Die leere Dimension

Auf vielen neuen TV-Geräten könnte man heute in 3D fernsehen. Nur blöd, dass kaum ein Kanal in 3D sendet

Stephan Heimbecher ist im deutschen Fernsehen für die Zukunft zuständig. Er leitet die Innovationsabteilung des Bezahlsenders Sky. Wer ihn in dicht gedrängten Messehallen wie neulich etwa auf der Elektronikmesse Ifa finden will, hat es leicht. ‘Ich bin nicht zu übersehen (203 cm)’, schreibt er dann, versehen mit einem gut gelaunten Smiley. Er ragt heraus – und steht mitunter doch ziemlich alleine da. Etwa wenn es um 3-D-TV geht, um dreidimensionales Fernsehen.

‘Das ist eine spezielle Form des Fernsehens, die man sich gönnt, so wie man eben als Weinliebhaber einmal in der Woche die etwas teurere Flasche köpft’, sagt er. Mit Sky 3D betreibt sein Sender einen Kanal, der die ‘TV Revolution’ verspricht. Das Angebot aber ist überschaubar: eine Partie der Fußball-Bundesliga pro Monat, einmal die Woche ein neuer Kinofilm und ebenso eine frische Doku in drei Dimensionen; sonst Rotation.

Die Wahrheit ist: Das dreidimensionale Fernsehen, für das Zuschauer noch immer meist eine Spezialbrille aufsetzen müssen, interessiert in der Senderbranche sonst keinen. Während Heimbechers Kanal im Oktober drei Jahre alt wird, haben um ihn herum alle Großen vorerst aufgegeben. Sowohl die mächtige US-Bezahlsendergruppe ESPN als auch die BBC knipsten gerade ihre Kanäle für 3-D-Fernsehen wieder aus. Zu teuer, kaum Fans.

Ob das hierzulande anders ist? Heimbecher verrät nicht, wie viele Abonnenten seinen Spezialkanal haben freischalten lassen – wäre der Erfolg phänomenal, würde er aber freilich mit konkreten Zahlen prahlen. Man sei ‘eigentlich zufrieden mit dem Verlauf’, sagt er, und dass andere aufgeben, störe ihn nicht sonderlich. Er wolle sich dem ‘nicht immer positiven Trend’ in der Branche auch weiterhin widersetzen – aus Überzeugung.

Die Voraussetzungen für die Programmmacher könnten wiederum kaum besser sein: Von den gut acht Millionen Fernsehgeräten, die 2013 in Deutschland verkauft werden sollen, dürften mehr als drei Millionen 3-D-fähig sein. Der Branchenverband Bitkom, der sich bei seiner Prognose auf Daten des Marktforschungsinstituts IHS stützt, rechnet vor, dass damit noch in diesem Jahr nahezu in jedem fünften TV-Haushalt eine Empfangsstation stehen wird, die Zuschauer sich in dreidimensionalen Sphären wähnen lassen kann.

‘Im Grunde ist 3D heute Standard, vor allem bei den großen Bildschirmen’, erklärt Michael Schidlack, der für den Bitkom den Elektronikmarkt beobachtet. In den vergangenen Jahren konnte auf Fachmessen kein Besucher dem Schlagwort ‘3D’ entkommen. Auf der Ifa unter dem Berliner Funkturm aber war es nun schon fast wieder verschwunden – wie schon im Januar auf der CES in Las Vegas. ‘3D gehört inzwischen zu einem neuen Fernseher so dazu wie ABS zu einem neuen Auto’, behauptet Branchenvertreter Schidlack. ‘Darauf will niemand verzichten.’

Dass er sich da aber mal nicht irrt. Eine Studie, die Kabel Deutschland in Auftrag gegeben hat, kam gerade zu dem Ergebnis: Nur sechs Prozent der Zuschauer wollen noch dreidimensional fernsehen.

