Auf allen Kanälen

Die „Tagesschau“‘ feiert Ende 2012 Jubiläum und ist heute so digital wie kaum eine andere Medienmarke. Porträt einer ebenso erfolgreichen wie umstrittenen öffentlich-rechtlichen Redaktion

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Der 26. Dezember wird für die Zentralredaktion ARD-aktuell in diesem Jahr ein ganz besonderer Feiertag. Ihre „Tagesschau“ wird dann 60 Jahre alt. Heute ist sie zwar nach wie vor das Flaggschiff der deutschen Nachrichtensendungen, doch längst noch viel mehr: Die traditionsreiche Marke spielt eine ganze Produktfamilie aus, die dabei alles andere als gestrig ist. Verleger und Privatsender werfen der „Tagesschau“ deshalb eine „digitale Expansion“ vor und rufen in ihrer Frustration mitunter sogar Gerichte an. Warum? Weil die „Tagesschau“-Macher ihre Redaktion für den digitalen Wandel so gut aufgestellt haben wie kaum ein anderer.

„Die ‚Tagesschau‘ wird ihre Stärke nur behalten, wenn wir den Menschen unsere Nachrichten überall dort anbieten, wo sie Informationen von uns erwarten: im TV, online, als Apps, auf internetfähigen Fernsehgeräten oder auf öffentlichen Plätzen“, sagt Kai Gniffke, der „Erste Chefredakteur“ von ARD-aktuell. Was sich nach einem vollen Aufgabenheft anhört, ist bereits umgesetzt. Die „Tagesschau“ ist längst überall dort präsent, wo Gniffke sie haben will.

Neuerdings leuchtet die „Tagesschau“ etwa in etlichen Einkaufszentren und Bahnhöfen auf. ARD-aktuell beliefert 2.200 Infosäulen der Firma Ströer. Geld fließt hier nicht. Dem Außenwerber helfen die Inhalte der 140-köpfigen „Tagesschau“-Redaktion, um sein Produkt aufzuladen: Wer Spots schalten will, sucht ein kräftiges Umfeld – Gniffke wiederum maximale Verbreitung.

Die „Tagesschau“ sieht damit heute auch, wer sie gar nicht gezielt einschaltet, sondern nur durch die Gegend läuft.

Nun ist es mitnichten so, dass in den Hamburger Räumen von ARD-aktuell jemand fortlaufend Material für Ströer zusammenstellt. Im Gegenteil: Die Redaktion hat in den vergangenen Jahren viel getan, damit zusätzliche Ausspielungen völlig automatisch laufen.

Der Digitalstratege

Entscheidend ist hier ein Mitarbeiter Gniffkes, der sich lieber im Hintergrund aufhält und deshalb vom Applaus nicht viel abbekommt: Hans-Georg Grommes, Leiter „Strategie und Innovation“. Im Prinzip hat er all das entworfen, worauf Gniffke stolz ist. Zu einem Foto lässt sich der grau melierte Nerd ebenso wenig hinreißen wie zu einem Interview. Er arbeitet lieber an mehreren Projekten für das kommende Jahr. Auch die Zukunft der Nachrichtenbeschaffung interessiert ihn dabei.

Grommes hat schon nach der Jahrtausendwende begonnen, die „Tagesschau“ zu digitalisieren. Statt von Beiträgen ist seitdem von Segmenten die Rede, die früher als anderswo nicht mehr auf Bändern von einer Sendung zur nächsten getragen wurden, sondern auf Zentralrechnern lagen. 2006 erntete Gniffke die ersten Früchte: Auf dem Digitalkanal EinsExtra gingen nach dem Vorbild der ARD-Inforadios „Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt“ auf Sendung, für die kaum eigenes Material produziert, sondern schlicht neu komponiert wird, was für die vielen Sendungen im Ersten von den ARD-Reportern in aller Welt und den Nachrichtenagenturen ohnehin in den Speicher läuft.

Mit vier Sendestunden pro Werktag startete dieses Experiment, das vor allem dazu diente, neue Arbeitsmodelle abseits des großen Publikums, aber dennoch unter Livebedingungen zu testen. All das setzte insbesondere Digitalstratege Grommes äußerst gründlich und weitgehend unterhalb der Wahrnehmungsschwelle um, anfangs auch im eigenen Haus. Schon zum Start kam erste Kritik aus der privaten Medienwirtschaft auf. Die „Welt“ etwa berichtete von dem „Programm, das es nicht geben darf“. Im April dieses Jahres benannte die ARD den Sender schließlich in „Tagesschau24“ um. Heute lassen sich von ihm laut Gniffke pro Tag 920.000 Zuschauer auf den neuesten Stand bringen – unabhängig von den Sendezeiten der „Tagesschau“ im Ersten.

In der Aufbauphase wurde das, was heute unter Tagesschau24 läuft, noch aus einem zweiten, nahezu baugleichen Studio gesendet. Inzwischen braucht ARD-aktuell nur noch eines: Die Sendungen im Ersten werden auf den Digitalkanal durchgeschaltet. Sind sie vorbei, übernehmen Moderator und Regie des Nachrichtensenders, der so wiederum nicht bezeichnet werden will – immerhin überträgt er bislang keine Veranstaltungen und Katastrophen live, das macht Phoenix.

