft?
    “Die Zeichen stehen so, dass es so sein wird, dass wir dann in der Tat eine Ausnahme sein werden, aber Ausnahmen bestätigen die Regel und Ausnahmen sind ja oft nicht schlecht, sondern funktionieren auch ganz gut.”
    “Ich glaube die These halt nicht, dass man es als Einzelkämpfer schaffen kann. Selbst wenn man drei Korrespondenten in Berlin hat, ist die Durchschlagskraft halt nicht gut. Wir haben eine Redaktion in Berlin mit 70 Leuten. Das ist eine ganz andere – Sie können überall mitfliegen, Sie können zu allen Hintergrundgespräche gehen, Sie können zu diesen unendlich vielen Terminen in Berlin gehen. Das schafft halt ein oder zwei alleine nicht.”

    Zwei Regionalzeitungen – zwei Philosophien. Beide haben etwas für sich. Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Die Zukunft gehört den zentralen Mantelredaktionen.

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

  • Hans Leyendecker: Ein Journalist blickt zurück

    Was zählt ist, “wie man anständig bleibt”. ZAPP blickt mit Hans Leyendecker, der beim “Spiegel” die Flick-Affäre aufdeckte, heute bei der “SZ” ist, zurück auf ein bewegtes Reporterleben.

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags
    „Ich war ein Hai beim ‚Spiegel‘. Ich war nicht nett. Und andere waren auch nicht nett. Und wir haben uns gekloppt und gestritten. Das habe ich bei der ‚Süddeutschen‘ nie erlebt. (…) Und das hat mir als Person unheimlich gutgetan, dass ich da runtergekommen bin und, und, und von daher ist meine – ich war 18,5 Jahre beim ‚Spiegel‘. War eine tolle Zeit. Ich bin jetzt 21 Jahre bei der ‚Süddeutschen‘. Das ist für mich ein Glück, dass ich hier gelandet bin.“
    Die Staatsanwaltschaft Köln erwägt strafrechtliche Schritte gegen den ‚Spiegel‘. Das Hamburger Nachrichtenmagazin veröffentlicht nach eigener Darstellung in seiner neuesten Ausgabe Auszüge aus der Anklageschrift in der Flick-Spendenaffäre.
    „Wegbegleiter in meinem journalistischen Leben ist schon Flick-Parteispende, die aller erste.“
    Weil sie Sie auch groß gemacht hat, oder…
    „Nein, nicht weil sie mich groß gemacht hat. Sondern weil es die Affäre war, mit der ich zu tun hatte.“
    Lothar Späth – seit über 12 Jahren Ministerpräsident von Baden-Württemberg tritt zurück. Gegen den CDU-Politiker waren Vorwürfe laut geworden, er habe sich Urlaubsreisen von Firmen finanzieren lassen.
    „Das, was ich früher so großartig fand – wenn jemand zurücktrat aufgrund einer Geschichte –, das finde ich heute gar nicht mehr großartig. Ich habe im Lauf der Zeit zu mir selbst auch ein distanziertes Verhältnis gewonnen, beispielsweise die Geschichte gemacht, die wir gemacht haben über Lothar Späth beim ‚Spiegel‘ über die Traumschiff-Reisen und das andere, wo er dann zurückgetreten ist. Das war von der Sache her okay, aber die Form, wie wir es gemacht haben, würde ich heute nicht mehr machen. Und da sind schon einige Punkte, wo ich mit mir selbst auch nicht mehr so zurechtkomme, wie ich gewesen bin.“
    „Und wenn ich keine faire Chance habe, dann kann ich im Grunde nur die Entscheidung treffen, die ich jetzt getroffen habe, nämlich dass ich weder mir, noch meiner Familie es nötig habe, nach 12 1/2 Jahren diese Arbeit, dies alles zuzumuten.“
    „Man verändert sich im Lauf der Zeit. Man sieht auch, dass derjenige, über den man da schreibt, vielleicht kein Schurke ist, sondern dass er an irgendeiner Fehlentwicklung beteiligt war, dazu aber viele gute Gründe gibt, warum man sagen kann, wir müssen ihn auch vor sich selbst schützen.“
    „Oder wenn wir die Christian-Wulff-Geschichte, die mich sehr geprägt hat, sehen, wie eine Journalistengruppe den verfolgt hat, wir sehen dann das Ende oder – und, und, und wenn einer nicht die Stärke von Wulff gehabt hätte, wäre er vielleicht von der Brücke gegangen. Und das sehe ich heute natürlich auch im Lauf der vielen Geschichten, die man gemacht hat, sehe ich manches kritisch, woran ich beteiligt war, was ich getan habe. Und das hat nichts damit zu tun, ob ich ‚Spiegel‘ oder ‚Süddeutsche‘ war, sondern was ich als Journalist in dem Bereich gemacht habe.“

