Der lange Weg zu WhatsApp

Warum Redaktionen mit der neuen Plattform hadern

für WDR5

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Manuskript des Beitrags
WhatsApp – wer damit anfängt, der kann sich sicher sein: Sein Handy bleibt nicht mehr stumm. Es hagelt förmlich elektronische Depeschen, neuerdings auch aus Redaktionen, darunter etwa launige Botschaften von „Spiegel TV“ aus Hamburg.

„Hi! Mein heutiger Filmteam ist ein wahrer Spiegel-TV-Klassiker! Wir haben uns an die Front im alltäglichen Nachbarschaftskrieg begeben. Taubenkot und Klopfgeräusche – muss man gesehen haben!“

Neben Fernsehredaktionen wagen auch erste Zeitungen – ganz vorsichtig – den nächsten Schritt im Neuland. Frisch dabei: die „Ruhr Nachrichten“ aus Dortmund.

„50 Menschen haben sich gestern Abend in Westerfilde zu einer Massenschlägerei verabredet.“

Nach Facebook und Twitter jetzt also WhatsApp. Die neue Plattform ist dabei die bislang komplizierteste, denn zum ersten Mal sind Journalisten weiter als die Technik. WhatsApp fehlen Schnittstellen, über die Redaktionen ihre Nachrichten bequem ausspielen könnten. Die Folge: WhatsApp ist für sie eine Geduldsprobe.

Die „Ruhr Nachrichten“ wollten sich dabei erst mal nicht über die Schultern blicken lassen. Dafür erklärt Daniel Stahl, wie aufwändig WhatsApp für Redaktionen ist. Er hat bei der „Heilbronner Stimme“ mit WhatsApp experimentiert.

„Also die Leute haben sich bei uns angemeldet, die mussten uns ein Stichwort per WhatsApp schicken. Dann haben wir die Leute in unser Adressbuch aufgenommen – jeden Einzelnen von Hand. Das heißt, wir haben uns echt drei Abende uns die Daumen wund getippt.“

Adressbücher pflegen ist das eine, das Ausspielen der Nachrichten das andere. Während das bei Twitter und Facebook auf Knopfdruck an alle Abonnenten eines Profils geht, ist bei WhatsApp nach 250 Empfängern erst mal Schluss. Wer mehr Nutzer erreichen will, muss sie auf Listen verteilen und die dann nach und nach adressieren – ein Teufelskreis: Je beliebter das Angebot, desto länger dauert der Versand.

„Das heißt, Du brauchst wahrscheinlich zehn Minuten, um allen diese Eilmeldung zu schicken. Und ob es nach zehn Minuten noch eine Eilmeldung sein kann, ist die Frage.“

Weil WhatsApp so kompliziert ist, haben die meisten Redaktionen wenn überhaupt, dann erst mal nur kurz mit diesem Dienst experimentiert. Die „Heilbronner Stimme“ etwa hat keine frischen Nachrichten verschickt, sondern einen Tag im Zweiten Weltkrieg in Echtzeit nachgespielt. Sie überlegt nun, wie sie WhatsApp in ihren Alltag integrieren kann – nicht zuletzt, weil ihnen die ersten Nutzer auf Nachfrage gesagt haben, dass sie sich genau das wünschen: Nachrichten auch auf diesem Kanal.

Auch Oliver Havlat, Online-Chef der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf, ist sehr an WhatsApp interessiert. Nach den Erfahrungen seiner Kollegen hält aber auch er sich mit einem eigenen Angebot vorerst lieber zurück.

„Vor allen Dingen, weil man Abonnentenlisten pflegen muss. Die Abonnenten können sich nicht selbst ein- und austragen, das muss die Redaktion machen. Und das ist einfach viel zu viel Aufwand für eine aktuell arbeitende Redaktion, wo es letztlich darum geht, mitunter solche Verteiler auch schnell einrichten zu können bei besonderen Nachrichtenlagen und dann auch schnell und in hoher Frequenz Nachrichten auch verschicken zu können.“

Inzwischen gibt es zumindest eine kleine Hilfe: WhatsApp bietet ersten Nutzern, die ein Android-Smartphone haben und auf den Browser Google Chrome setzen, die Möglichkeit, WhatsApp auch über den Computer zu bedienen. Die Probleme beim Pflegen der Adressbücher und dem Versandt der Nachrichten an viele Abonnenten bleiben allerdings. Hier stellt WhatsApp bislang keine Abhilfe in Aussicht, sondern drängt Programme von Dritten, die hier einspringen, sogar juristisch vom Markt.

Trotzdem: Auch das Schweizer Fernsehen hat bereits mit WhatsApp experimentiert und auf diesem Kanal einen Tag lang eine Volksabstimmung begleitet. Konrad Weber, der für das SRF Neues ausprobiert, ist ebenfalls skeptisch, wenn es um ein tägliches Angebot geht. Er wird aber unruhig, weil er ein weiteres Argument sieht, das für ein schnelles Engagement auf WhatsApp spricht: Journalisten könnten hier auch gut recherchieren, vor allem Augenzeugen bei Unfällen und Katastrophen.

„Wenn man nicht in einen Diskurs tritt mit dem Publikum, dann erhält man auch nichts zurück. Und bei WhatsApp ganz konkret geht es auch darum zu schauen, wie kann man mit der Community dann auch in Kontakt treten, wie kann man die aktivieren, falls etwas geschieht, wo die Leute dann auch vor Ort sind, und versuchen, auch auf das Know-how der Masse dann auch zuzugreifen.“

Nur wer präsent ist, kann eben auch Fragen stellen und angesprochen werden. Deshalb drängt für Redaktionen die Zeit: Auch sie wollen so rasch wie möglich dabei sein – wenn doch nur die Technik endlich so weit wäre.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)