Aus Liebe zum Gedruckten

Von wegen, Print ist tot: Die Zeitschrift Kaltblut ist nur eines jener Magazine aus Berlin, die derzeit abseits der üblichen Verlagsindustrie entstehen. Hier wächst eine neue Kultur des Gedruckten heran, mit Liebe zum Detail.

In Mailand sind sie bereits ausverkauft, auch London ordert nach, und Tokio können sie nur nicht bedienen, weil der Versand dorthin noch zu teuer ist. Die Zeitschrift Kaltblut läuft deutlich über Plan. Das 400 Seiten dicke und 1,4 Kilogramm schwere Magazin aus der Hauptstadt ist dabei nur eines von vielen, das derzeit abseits der üblichen Verlagsindustrie entsteht. Vor allem in Berlin wächst eine neue Kultur des Gedruckten heran, mit Liebe zum Detail.

„Die Leute sollen das sammeln“, sagt Marcel Schlutt. Er hat Kaltblut erfunden, ein opulentes Magazin für Musik, Kunst und vor allem: für junge Mode. „Wir sehen uns als Plattform für die Szene“, sagt Schlutt, selbst Schauspieler, Model und Fotograf. Gerade ist das dritte Heft in den Druck gegangen. Schlutt hat es mit seinem Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung in Friedrichshain produziert, wochenlang ganz nebenbei.

Fundgrube Tumblr

Das Magazin heißt Kaltblut, weil Schlutt einst gelernt hatte, Pferde zu hüten, darunter eben auch echte Kaltblüter. Außerdem ist ihm eine andere Zeitschriftenidee zuvor kaltblütig aus den Händen gerissen worden sei, erzählt er. Die Zeitschrift sollte HONK!magazine heißen, doch dann kam es zum Bruch mit einer einstigen Mitstreiterin, die nach Schlutts Darstellung völlig überraschend mit der gemeinsamen Idee davonzog. Wer Kaltblut aufblättert, findet schließlich Fotostrecken und Interviews. Neue Labels stellen sich vor.

Vieles, was Kaltblut präsentiert und inszeniert, stammt aus Berlin. Anderes hat Schlutts Partner, Nicolas Simoneau aus Paris, im Netz gefunden. Simoneau, der das Magazin von der ersten bis zur letzten Seite gestaltet, schaut sich dafür jeden Tag auf Tumblr um, einer Plattform für Blogs: „Hier trifft sich die Szene.“ Eine Fundgrube für Geschichten und Bilder.

Ein anderes Heft, das ebenfalls in der Hauptstadt entsteht, ist Stadtaspekte – ein Magazin von Stadtfans für Stadtfans. Es ist bei Weitem nicht so umfangreich, kämpft ansonsten aber mit denselben Problemen wie Kaltblut: Auch hier verdienen die Macher mit ihrem Magazin bislang kein Geld. Es ist vielmehr ein aufwendiges Hobby. „Wir haben mit dem ersten Magazin so viel verdient, dass wir das zweite machen können“, sagt Sven Stienen, der als Chefredakteur fungiert. Er hat ein gutes Dutzend Gleichgesinnter, die sich wöchentlich in einer Kreuzberger Wohnküche treffen. Sie planen und produzieren das Heft. Die Geschichten aber kommen aus der ganzen Welt. Die Redaktion rufe für jede Ausgabe per Ausschreibung in die Stadt hinein. Die Text- und Fotovorschläge sind ihr Echo, Honorare dafür aber noch lange nicht drin.

Das Erstaunliche dabei: Das Magazin kann sich vor Einsendungen kaum retten. Eine Erfahrung, die Stienen und Schlutt teilen. Auch Kaltblut müsse viele Angebote zurückgehen lassen. Im dritten Heft, das gerade mit Männern als Schwerpunkt in den Druck gegangen ist, finde sich erstmals gar kein Aufruf mehr. „Wir haben auch so schon genug zusammen.“ Zum Jahresende geht es dann um das Dunkle – dunkle Haut, vor allem aber dunkle Mode.

Für lau beteiligen sich einerseits Autoren und Fotografen, die Geschichten erzählen wollen, die große Blätter nicht einkaufen – weil sie nicht massentauglich sind, sondern für eine überschaubare Zielgruppe. Nachwuchsautoren wiederum finden in den Heften erste Präsenz – eine Not, aus der einige eine Tugend gemacht hat. Ihr Magazin heißt Tonic, adressiert an sehr junge Erwachsene.

„Etablierte Magazine nehmen Jugendliche nicht richtig ernst“, sagt Juliane Goetzke, 20 Jahre alt und derzeit an der Spitze von Tonic. Große Magazine wie Neon seien oft auf gute Laune getrimmt. „Aber das Leben von Jugendlichen ist nicht nur lustig und nett.“ Goetzke hat zwei Monate bei Scientology recherchiert. Auch sonst strotzt der junge Journalismus nicht vor Heiterkeit. Drogen spielen eine Rolle und das Leben im Jugendknast.

Die Jugendlichen arbeiten vor allem virtuell. Goetzke lebt in Hamburg, einige Mitstreiter in Berlin, manch einer aber auch im Südwesten der Republik. Derzeit basteln auch sie an ihrer zweiten Ausgabe, Schwerpunkt: Identität. Ihre Hefte verkaufen sie vor allem über das Netz. Nur eine Handvoll Buchhandlungen großer Uni-Standorte wird mit Exemplaren bestückt, von den Redakteuren persönlich.

Gern ein kleines Gehalt

Auch Kaltblut wird per Hand verteilt. „Der Monat nach dem Druck ist immer die Hölle“, sagt Schlutt. „Dann ziehen wir Tag für Tag mit einem Bollerwagen zur Post.“ Schlutt setzt auf handverlesene Verkaufsstellen. Zehn sind es in Berlin, dazu ein Dutzend von Paris bis nach New York. Mehr als 5 000 Exemplare wollen sie ohnehin nie drucken. Auch der Preis unterstreicht das Gefühl des Besonderen: Um die 30 Euro kostet ein Exemplar.

Etwas Besonderes wollte und will auch Tonic sein. Goetzke kann sich noch gut an die Startphase erinnern: „Wir wollten das neue Jugendmagazin für Deutschland entwerfen.“ Bloß aus den Händen gerissen hat ihnen die erste Nummer kaum einer: Nur ein paar Hundert Exemplare gingen zur Premiere weg. Inzwischen sehen sie Tonic eher als „kreativen Raum zum Ausprobieren“, sagt Goetzke. Marcel Schlutt würde sich darauf allein hingegen nicht besinnen. Der Kaltblut-Macher sagt ganz klar: „2014 darf es gerne auch ein kleines Gehalt sein.“

>> zur Originalveröffentlichung auf berliner-zeitung.de

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