Wenn alles mit allem vernetzt ist

Das ZDF arbeitet die Datengier der Geheimdienste auf

Seit gut drei Monaten werden fast täglich neue Details bekannt, doch erst jetzt widmet sich ein erster deutscher Fernsehsender in einem größeren Umfang dem Datenhunger der Geheimdienste. Das ZDF skizziert gar einen„World Wide War“ und trägt dafür nicht nur zusammen, was Edward Snowden bislang über seine Ex-Kollegen veröffentlich hat. Der Film geht weiter: Er fragt sich, welche Risiken eine Gesellschaft eigentlich eingeht, wenn ihre Staaten allwissend werden.

„Sicherheit soll Vorrang haben vor Freiheit und Menschenwürde“, heißt es aus dem Off. „Eine gefährliche Argumentation, denn sie öffnet Tür und Tor für Missbrauch, und genau den gibt es längst.“ Da sind Recherchen, die Offizielle in den Golfstaaten tätigen, um im Netz Regimegegner aufzuspüren – und auch das digitale Wettrüsten von China und den USA. Vertraulichkeit soll hier aufgelöst werden, im Militär, bei Banken, in der Industrie.

In Deutschland, das prangert das Team um Elmar Theveßen an, haben alle Entscheider gewusst, was passiert, nicht zuletzt die einstige rot-grüne Regierung um Gerhard Schröder. Sie hat nach dem 11. September 2001 Kooperationen schriftlich fixiert, wie auch ihre Nachfolger. Der Film zielt vor allem auf ein Abkommen aus dem Jahr 2008 ab. Es gestattet ausländischen Firmen, die etwa Umschlagplätze für den weltweiten Datenverkehr betreiben, auch hierzulande im Dienst der US-Streitkräfte zu agieren: „eine Lizenz zum Spionieren“.

Theveßen reist in die USA, versucht zumindest, NSA-Chef Keith B. Alexander zur Rede zu stellen, und trifft Michael Hayden, einst ebenfalls Verantwortlicher des US-Dienstes. Sie machen klar: Ihren europäischen Kollegen haben sie erklärt, worauf sie aus sind. Alexander lobt sogar die Deutschen. Ihre Dienste seien „großartig“, und es sei „eine Ehre, mit ihnen zusammenzuarbeiten“. Eine Aufarbeitung der Affäre, die über kurze Berichte in Nachrichtensendungen
und politischen Magazine hinausgeht, war überfällig.

Einwenig engereGrenzen hätten diesem Film allerdings gut getan. So vermengt das ZDF Schlampereien beim Schutz digitaler Systeme etwa von automatisch geschalteten Kirchenglocken und Toren in Fußballstadien mit der Daten-Gier staatlicher Stellen. Auch wenn in beiden Fällen Hacker ihr Werk verrichten: Vergleichsweise simple Attacken auf eine Ebene zu stellen mit dem systematischen Bruch von Bürgerrechten, verharmlost die laufende Affäre geradezu. Und dennoch: Gut, dass das ZDF sich aufgerafft hat.

Das Erste will unterdessen offensichtlich abwarten, bis die Flut neuer Erkenntnisse wieder abebbt und dann – in aller Ruhe – sortieren. In der Programmdirektion heißt es, man plane eine Dokumentation „auf sichererer Daten- und Recherchebasis“ für Anfang 2014. Bis dahin bleibe das Thema vorerst nur in den Nachrichten präsent.

World Wide War – Der geheime Kampf um die Daten, 22.45 Uhr, ZDF

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