    Die Fahnder hatten gehofft, die beiden mutmaßlichen RAF-Terroristen am Schweriner See ohne Probleme festnehmen zu können als diese eine Gaststätte verlassen wollten. Birgit Hogefeld zog ihre Waffe, eröffnete den Schusswechsel. Zwei Menschen starben.
    „Bad Kleinen war eine Katastrophe.“
    Leyendecker verließ sich bei der Enthüllung über den „Todesschuß“ auf seinen Informanten, erzählte dessen Version von der angeblichen Exekution. Andere Journalisten behaupteten Ähnliches. Die Republik hatte ihren Skandal. Doch die Spurensuche am Tatort konnte die behauptete Exekution nicht belegen. Und auch der anonyme Informant stritt plötzlich alles ab.
    „Was ist nach Bad Kleinen alles passiert? Der Bundesinnenminister ist gegangen. Der Generalbundesanwalt musste gehen. Und eigentlich – wenn’s ganz gerecht zugegangen wäre – hätte auch ich gehen müssen.“
    „Aber: Das ist das Gute an der Geschichte. Nicht mal die beiden Bad-Kleinen-Informanten, die es gegeben hat, sind dabei hochgegangen. Und das war wichtig.“

    Ein Whistleblower hat Journalisten über 11 Millionen Dokumente zugespielt. Darunter 4,5 Millionen E-Mails.
    NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ konnten auf mehr als 11 Millionen Dokumente einer Anwaltskanzlei auf Panama zurückgreifen.
    „Panama Papers“ – aus dem Schattenreich geheimer Firmen und verborgener Vermögen.

    „Also die Investigation hat sich verändert. Es begann eigentlich so mit Akten und dann kamen auch diese großen Festplatten, die auch ein Stückchen verbunden werden jetzt mit der Investigation, wobei es da ganz viele Bereiche gibt.“
    „Für mich ist das schon eine fremde Welt, aber eine großartige Welt. Was ich über Panama gelernt habe, war, dass Kollegen aus 80 Ländern mit einander arbeiten. Ich war bei einer Konferenz dabei, wo die sich vorstellen. Da stellte sich einer vor: Mein Name ist Jim und ich komme aus Venezuela. Und der nächste kam aus Israel. Und der nächste kam aus Island. Und du hast auf einmal das Gefühl, eine Armada von Journalisten, die an irgendeiner Geschichte arbeiten. Die haben zum Teil wie gesagt, das ist für mich das Größte dabei zu sein. Und das erleben zu dürfen, das war der Traum.“

    Sie unterrichten letztlich auch. Mit Volontärin bei der “Süddeutschen” sitzen sie zusammen. Was reichen Sie für Tipps letztlich weiter?
    „Auch die Tipps haben sich so ein bisschen geändert. Also früher habe ich mehr so Tipps rüber gegeben, wie man an die Sachen kommen kann. Und heute gebe ich mehr Tipps rüber, wie man anständig bleibt. Das ist, glaube ich, wichtig, dass sie immer wiederkehren können. Das sind vielleicht Glücksmomente. Wenn sie jemanden haben und sie haben bei ihm – wenn man es in einem bösen Wort sagt – berufsverändernd gewirkt und sie treffen ein halbes Jahr später und er sagt, das war nicht alles ganz gerecht vielleicht, aber ich fand ihre Arbeit dennoch gut und ich habe jetzt folgenden Tipp für sie – dann hast du nicht ganz daneben gelegen.“
    „Herzliche Einladung und auf Wiedersehen vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund.“
    „Ich weiß noch, als sie mich anriefen und sagten ‚Können Sie sich vorstellen‘. Hab gesagt: ‚Ne‘. Weil wenn du so zurückblickst, wer Kirchentagspräsident war – von Weizsäcker, Eppler – wie viele große Namen mit Kirchentag verbunden sind, da sagt man, dafür reicht es nicht. Dafür reicht es nicht intellektuell, dafür reicht es nicht von der Größe. Da reicht nix. Also meine Frau sagte zu dem Augenblick ‚Das musst Du jetzt machen, Du magst den Kirchentag so gern‘.

