Der souveräne Zuschauer

Die ARD-Dokumentation über Amazon hat gezeigt: Mediatheken haben die Nische verlassen

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Es gab Zeiten, da konnten sich Fernsehmacher vor einem Spruch nicht mehr retten. Er lautete: Der Zuschauer entwickle sich zu seinem eigenen Programmdirektor, der sich nicht mehr vom Fernsehprogramm vorschreiben lasse, wann er für eine bestimmte Sendung vor dem Gerät sitzen muss. Die Branche war elektrisiert, aber mindestens ebenso genervt von dieser These. Inzwischen ist klar: Fernsehen zu festen Sendezeiten ist von gestern.

Gerade erst zeigte die ARD-Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ den Programmmachern, was die Stunde geschlagen hat. Bald zwei Millionen Mal wurde sie im Netz abgerufen – bei zugleich knapp zwei Millionen Zuschauern im Fernsehen. Auch wenn diese Zahlen nicht völlig miteinander vergleichbar sind, weil Fernsehquoten bereits um ungeduldiges Publikum bereinigt wird, das bloß kurz auf einem Kanal vorbeischaut: Was Sender wie ARD und ZDF nach der Ausstrahlung in ihren sogenannten Mediatheken zum Abruf bereitstellen, wird genutzt.

Heidi Schmidt ist „Onlinekoordinatorin“ der ARD. Soll sie spontan Bilanz ziehen, dann wird es kompliziert für sie, denn ihr Senderverbund hat nicht eine, sondern fast ein Dutzend Mediatheken – eine für jeden Landessender, eine fürs Erste und dann auch noch eine für die ARD in Gänze. Manches werde zudem „dezentral“ bespielt, sagt sie. So liefert Schmidt auf Anfrage der Einfachheit halber nur Abrufdaten von Sendungen, die im Ersten gelaufen sind, in den Mediatheken von ARD und Erstem abgerufen wurden und zudem nicht „Tagesschau“ heißen oder Sport und Talk zeigten. Doch auch mit dieser Einschränkung kommt eine Menge zusammen: 33 Millionen angeklickte Videos allein im Januar. Verglichen mit dem Vorjahr stiegen die Abrufe um die Hälfte.

Eigentlicher Boom steht noch bevor

Bis die Amazon-Enthüllungen vor einer Woche die Klick-Charts erstürmten, war ein „Tatort“ mit Maria Furtwängler das erfolgreichste ARD-Video aller Zeiten, mit 1,1 Millionen Abrufen. Die bislang erfolgreichste Informationssendung war wiederum der „Apple-Check“. Er brachte den ARD-Mediatheken gut 700 000 Abrufe ein.

Aber auch das ZDF kann längst beeindruckende Abrufzahlen vorweisen. Online-Chef Eckart Gaddum legt für den Januar dieses Jahres 39 Millionen Nutzungen vor. Der Höhepunkt zu Jahresbeginn war der Dreiteiler „Adlon“, der gut 1,8 Millionen Mal anlief. „Nimmt man besondere Highlights wie ‚Adlon‘ oder den Wintersport heraus, dann ragt insbesondere das Genre Satire heraus“, analysiert Gaddum. ARD-Frau Schmidt benennt als Dauerbrenner vor allem fiktionale Stoffe, neben „Tatort“ und den meist hochwertigen Spielfilmen am Mittwoch durchaus auch seichte Serien wie „Sturm der Liebe“.

Reform der Einschaltquoten-Messung

Doch wenn Mediatheken inzwischen ihr Nischendasein überwunden haben – wäre es da nicht sinnvoll, die Online-Abrufe auch in die Einschaltquoten mit einfließen zu lassen? „Perspektivisch muss das kommen“, sagt Gaddum. Auch für seine Kollegin Schmidt ist es „notwendig, dass die beiden Währungen zusammengeführt werden“. Im Hintergrund arbeitet die Medienforschung schon daran. Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung, in der sich öffentlich-rechtliche und private Programmmacher zusammengeschlossen haben, testet ein entsprechendes Verfahren. In den Sendern rechnen sie mit einem Start im Herbst.

In den Augen der ARD-Onlinekoordinatorin Schmidt steht der eigentliche Boom des Abruf-Fernsehens noch bevor. „Großes Potenzial sehe ich bei der Nutzung auf dem TV-Bildschirm im Wohnzimmer“, sagt sie. Viele Zuschauer neuer Fernsehgeräte nutzten bislang gar nicht die Möglichkeit, über die sogenannte Smart-TV-Funktion die Mediatheken der Sender aufzurufen. „Dabei würde das die Chance bieten, Sendungen zu einem selbst gewählten Zeitpunkt anschauen zu können.“

>> zur Originalveröffentlichung auf berliner-zeitung.de

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