Raus aus dem Käfig

Mit Jörg Armbruster verliert die ARD einen ihrer besten Auslandskorrespondenten

für "Berliner Zeitung"

Es ist der 11. Februar 2011 als Jörg Armbruster in der 17-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ geschaltet wird. Der Reporter steht oberhalb des Tahrir-Platzes in Kairo und redet mit aller Kraft gegen die skandierende Menge an: „Er ist zurückgetreten!“ Präsident Husni Mubarak, gegen den die Ägypter zuvor über Wochen agitiert haben, hat aufgegeben. Die Zuschauer im Ersten sind live dabei, Armbruster sei Dank. Doch der Moderator im fernen Hamburg entgegnet daraufhin tatsächlich, er, Armbruster, hätte die Nachricht „dann früher als alle Eilmeldungen“. Ungläubige Zweifel schwingen mit.

Diese Szene spricht nicht gerade für den journalistischen Mut der „Tagesschau“, auch mal ohne Agenturmeldungen im Rücken mit einer Nachricht rauszurücken, wohl aber für Armbruster. Er liefert dem Publikum seit Jahren Einblicke in die Krisenherde wie Ägypten, Libyen und Syrien.

Nun nimmt ihn der Faktor Zeit vom Schirm. „Ich würde mich ja vehement für die Rente mit 67 einsetzen, aber das bleibt mir vergönnt“, sagt Armbruster, der bereits im November das Rentenalter erreicht hat. Bis zum Wochenende hat er in Kairo seine Sachen zusammengeräumt. Dann ging es zurück nach Stuttgart, zu seiner Frau. Dem Programm wiederum fehlt Armbruster freilich schon jetzt.

Armbruster bleibt dem Fernsehen treu

Die gute Nachricht aber ist: Armbruster bleibt dem Fernsehen treu, ein wenig zumindest. Gemeinsam mit Richard Schneider, ARD-Reporter in Tel Aviv, wird er für das Erste einen 90-Minüter produzieren, der Arbeitstitel „Zwischen Krieg und Frieden – der neue Nahe Osten“ lässt erkennen, worum es geht: Die beiden werden nachsehen, wo die Krisenregion heute steht. „Dass die ARD im Ersten dafür so viel Sendezeit freiräumt, ist ein kleines Wunder“, sagt Armbruster. Nach einer Verschnaufpause will er dafür schon im April wieder im Norden Afrikas unterwegs sein. Anfang Juni soll sein Film laufen.

In den meisten Ländern der arabischen Welt habe sich die Situation in den vergangenen Monaten entspannt, nicht aber in Syrien. „Dort ist die Berichterstattung noch immer äußerst gefährlich“, sagt Armbruster, der zwei Mal für mehrere Jahre das ARD-Büro in Kairo geleitet hat. Dort arbeiten neben zwei Reportern auch drei einheimische Rechercheure, sogenannte Producer, sowie sechs Techniker.

Offiziell muss allein dieses Studio das Geschehen in 16 Ländern im Blick behalten. Weil das oft nicht geht, fliegt aber schon mal Verstärkung aus der Zentrale ein – zuständig ist der Südwestrundfunk, dessen Auslandsredaktion Armbruster leitete. Sein Nachfolger in Kairo, Volker Schwenck, hat bereits mehrfach Vertretung geschoben, was sich harmloser anhört, als es ist.

Armbruster verglich die Recherche in kriselnden Ländern schon mal mit „Käfighaltung“. Journalisten könnten ihr mitunter nur entkommen, indem „Gefängniswärter uns beim journalistischen Freigang begleiten“. Soll heißen: Aufpasser des jeweiligen Machtapparats lenken, welches Bild das Ausland von Krisen- und Kriegshandlungen haben sollen. Dieser ständige Drang zur Transparenz in eigener Sache zeichnet Armbruster aus.

Schnelligkeit zählt

Funktioniert habe seine Arbeit bisweilen nur, weil er sich mit seinen Kollegen ein Netz aus Vertrauenspersonen aufgebaut habe. Die hätten ihn auch dann mit frischen und ebenso verlässlichen Eindrücken versorgt, wenn sich deutsche Korrespondenten aus einem Land herausziehen mussten – lebensmüde seien sie schließlich nicht.

„Tagesschau“ und „Tagesthemen“ spielen in solchen Momenten oft Handyvideos von Dritten ein. „Das wir uns zuletzt auf Material stützen mussten, das Augenzeugen und Aktivisten im Internet veröffentlicht haben, ist gewiss kein guter Zustand für die Berichterstattung“, bilanziert Armbruster. „Fernsehjournalisten machen diese kurzen Wackelvideos keinen großen Spaß.“ Andererseits sei die Zentralredaktion ARD-aktuell in Hamburg mittlerweile auch „sehr fleißig“ darin, dieses Material zu verifizieren.

Sorgen bereitet Jörg Armbruster der zunehmende Aktualitätsdruck in den Medien. Über den klagen viele seiner Kollegen hinter vorgehaltener Hand, doch kaum einer spricht das Problem so offen an wie er. „Anhalten und Nachdenken gerade in der Zeit eines Krieges nützt der Berichterstattung“, schrieb er einst, „und ich wünsche mir, ich könnte es öfters.“

Der Aktualitätsdruck steigt

In einem Essay breitete Armbruster die Anekdote aus, wie ihn ein Redakteur der „Tagesschau“ aus dem Bett klingelte, von einer Explosion berichtete – Agenturen! – und aus dem Stand um ein Livegespräch bat. „Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte nur wenig.“ Reporter müssten heute schneller und intensiver als noch vor 15 Jahren berichten. Da knirsche es eben schon mal im Gebälk.

„Die Arbeit ist für Korrespondenten in den vergangenen Jahren insgesamt noch einmal deutlich schneller und anspruchsvoller geworden“, sagt er auch heute. Das aber habe durchaus sogar seine Vorteile: In Zeiten, in denen Beiträge nicht mehr über die Sendeanstalten der Regime, sondern – jederzeit über das Internet – aus Hotelzimmern nach Deutschland abgesetzt werden könnten, sei Zensur kaum noch möglich.

Armbruster will seine Erfahrungen nun in einem zweiten Buch verarbeiten, nach „Der arabische Frühling. Als die islamische Jugend begann, die Welt zu verändern“ (Westend). Und natürlich wird sein Leben jetzt deutlich ruhiger. „Der Verkehr in Kairo ist immerhin Nahkampf“, sagt Jörg Armbruster. „Stuttgart kann da nur langweilig werden!“

>> zur Originalveröffentlichung auf berliner-zeitung.de

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