    (freistehend: Kirchentag-Konzert)
    Wie groß ist der Schiss, das zu verbocken?
    „Groß.“
    Ja?
    „Also ich glaube schon, dass ich auch ein bisschen übertreibe. Die Angst, es zu verbocken, ist seit der ersten Stunde da, dass ich sage, das ist so ein wichtiges Projekt und wenn du jetzt versagst – wenn der Kirchentag nicht so wird, weil du selbst nicht // reichst, das wäre für mich schon eine riesige Enttäuschung. Deshalb habe ich auch viel, laufe ich auch die ganze Zeit, um – so. Aber jetzt habe ich das Gefühl: Wir bekommen das wunderbar gemeinsam hin.“

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

  • DuMont-Betriebsrat: “Blutmond über Berlin”

    Die Medienkonzentration geht einen Schritt weiter: Die Verlagsgruppe Madsack (Hannover) gründet mit Unterstützung der DuMont-Gruppe (Köln) eine gemeinsame Hauptstadtredaktion, DuMont wird zudem “Partner” von Madsacks zentraler Mantelredaktion Redaktionsnetzwerk Deutschland, kurz RND. Das RND beliefert die DuMont-Titel künftig mit überregionalen Geschichten, größtenteils sogar mit fertig produzierten Seiten. DuMont schließt dafür sein bisheriges Hauptstadtbüro, die Redaktionsgemeinschaft, kurz ReGe (über diese Entwicklung habe ich für die “taz” geschrieben). Nun haben die ReGe-MitarbeiterInnen ihre Kündigungen erhalten. Der Betriebsrat der Berliner DuMont-Redaktionen (v.a. “Berliner Zeitung”) schrieb dazu dies an die RedakteurInnen: Gesamten Eintrag anzeigen »

  • Grünes Licht für die Fusion

    Madsack und DuMont dürfen ihre Hauptstadtredaktionen zusammenlegen. Die Veränderungen treffen vor allem DuMont-Mitarbeiter.

    für taz

    Gesamten Eintrag anzeigen »

  • Sparen in den Auslandsstudios

    Das Korrespondentennetz der ARD gilt vielen Politikern als zu teuer. Deshalb rücken Radio und TV, ARD und ZDF im Ausland näher zusammen, Reporter müssen zudem mehr liefern.

    für WDR5

    Manuskript des Beitrags
    Von Jan-Christoph Kitzler wird viel gefordert. Der Hörfunkkorrespondent im ARD-Studio Rom soll inzwischen alle Kanäle bedienen – neben Radio auch Fernsehen und Online. In den Sendern heißt das: trimedial arbeiten.

    „Also ich bin ja eigentlich schon so ein Trimedialer. Ich bin 44, habe ein Volontariat beim NDR gemacht, habe dort auch Fernsehen gelernt. Habe dann sogar noch vier Jahre beim Fernsehen gearbeitet. Also man kann mich auch vor eine Kamera stellen zur Notz. Das geht schon.“

    Ein Radiokorrespondent mit Fernseherfahrung – Kitzler ist wie gemacht für diese neue Zeit. Über Jahrzehnte hatten die Sender Radio- und Fernsehreporter parallel in alle Welt geschickt – oft zwar in dieselbe Stadt, aber getrennte Büros.

    Schon bald soll mit diesen getrennten Reporter-Welten Schluss sein. In Rom ist schon vor zwei Jahren ein „trimediales Studio“ entstanden: Radio und Fernsehen teilen sich einen Newsroom. Kitzler schwärmt von der Anbindung ans Fernsehen.

    „Wir vom Hörfunk, wir waren vorher – sage ich mal – auch oft Einzelkämpfer. Jetzt haben wir technisch gute Unterstützung, wenn es Probleme gibt. Wir haben leichter die Möglichkeit, auch mal an Töne vom Fernsehen zu kommen. Wir kooperieren inhaltlich natürlich. Also es gibt immer wieder den Fall – zum Beispiel, wenn ich jetzt ein großes Interview anleiere, dass ich sage ‚Hier, Fernsehen, schick‘ doch eine Kamera mit, dann mache ich das für euch mit, das ist überhaupt kein Problem‘.“

    Nicht neben- sondern miteinander arbeiten – das klingt in der Theorie einfacher als es in der Praxis ist. Schwierig ist etwa der unterschiedliche Takt, denn das Radio, bei dem sich ein einzelner Reporter nur ein Mikrofon schnappen muss, kann sich oft schneller für ein Thema entscheiden als das „große“ Fernsehen.

