Zur Perfektion verdammt

Chaos bei der „Tagesschau“? Warum das neue Nachrichtenstudio der ARD so lange auf sich warten lässt

für Berliner Zeitung

An diesem Donnerstagabend fliegen Funktionäre der ARD in Hamburg ein. Auf einer kleinen Feierstunde gratulieren sie der ältesten und nach wie vor bekanntesten Sendung des deutschen Fernsehens: der „Tagesschau“, die am zweiten Weihnachtsfeiertag 1952 nach monatelangen Tests im sogenannten Regelbetrieb aufging und damit 60 Jahre alt wird. Ihre Hauptausgabe, die „20 Uhr“, ist noch immer Flaggschiff wie Erfolgsmodell zugleich. Im Schnitt schalten sie Tag für Tag 8,7 Millionen Zuschauer ein.

Damit die alte Tante der deutschen Rundfunkgeschichte ein Zuschauermagnet bleibt, schneidert ihr die ARD in Hamburg seit Monaten ein neues Kleid. Dieses Studio soll die Nachrichtensendung fit für die Zukunft machen und vor allem ihren Magazinablegern „Tagesthemen“ und „Nachtmagazin“ eine moderne Anmutung verleihen: Moderatoren können mit ihren Fingern sowohl am Hintergrund als auch auf ihren Tischen Interaktion auslösen, multimediale Grafiken etwa.

Allein: Die ARD hadert mit der neuen Technik. „Chaos bei der Tagesschau“ schlagzeilte gestern die Bild-Zeitung pünktlich zur Geburtstagsfeier. Bei der „Tagesschau“ gehe es gar zu wie am neuen Berliner Flughafen: „Große Pläne – aber nichts klappt.“ Der NDR, bei dem die „Tagesschau“ angesiedelt ist, räumte ein, dass das Studio nicht ganz so schnell auf Sendung gehen könne, wie sich das die Beteiligten wünschten: „Im jetzt begonnenen Probebetrieb läuft noch nicht alles rund.“ Doch warum tut sich die ARD so schwer?

Studio soll permanent arbeiten

Tatsächlich geht die ARD mit ihrem Studio, für das die Sendergemeinschaft bislang 23,8 Millionen Euro budgetiert hat, ein waghalsiges Manöver ein. Am Ende soll es nämlich permanent unter Volllast fahren: Sendet ARD-aktuell nicht fürs Erste, so muss es den Spartensender Tagesschau24 beliefern, der von 9 bis 20 Uhr jede Viertelstunde eine neue Ausgabe ausstrahlt, live und durchgehend moderiert. Anders als früher steht für eine Havarie kein Ersatz bereit. Mit anderen Worten: Die ARD darf sich hier nicht mal den kleinsten Fehler erlauben. Sie ist zur Perfektion verdammt.

Zugleich geht die ARD mit ihrem Nachrichtenstudio einen völlig anderen Weg als das ZDF. Das hatte Mitte 2009 seine „grüne Hölle“ in Betrieb genommen, in der – bis auf den wuchtigen Tisch – nichts echt ist, sondern der Computer die Kulisse in die eigentlich grünen Wände projiziert. Bei der ARD aber haben sie es lieber echt, eine sogenannte Realkulisse, die letztlich aus einer gigantischen Videowand besteht. Echte Interaktivität bietet die den Moderatoren aber nur, weil sie zum größten Teil berührungsempfindlich ist. In diesem Ausmaß, das zugleich so wartungs- und pflegeleicht sein muss wie nur irgend möglich, sei das technisches Neuland, heißt es hinter den Kulissen in Hamburg.

Monatelange Probephase

Ein Probebetrieb, wie er nun bei ARD-aktuell angelaufen ist, dauert, wenn alles glatt läuft, üblicherweise zwei bis drei Monate: Parallel zu den Sendungen im TV, die noch im alten Studio produziert werden, arbeitet ein zweiter Moderator samt Regie vor der neuen Kulisse – mit den identischen Beiträgen und Anmoderationen. Da werden über Wochen live Sendungen produziert, die kein Zuschauer zu Gesicht bekommt, um letzte Fehler zu finden. Moderatoren und Techniker sollen zudem Routine entwickeln.

„Das neue Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen“, ließ Chefredakteur Gniffke nun mitteilen. Und weil das neue Studio auf mindestens zehn Jahre angelegt sei und zudem rund um die Uhr eingesetzt werde, sei es aus seiner Sicht auch „unerheblich, ob es einige Zeit früher oder später startet“.

Früher, als es Weihnachten 1952 losging, hatten sie solche Probleme nicht. Damals sendete die „Tagesschau“ noch nicht mal aus einem Studio. Und ein Nachrichtensprecher wurde erst sieben Jahre später installiert.

>> zur Originalveröffentlichung auf berliner-zeitung.de

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