Unterdessen können Nutzer im Netz und auf internetfähigen Fernsehgeräten (Hybrid-TV) jederzeit die Tagesschau24 anwählen – und das auch außerhalb der Sendezeiten, also vor 9 und nach 20 Uhr. Das Format speist sich dafür aus den jeweils aktuellsten Segmenten. Holprig wirkt das nur noch, weil dafür Anmoderationen unterschiedlicher Sendungen zusammengeführt werden.

Von Tagesschau24 gelernt hat auch die Mannschaft, die für das Erste arbeitet: Abgesehen von der Hauptausgabe um 20 Uhr stellen sie in Hamburg nicht mehr wie früher eine neue Sendung nach der anderen zusammen. ARD-aktuell hat einen „ewigen Ablauf“ eingeführt, der immerzu aktualisiert wird. Für die Redaktion war das ebenso ein Kulturschock wie das Zusammenführen der Teams von Tagesschau24 und den „Tagesschauen“ fürs Erste. Allein: Es hat ohne große Probleme funktioniert. Ein Nebeneffekt der gesamten Umstellung ist, dass ARD-aktuell fast immer sendet. Wenn es brennt, dann kann die Programmdirektion des Ersten tatsächlich auf Knopfdruck von einer Sekunde auf die nächste mit der „Tagesschau“ unterbrechen.

Ebenso synergetisch arbeiten Gniffkes Onliner. Ihre Segmente müssen sie nur ein Mal anfassen, das System speist sie ohne Zutun in die vielen Kanäle: von tagesschau.de über den ARD-Videotext bis hin zu den Infosäulen, dem Laufband von Tagesschau24 und, seit Dezember 2010, auch der umstrittensten Entwicklung – die „Tagesschau“-App für Handys und handliche Tablet-Computer.

Die App ist der jüngste Erfolg der „Tagesschau“: Zwei Jahre nach ihrem Start dürfte sie die Fünf-Millionen-Grenze überschritten haben. Schon jetzt wurde das Miniprogramm 4,8 Millionen Mal auf mobilen Geräten installiert. Kein Wunder, dass Verleger schäumen.

„Wir haben vor nicht allzu langer Zeit drei Viertel unserer Inhalte aus dem Netz nehmen müssen“, sagt Gniffke, der damit auf Entscheidungen der Politik abzielt, die ARD und ZDF im Netz auf Bitten der Verlage beschnitten haben. „Wer kann da von Expansion reden?“

Die Probleme der Verlage sind für ihn hausgemacht: „Gäbe es die ‚Tagesschau‘ nicht, würde das Geld bei den Verlagen trotzdem nicht sprudeln.“ Seine Redaktion sei jedenfalls „nicht Schuld daran, dass es bislang erst wenige funktionierende Erlösmodelle für Qualitätsjournalismus gibt“.

Schicksalsjahr 2013

Das kommende Jahr dürfte für die Zukunft der „Tagesschau“ entscheidend werden. In den ersten Monaten soll das neue Studio auf den Sender gehen. Vor allem die Moderatoren von „Tagesthemen“ und „Nachtmagazin“ können dann mit dem Tippen auf den Hintergrund oder auf ihre Tische für Interaktivität sorgen – mit einer riesigen Monitorwand dabei zugleich vor einer realen Kulisse. Zur Virtualität, wie sie das ZDF eingeführt hat, nimmt Gniffke ausdrücklich Distanz ein. Letztlich soll das neue Studio dafür sorgen, dass das Publikum die Nachrichtensendungen und -magazine der ARD auch im klassischen Fernsehen weiter interessant findet, zuletzt sahen die „20 Uhr“ dort im Schnitt 8,7 Millionen Menschen.

„Es ist selbstverständlich, dass wir mit Touch-Elementen auf eine Technik zurückgreifen, die mittlerweile aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist – sei es am Fahrkartenschalter, Bankautomat oder dem Smartphone“, sagt Gniffke zu den Neuerungen, die etwas länger auf sich warten lassen, als geplant. Gründlich
keit geht ihm vor Schnelligkeit.

Und auch medienpolitisch steht ARD-aktuell unter Druck. Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts lässt Gniffke seine App derzeit überarbeiten. Zwischen Verlegern und Intendanten laufen zudem wieder Gespräche, um einen Burgfrieden auszuloten. Nach einer Runde Ende November wollen sie im Frühjahr wieder zusammenkommen, um die Entwicklung bei der „Tagesschau“-App zu diskutieren.

Hinzu kommt, dass sich in der Politik die Stimmen mehren, die eine Reduzierung der Digitalkanäle von ARD und ZDF fordern. Kann das Projekt Tagesschau24 überleben, an dem im Hintergrund so viel mehr hängt als bloß ein weiterer Kanal? Gniffke muss bangen, bekommt aber zumindest aus der Heimat der „Tagesschau“ Rückendeckung.

SPD-Politiker Olaf Scholz, der Regierende in Hamburg, sagte gerade in einem Interview zu seinen medienpolitischen Vorstellungen, die ARD habe mit Tagesschau24 „etwas Großartiges“ zustande gebracht: „Das nimmt nicht sehr viele Gebühren in Anspruch und ist ein Produkt, das die ohnehin erbrachte journalistische Leistung noch besser verwertet.“

>> zur Originalveröffentlichung auf mediummagazin.de

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