    „Im Fernsehen ist es so: Bevor die sich in Gang setzen – das sind ja oft zwei oder drei Leute –, dann brauchen die erst einen Auftrag, weil das sehr teuer ist. Das heißt, das dauert dann ein bisschen mehr. Ich muss dann sozusagen Gesprächspartner erst mal vertrösten. Das ist manchmal ein bisschen lästig bei der Planung, aber im Prinzip geht das schon.“

    Christian Nitsche ist der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, der für die ARD die Studios in Italien, Österreich und Israel betreibt und umgerüstet hat. Der Chefredakteur will keine Reporter abbauen, aber dass seine Leute im Ausland mehr produzieren als bisher – indem zunehmend alle alles machen. Reporter vom Radio etwa auch mal für Schaltgespräche im Fernsehen einspringen.

    „Das ist das Modell der Zukunft, dass man – wenn Sie so wollen – einen Triathleten hat, der überall einsetzbar ist. Wir schulen auch in anderen Bereichen. Wenn Sie sich ansehen: Susanne Glass, die jetzt in Tel-Aviv ist und dort Studioleiterin – kam vom Hörfunk, hat dann Fernsehen gemacht und ist jetzt trimedial.“

    Anders als in Rom sitzen in Tel-Aviv nicht nur Fernsehreporter der ARD mit ihren Kollegen vom Radio zusammen. Ach die Korrespondenten des ZDF sitzen in demselben Gebäude. Die neuen Sparpläne von ARD und ZDF sehen eine Verzahnung vor – hinter den Kulissen. Für Nitsche der nächste logische Schritt.

    „Wir bieten das dem ZDF an. Also die ARD ist da insgesamt offen und wir wollen alle Potenziale heben, die es gibt. Allerdings ist auch klar, dass die Redaktionsbereiche getrennt arbeiten, sonst würde es keinen Sinn machen, dass man zwei Sender hat. Das ist schon wichtig, dass wir unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Sichtweisen weiterhin präsentieren.“

    Ähnlich hat sich auch schon ZDF-Intendant Thomas Bellut geäußert: Sparen ja, aber bloß nicht auf Kosten der unabhängigen Berichterstattung.

    „Wenn es aber geht, dass wir in Räumlichkeiten im Ausland zusammenziehen oder aber auch in Basisinfrastrukturen – Schnitteinrichtungen oder anderem – kooperieren, stehe ich dem sehr offen gegenüber. Wir haben aber auch festgestellt, dass beide Senderketten mit den Studios sehr gut ausgelastet sind, also dass wir da keine Unterdeckung haben.“

    Keine Unterdeckung – für Radiokorrespondent Jan-Christoph Kitzler heißt das: Er arbeitet oft am Anschlag – wie viele seiner Kollegen, zumal wenn sie inzwischen unterwegs auch immer häufiger das Smartphone zücken müssten, um schnell auch noch Videos zu drehen. Das mache zwar Spaß, koste aber nun mal Zeit.

    Das Zauberwort der Stunde heiße daher: priorisieren – und im Zweifel auch mal bewusst ‚Nein‘ sagen.

    „Das ist eigentlich eher die größte Sorge, dass wir jetzt sozusagen alles machen und dass dadurch die Arbeit so viel wird, dass die Momente, wo man einfach mal recherchieren muss, man mal kurz nachdenken muss, sozusagen was ist das jetzt eigentlich, was hier passiert, dass diese Momente weniger werden.“

    >> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

  • “Glaube nicht an dauerhafte Befriedung”

    Im ZAPP-Sommerinterview erklärt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, warum das neue “Spiegel+” der Durchbruch bei Bezahlmodellen sein könnte. Er sagt aber auch: Der Streit mit den Öffentlich-Rechtlichen ist gleichzeitig noch nicht wirklich zu Ende.

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags
    ZAPP: Herr Brinkbäumer, Sie haben vor einigen Wochen “Spiegel+” eingeführt – ein erneuter Anlauf, ein Bezahlmodell bei “Spiegel Online” und “Spiegel” zu etablieren. Ist das jetzt der Durchbruch?

    Klaus Brinkbäumer: Ob es der Durchbruch ist, werden wir sehen. Es läuft hervorragend an. Wir sind tatsächlich richtig beglückt und begeistert nach aber erst vier Wochen. Da es sich in den ersten vier Wochen um eine Testphase handelt, müssen wir genau jetzt sehen: Wer nimmt das Angebot auch weiterhin an und bezahlt auch wirklich dafür? […] Wir sind jetzt schon deutlich fünfstellig, was die Abonnentenzahlen angeht. Das hatten wir für einen späteren Zeitraum erwartet. Das Angebot ist harmonisch im Gesamtkontext von “Spiegel Online”. Und die Zahlen bei “Spiegel Online” gehen nicht runter. Also all die Daten, die wir haben, sind ermutigend.