Da wundert es nicht, dass sich fast alle Programmveranstalter in Verzicht üben, die privaten ebenso wie die öffentlich-rechtlichen. Bei der ARD heißt es, ‘der zusätzliche Produktionsaufwand ist heute nicht zu rechtfertigen’. Auch ZDF-Produktionsdirektor Andreas Bereczky warnt: 3D wäre eine ‘große kostentreibende Maßnahme’. Auch für ihn ist diese Technologie ‘kein Thema’. So bleibt 3D abseits des Bezahlfernsehens ein technischer Standard ohne inhaltliches Angebot. Der einzige Ausweg: ein paar hundert 3-D-Filme gibt es auf Blueray oder im Netz.

Ausprobiert haben die Sender 3D aber sehr wohl. Bereczky ließ dafür vor zwei Jahren die Geschwister Alexander und Thomas Huber auf ihren Extremkletterer-Touren begleiten. ‘Das war schön, weil das in der weiten Natur war und klettern langsam ist’, erinnert sich der Technikchef. Ausgestrahlt hat er den Film aber ganz konventionell – es fehlte ein eigener 3-D-Kanal, auch das ein Kostentreiber. Dreidimensional gibt es Die Huberbuam beim ZDF deshalb nur in der Mediathek – und bei Sky, der die Produktion lizensiert hat.

Streng genommen hat sogar Sky sein 3-D-Angebot bereits zurückgefahren: Zum Start zeigte der Sender noch an jedem Spieltag ein Spiel der Bundesliga, teils beworben in ausgewählten Kneipen, die Spezialbrillen ausgaben, um die Lust auf 3D zu wecken. Warum jetzt nur noch ein Mal im Monat dreidimensional gekickt wird, sagt Heimbecher nur vage. Das sei eine gemeinsame Entscheidung der Liga, von Sky und Deutscher Telekom gewesen, die einst für Liga Total Übertragungen in 3D unterstützte – bis Sky der Telekom die Übertragungsrechte im Internet wegschnappte.
Beim Sport zeigt sich auch, was es für die Sender heißt, in 3D auszustrahlen. Sie müssen die Technik größtenteils doppelt auffahren, darunter viele Kameras, nicht zuletzt aber auch die Regie: 3D muss das Geschehen von weiter unten einfangen. Außerdem müssen Übertragungen ruhiger gestaltet werden, denn ständige Perspektivwechsel würden die Gehirne der Zuschauer zum Glühen bringen, die schließlich damit beschäftigt sind, zwei leicht versetzt voneinander dargestellte Bilder zu einer Szene zusammenzusetzen.

Andere Sender als Sky scheuen bislang diesen Aufwand. Sie sind ohnehin erschöpft von der jahrzehntelangen Umstellung ihrer Infrastruktur auf das hochauflösende Fernsehen – einigen Dritten etwa fehlt noch immer ein HD-Kanal. Heimbecher aber will 3D nicht fallen lassen. Die Geräte würden besser, funktionierten spätestens mit den künftigen Ultra-HD-Geräten auch gut ohne Spezialbrille. Das komme Zuschauern entgegen, die zwischendurch mit ihren Partnern reden oder sich um ihre Kinder kümmern wollten.

Die beiden Bilder, die für ein einziges dreidimensionales Bild übertragen und im Fernseher zusammengesetzt werden, laufen nebeneinander auf einem einzigen Kanal. Deshalb braucht es fürs 3-D-Fernsehen auch zusätzliche Kanäle. Nur wer 3D sehen will und empfangen kann, soll das Signal auf dem besonderen Kanal bekommen. Und weil viele Spezialbrillen das Bild noch einmal aufteilen, kommt beim Zuschauer derzeit oft nur etwa ein Viertel der HD-Qualität an. Die Auflösung von Ultra-HD wiederum ist vier Mal so gut wie die klassischer HD-Kanäle.

‘Das wird deshalb dem Thema 3D sehr zugutekommen’, sagt Sky-Manager Heimbecher. Er gehe davon aus, dass die Technik irgendwann ausgereift sein werde – mehr Begeisterung inklusive. Bis dahin wird er Einzelkämpfer bleiben.

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Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins. In einem eigenen Projekt dokumentiere und analysiere ich zudem die Debatte über die Zukunft von ARD und ZDF.

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