Wie das Deutschlandradio den Islam erklären will

Interview mit Deutschlandradio-Intendant Willi Steul zur Ankündigung, wöchentlich den Koran erklären zu wollen — vom 14. Januar 2015

Willi Steul (Foto: Deutschlandradio)

Da die Serie der Ankündigung zufolge “seit mehr als einem Jahr“ in Planung ist: Was gab ursprünglich den Anlass dazu?

Man kann seit langem wahrnehmen, dass die fundamentalistischen und radikalen Ausprägungen des Islam das Bild dieser Religion nicht nur bei uns sehr einseitig prägen und dies bei vielen zu Ängsten gegenüber Muslimen allgemein führt. Zumal sich Verbrecher explizit auf diese Religion beziehen. Ich bin promovierter Ethnologe, der lange in islamischen Ländern als Journalist, aber auch wissenschaftlich gearbeitet hat. Mit muslimischen Freunden auf der halben Welt diskutiere ich dies seit vielen Jahren, verstärkt seit 9/11. Das Problem besteht einerseits darin, dass es viel zu wenig Kenntnisse vom Islam gibt und andererseits, dass der Koran auch in seinem historischen Kontext verstanden werden muss. Da hat die islamische Welt selbst ein Nachholbedürfnis, unter dem auch moderne gläubige Muslime leiden. Zu unseren Aufgaben als Journalisten gehört die Aufklärung. Deshalb habe ich vor rund einem Jahr ein entsprechendes Format beauftragt. Das zwar freitags richtig platziert ist, aber ganz ausdrücklich nicht als ein “Wort zum Freitag” an Muslime, sondern als Information in erster Linie an die nicht-muslimische Gesellschaft. Wenn Muslime sich da wiederfinden, umso schöner.

Mit welchem Format, welcher Länge und welchen Inhalten darf gerechnet werden?

Wir planen insgesamt maximal drei bis vier Minuten. Bestehend aus einem Koran-Zitat, von einem Sprecher aufgenommen und einem anschließenden informativen, einordnenden Text. Diese Auslegung sollen die Autorinnen und Autoren möglichst selbst sprechen. Wir treffen mit ihnen eine Auswahl von 52 Koran-Versen, das deckt dann das Jahr ab.

Wie wird die Serie im Programm platziert und wen will Deutschlandradio damit erreichen?

Wo wir die Serie im Deutschlandradio platzieren, ist noch nicht abschließend entschieden. Es waren die Ereignisse in Paris, die mich dazu bewogen haben, diese Planung bereits jetzt in einem Interview öffentlich zu machen. Möglicherweise setzen wir die Serie freitags in der täglichen Sendung “Tag für Tag – Aus Religion und Gesellschaft” im Deutschlandfunk (9.35 – 10.00 Uhr), aber denkbar sind auch andere Plätze. Erreichen wollen wir alle, die an einer differenzierten Wahrnehmung des Phänomens interessiert sind. Nur Wissen schützt vor schnellem Urteil und Vorurteil. Vielleicht leisten wir damit ja auch einen Beitrag zur Diskussion innerhalb der Muslime in unserem Land, aber wir wollen uns nicht überschätzen.

Wer produziert die Reihe — analog zu den Verkündigungssendungen muslimische Verbände oder der Sender selbst?

Natürlich Deutschlandradio in seiner unabhängigen journalistischen Verantwortung, es wird keine wie auch immer geartete „Abstimmung“ mit muslimischen Verbänden geben.

Woran sind die angekündigten “renommierten, muslimischen Koran-Experten“ festzumachen — sprich: Wie erfolgt die Auswahl?

Wir haben uns in verschiedenen Universitäten nach Autoren mit einem bestimmten Profil erkundigt: Es müssen wissenschaftlich tätige Islam-Experten sein, die in der kritischen Fachwelt einen hervorragenden Ruf genießen. Und sie müssen selbst Muslime sein. Natürlich gibt es ausgezeichnete Koran- und Islamwissenschaftler unter Nicht-Muslimen, aber damit begegnen wir dem möglichen Vorwurf, dass hier “Außenstehende” über den Islam reden.

Wird die Serie auch strenggläubige und radikale Auslegungen der jeweiligen Koranverse zum Thema machen?

Ja selbstverständlich, sie werden aber auch nicht im Mittelpunkt stehen. Es geht weder um Verkündigung noch um Auseinandersetzung, sondern um Aufklärung, Information und Wissensvermittlung. Der Koran und der Islam sind vielfältig und komplex. Das Fatale ist doch gerade, dass sich islamistische Extremisten in ihrer selektiv und buchstabengläubigen, selbstgestrickten Auslegung des Koran bewegen und dies in unserer Gesellschaft vielen als “der Islam” erscheint. Gerade in diesen Bezügen muss man aber auch den als Offenbarung verstandenen Koran in seinen historischen Kontext setzen.

– Willi Steul hat die Fragen schriftlich beantwortet.

BONUSMATERIAL ZU DIESEN VERÖFFENTLICHUNGEN

Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins. In einem eigenen Projekt dokumentiere und analysiere ich zudem die Debatte über die Zukunft von ARD und ZDF.

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