    Eine Kollegin der Funke-Zeitungsgruppe hat neulich gesagt: Bezahlen für journalistische Inhalte muss so einfach funktionieren wie Netflix, sonst machen es die Leute nicht in Massen.

    Stimmt!

    Wie lange müssen Verlage noch experimentieren, bis man sagen kann “In Deutschland zahlen die Leute bereitwillig für Journalismus im Netz”?

    Die Entwicklung hört nicht auf, das Experimentieren auch nicht. Wir werden nie sagen können “So, das ist es jetzt und so bleibt es für die nächsten 20 Jahre”. Ich glaube, dass wir längst soweit sind, dass das Publikum willig ist, zu bezahlen, wenn es denn richtig überzeugende Inhalte sind, die man nicht kostenlos bekommt. Und wenn der Bezahlvorgang einfach ist, man sich nicht geknebelt fühlt, wenn man nicht das Gefühl hat, ich schließe ein Abo ab und habe das für zwölf Monate am Hals, sondern dass ich aussteigen kann, wenn es mir nicht mehr gefällt. Es muss verständlich sein und ganz einfach zu handhaben. Und wir sind jetzt endlich so weit: “Spiegel+” ist tatsächlich genau so, wie wir es uns wünschen.

    Sie sprachen eben davon – es braucht überzeugende Inhalte. Da gibt es diesen Wettbewerb auch mit den Öffentlich-Rechtlichen im Netz, wo sich alle Medien treffen. Mathias Döpfner, der Präsident des Zeitungsverlegerverbandes, sprach im vergangenen Jahr sehr prominent immer wieder von “gebührenfinanzierter Gratispresse” und damit Konkurrenz. Teilen Sie diese Sicht?

    Nee, nicht so scharf. Ich mag Wettbewerb! Und ich finde auch den Wettbewerb mit den Öffentlich-Rechtlichen zunächst einmal sportlich. Ja, Gebühren, die garantiert hereinkommen, sind etwas anderes als ob ich Leser für ein Bezahlmodell gewinnen muss. Das ist nicht wirklich Chancengleichheit in allem, aber dann ist es auch so reguliert, dass es gut funktioniert. Und ich würde niemals das öffentlich-rechtliche System angreifen wollen. Das hat sich bewährt!

    Es erdrückt Sie also nicht?

    Nein. Verlage sollten schauen: Haben sie es eigentlich gut gemacht in der Vergangenheit, waren die Bezahlmodelle schlüssig? Warum sind wir eigentlich so spät? Warum hat der “Spiegel” nicht schon viel früher angefangen, “Spiegel+” an den Start zu bringen, so wie wir es jetzt haben? Jetzt tun wir es – und da schaue ich nicht darauf, sind die Öffentlich-Rechtlichen in irgendeiner Form böse. Es gibt Punkte, wo ich sie kritisiere, wo ich denke: Da wird Chancengleichheit ein bisschen gebogen. Aber zunächst mal achten wir darauf, dass wir gut genug sind.

    Es gibt jetzt den neuen Telemedienauftrag, das große Ziehen an der Friedenspfeife. Stimmen Sie mit ein, dass jetzt alles gut ist, oder erwarten Sie, dass sich Portale wie tagesschau.de oder vielleicht auch der Politmagazine anders verhalten in der Zukunft?

    Es gibt Dinge, die auch wir nach wie vor kritisieren. Natürlich halte ich es nach wie vor zumindest für bedenklich, wenn NDR, “Süddeutsche” und WDR auf die Weise kooperieren, wie sie das tun. Wenn Gebührengelder auf irgendwelchen Umwegen in Projekte fließen, die bei der “Süddeutschen” landen, dann sprechen wir von Quersubventionierung eines Zeitungsverlages. Das heißt aber nicht, dass wir nicht den sportlichen, journalistischen Wettbewerb mit der “Süddeutschen” aufnehmen. Den führen wir liebend gerne, weil die “Süddeutsche” eine sehr, sehr gute Tageszeitung ist. Wir sehen es sportlich und kritisieren hier und dort. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Perfekt ist das System natürlich noch nicht.

    Es heißt, es soll sich jetzt jeder auf seine Stärken berufen, die Sender auf Audiovisuelles, Verlage auf Texte. Wie passt dazu eine Bewegtbildoffensive der Verlage wie die Online-Plattform von “Spiegel TV” – wollen Sie sich da jetzt im Sinne des Friedens zurücknehmen?

    Ich sehe nicht, dass das kollidieren würde. “Spiegel TV” ist eine eigenständige Firma, die selbstverständlich auch im Digitalen erfolgreich sein kann und längst erfolgreich ist. Ja, das wollen wir weiterführen. Klar!

    Glauben Sie denn an eine dauerhafte Befriedung oder werden diese Systeme immer wieder kollidieren und neu ausgerichtet werden müssen?

    An eine dauerhafte Befriedung glaube ich nicht. Der Markt ist hitzig. Anzeigen wandern weg von Verlagen zu Facebook und Google – das ist längst passiert. Es gibt also einen Kostendruck. Kostendruck sorgt immer für Nervosität. Und Nervosität sorgt dafür, dass man dahin schaut, wo sich Wettbewerber möglicherweise ein bisschen übergriffig verhalten.

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

  • Lutz Marmor: Warum der NDR weniger auf Facebook hinweist

    Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche hat NDR-Intendant Lutz Marmor angekündigt, dass sein Sender stärker auf Distanz zu Facebook gehen wird. Mitschnitt seiner Aussage in der Diskussion “Facebook und Medien: Das Ende einer Partnerschaft?”

  • Ein Sender für 28 Länder?

    Vor dem EU-Gipfel kommende Woche zeigt sich mal wieder: in der EU denken die Nationalstaaten vor allem an sich. Würde ein europäischer Sender daran was ändern? Viele Parlamentarier in Brüssel sagen: ja!

    für WDR5

    Manuskript des Beitrags
    Eigentlich hat es Sven Giegold doch geschafft. Er kommt ständig in den Medien vor – von „Tagesschau“ über „Monitor“ bis zu Radiointerviews am Morgen kann er immer wieder den laxen Umgang mit Großkonzernen kritisieren und eine neue, gerechtere Steuerpolitik fordern. Und das, obwohl er doch im fernen Brüssel sitzt, während der Fokus nur allzu oft auf Berlin liegt. Oder Washington. Oder Moskau.

    „Seit der Eurokrise haben ganz viele Leute verstanden, wie sehr uns europäische Politik ganz direkt betrifft. Dadurch gibt es in den Nachrichtensendungen, auch in den Zeitungen mehr Platz“

    , sagt der Grünen-Politiker selbst. Doch dem Europaabgeordneten reicht das nicht:

    „In Berlin, wenn wir dort ein Gesetz machen, wird der Streit um das Gesetz wahrgenommen. Und innerer Streit zum Beispiel im Europaparlament zwischen den Parteien, den wir genauso haben wie in Berlin, der findet medial kaum Wahrnehmung. Und das ist ein Funktionsverlust an Demokratie, weil die Bürgerinnen und Bürger bei der Europawahl nicht wissen, wofür haben die Parteien denn die letzten fünf Jahre im Parlament gestritten.“

    Giegold fordert deshalb einen speziellen Kanal: ARD und ZDF sollen sich zusammentun, helfen, eine „europäische Öffentlichkeit“ zu schaffen.

    Rolf-Dieter Krause war 15 Jahre lang „Mr. Brüssel“ der ARD. Mehr aus der EU-Politik im Fernsehen – prinzipiell eine schöne Idee, sagt er. Aber:

    „Politiker denken immer, man muss nur senden und dann entsteht schon Massenkommunikation. Das ist aber Quatsch. Das Publikum akzeptiert das nicht. Es gibt ja einen Europakanal, der heißt Euronews. Den guckt nahezu kein Schwein. Kostet ein Schweinegeld. Die EU subventioniert ihn sogar. Und die Zuschauerzahl ist zumindest in Deutschland kaum messbar.“

    Nun stellt sich der Europaabgeordnete Giegold aber auch etwas anderes vor: Keinen Nachrichtenkanal, sondern eine Art europäisches Vollprogramm. Etwa auch ein Politmagazin, für das Journalisten aus ganz Europa gemeinsam recherchieren. Oder Talkshows mit Gästen aus ganz Europa, nicht nur aus Deutschland. Giegold will, dass die Journalisten – endlich – ihre nationale Brille ablegen und die europäische anziehen.

    Ex-Brüssel-Korrespondent Krause sieht wiederum Probleme in der Praxis. Beispiel Gesprächspartner: Auch Europapolitiker suchen seiner Erfahrung nach vor allem den Kontakt zu ihren Wählern zu Hause. Ein EU-Kommissar oder Abgeordneter aus Spanien wolle daher oft nur mit spanischen Journalisten reden, nicht mit deutschen.

    „Wir haben in Brüssel Klimmzüge gemacht ohne Ende, um Kommissare, Europaabgeordnete, Minister aus anderen Ländern für unser Europamagazin zu interviewen – wir sind in aller Regel gegen die Wand gelaufen und zwar krachend.“

    Ohnehin: Krause findet, Europa und die EU-Politik sei etwa in der ARD gut vertreten: Das „Europamagazin“ laufe heute sonntags hinter dem „Presseclub“ – und finde dort das Publikum, das sich für diese Themen regelmäßig interessiere. Primetime-fähig sei das, was in Brüssel passiere, eher selten. Und wenn, dann klappe sogar das:

    „Was in den Neunziger Jahren noch undenkbar gewesen wäre, dass in einer Ausgabe der 20-Uhr-‚Tagesschau‘ zwei Brüsseler Themen stattfinden oder sogar drei, das hat es längst gegeben. Es kommt auf die Themen an und wie wichtig sie sind. Und dann funktioniert es aber auch.“

    Forderungen nach einem europäischen Kanal sind für den einstigen Brüssel-Korrespondenten die Angst der Politiker vor den nächsten Europawahlen. Sven Giegold wiederum weiß: Auch er und seine Kollegen müssten Europapolitik attraktiver machen, wenn sie sie stärker in die Medien bringen wollen:

    „Das ist auch unsere Pflicht als Politiker, mehr aktiv zu informieren und mehr Kontroverse zu bieten, damit das Ganze interessanter wird. Also, das ist keine Medienschelte an sich, sondern das hat auch was mit dem noch fehlenden Interesse der Zivilgesellschaft an europäischer Demokratie zu tun. Da müssen wir aber hin!“

    >> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

  • Interviews zum Telemedien-Durchbruch

    Verlage, öffentlich-rechtliche Sender und vor allem die Ministerpräsidenten der Länder haben sich auf neue Spielregeln für ARD, ZDF und Deutschlandradio im Netz geeinigt, den sogenannten Telemedienauftrag. Stimmen zum Spiel nach der gemeinsamen Pressekonferenz am 14. Juni 2018 in Berlin.

    für NDR Fernsehen

    (Quelle: NDR-“Zapp”)

  • Meinungsfreiheit in Gefahr?

    Ein neues Urheberrecht steht in der EU zur Abstimmung an, es birgt viele Risiken

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags
    Eine Fabriketage in Berlin. Hier entsteht nebenan.de – eine Art Facebook im Kleinen, auf dem sich Nachbarn vernetzen. Die große Sorge hier: dass sie als Betreiber bald lückenlos checken müssen, was ihre Nutzer hochladen.

    “Ich frage mal in meiner Nachbarschaft, ob jemand eine Bohrmaschine hat, die ich mir ausleihen kann. Da wird es relevant ein Bild hinzuzufügen. // In dem Moment müssten wir quasi schon dieses Foto analysieren und entscheiden, verstößt das gegen ein Recht, wer muss wieviel dafür bekommen und das müsste alles in Millisekunden passieren.”

    Eine große Herausforderung für ein kleines Unternehmen. Doch die EU-Kommission will das durchsetzen — und so das Urheberrecht stärken zugunsten von Kreativen. Betreiber werden in Haftung genommen, wenn ihre Nutzer Urheberrechte verletzen.

    Eine Möglichkeit, das auszuschließen: Programme, die alle Inhalte mit Datenbanken abgleichen. Prüfen, ob sie eigentlich jemand anderem gehören.

    Betroffen sein könnten Kommentare unter Artikeln. Was Nutzer auf sozialen Netzwerken teilen. Und, was sie auf Video-Plattformen hochladen.

    “Die Anforderungen sind extrem vielfältig. Es geht um Texterkennung, Bilderkennung, Video. Und so weiter. Hochkomplex. Und das ist nicht unsere Kernkompetenz. Das ist nicht das, worauf wir uns konzentrieren können als kleines Start-Up mit 50 Mitarbeitern.”

    Anders als die Großen aus dem Silicon Valley. Googles Videoplattform Youtube scannt schon länger das Material – freiwillig, mit einem eigenen Programm. Das hat Millionen gekostet. So ein System müssten auch andere Plattformen entwickeln – oder mieten. Der Profiteur dann: Google.

    Ein Lobbybüro in Brüssel. Dimitar Dimitrov kämpft für Wikipedia gegen diese Pläne – und für die Freiheiten des Internets, wie wir sie jetzt kennen.

    “Hätte es diese Haftpflicht schon vor 17 jahren gegeben, als die Wikipedia entstanden ist, hätte sich das Projekt nie so entwickeln können. Es ist nicht unbedingt leicht so ein System von Filtern zu bauen. Und es ist nicht unbedingt leicht, immer alles, was die Nutzerinnen und Nutzer tun, zu verfolgen. Und es sollte auch kein Zwang dazu entstehen.”

    Der Lobbyist sortiert: Wer ist dafür, wer dagegen? Im federführenden Rechtsausschuss sieht es nach einer knappen Mehrheit aus – für strengere Regeln.

    Er organisiert diese Mehrheit: Axel Voss. Und will damit den Urhebern helfen im Kampf gegen die Gratismentalität im Netz.

    “Wir wollen, dass die Plattformen mehr Verantwortung für das übernehmen, was mit den Inhalten auf ihren Plattformen passiert ist.
    Man kann sich doch nicht hinstellen und sagen: Ich entwickle mein Geschäftsmodell so, dass ich immer nur Sachen von anderen nehme und mir daraus dann irgendwas entwickle, dass ich davon gut leben kann. Das ist, wie wenn Sie sich ein Auto kaufen und ich das aber immer nutze, ohne Ihnen etwas dafür zahlen zu müssen.”

    Statt automatischer Filter die ideale Lösung für ihn: Lizenzverträge zwischen Plattform-Betreibern und Urhebern, Labels, Verwertungsgesellschaften. Also die Legalisierung aller Inhalte im Netz. Aber auch das: nicht machbar. Sagen die Praktiker.

    “Selbst die großen Anbieter wie ein Spotify, ein Apple Music schaffen es nicht, mit allen Verwertungsgesellschaften Verträge zu schließen. Sie werden kein Bob Marley auf Spotify finden. Wie sollen das die kleinen Anbieter hinkriegen, wenn es noch nicht mal die großen schaffen? Für mich ein realitätsferner Vorschlag aus dem Elfenbeinturm in Brüssel.”

    Realistisch bleiben also nur die Programme — aber: Wie gut können sie erkennen, ob Inhalte legal sind oder nicht? Etwa, wenn Nutzer Inhalte legal mixen, so neue Kunst schaffen? Oder über Ausschnitte etwa aus Filmen diskutieren, so zitieren?

    Sie ist gegen einen flächendeckenden Prüf-Zwang: Julia Reda. Für sie ist klar: die Kunst- und Meinungsfreiheit ist in Gefahr.

    “Automatische Filter sind völlig ungeeignet, um festzustellen, ob zum Beispiel das Zitatrecht gilt oder ob es sich um eine Parodie handelt. Die überprüfen nur, ist der urheberrechtlich geschützte Inhalt vorhanden, dann wird es gelöscht – völlig unabhängig davon, ob es sich wirklich um eine Urheberrechtsverletzung handelt oder nicht.”

    Unklar auch: Welche Plattformen überhaupt betroffen wären. Das Kriterium: das Geschäftsmodell. Doch nicht mal Befürworter Axel Voss kann genau sagen, wen die neue Regel tatsächlich treffen würde.

    “Ich zähle Facebook und Twitter und YouTube dazu, kann das aber rein rechtlich im Grunde so nicht hundertprozentig sagen, weil das nachher Rechtsauslegung des Europäischen Gerichtshofs sein würde.”

    Wikipedia soll als gemeinnütziges Projekt von der Regelung ausgenommen werden. Ergebnis harter Arbeit. Wikipedia hat zwei eigene Lobbyisten in Brüssel. Die können sich viele Start-Ups nicht leisten. Für nebenan.de heißt es deshalb: Risiko.

    “Das heißt, Start-Ups wie wir – wo es nicht darum geht, Copyright geschütztes Material zu verbreiten, sondern nur darum geht, die Nachbarschaft zu stärken – wir wären aber trotzdem betroffen von dem Gesetz und, ja, wären ein Kollateralschaden und eben mit betroffen, obwohl wir eigentlich gar nicht die Verursacher des Problems sind.”

    Urheber stärken — an sich eine gute Idee. Aber so — halbgar — würde die geplante Regel vor allem Chaos stiften.

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)