Die Marktschreier

Wie Redaktionen Recherchen verkaufen

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
„Wir sind hier im Haus 18 beim NDR in Lokstedt und hier sitzt das Ressort ‚Investigation’. Wir sind ‘ne kleine, aber feine Truppe…“

Und Julia Stein gehört selbst zu dieser Redaktion, die gerade wieder Schlagzeilen macht, zusammen mit dem WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ als Teil eines weltweiten Recherchercheverbunds. „Swissleaks“: der größte Daten-Bankraub der Geschichte. Um Themen wie diese möglichst schnell an ein zugleich möglichst breites Publikum zu bringen, arbeiten hier bewusst Fernseh-, Radio- und Online-Journalisten in einer Redaktion. Vor allem sitzen sie ganz in der Nähe besonders gefragter Kollegen, von ARD-aktuell und vor allem von der „Tagesschau“.

„Es ist kein Zufall, es ist Absicht. Wenn wir eine Etage tiefer gehen würden, sind wir schon bei ‚Tagesthemen’, bei ‚Nachtmagazin’, noch eine Etage tiefer sind wir bei der Planung von ARD-aktuell. Und die kurzen Wege, die Kollegen direkt zu treffen, das hat sich schon vielfach als Vorteil erwiesen.“

Auch wenn diese Nähe mitnichten ein Selbstläufer ist, wie Julia Stein berichtet: die „Tagesschau“ schafft für Recherchen wie „Swissleaks“ immer wieder Reichweite und die ist bei Journalisten begehrt. Noch sehr viel aktiver sind die Kollegen von der BBC. Die britische Rundfunkanstalt, die Sender in aller Welt betreibt, hat ihr System perfektioniert.

Ausschnitt „Panorama“

BBC-Journalisten finden heraus: Bei den Sprachtests, die Einwanderer für ein Visum bestehen müssen, wird großflächig betrogen. Eine Industrie der Schummelei – das ist ein Thema, nicht nur für eine Dokumentation. In London nimmt sich deshalb eine spezielle Einrichtung der Sache an: eine Redaktion namens „Impact“. Sie sorgt dafür, dass die BBC einzelne Recherchen auf so vielen Plattformen wie möglich erzählt.

„The role auf the BBC-‚Impact’-Team is to make sure that our best regional journalism reaches as many audience as possible. That could be on…“

In der hauseigenen Akademie der BBC erzählt „Impact“-Chef Mark Perrow wie er das macht – etwa, indem er die Geschichten auch gezielt in anderen Sprachen erzählt, die Geschichten weiter dreht, in diesem Fall für den eigenen Kanal für Indien.

Ausschnitt BBC India

„Das war eine gewichtige Recherche. Sie sollte so viele Menschen wie möglich erreichen. Es geht doch darum, unser Geld so klug wie möglich einzusetzen.“

Die Gefahr dabei: Redaktionen machen Geschichten größer als sie sind. Tatsächlich ist der Druck in den Medienhäusern mitunter gewaltig: Jeder muss beweisen, dass er sein Geld wert ist und Zeitungen wie Magazine müssen sich im wahrsten Wortsinne verkaufen – so auch die „Welt“ aus Berlin. Exklusives stellt sie bewusst zur Schau.

„Die ‚Welt’-Gruppe betreibt das sehr systematisch, weil wir das natürlich versuchen, bei jeder Geschichte, wo wir sehen, die ist Exklusiv oder wir sind die ersten mit dieser Meldung, wollen wir natürlich logischerweise Marketing betreiben für unsere Produkte,“

erklärt Beat Balzli, der stellvertretende Chefredakteur. Er will, dass die Geschichten seiner Journalisten die Runde machen, in der „Tagesschau“, aber vor allem bei den Nachrichtenagenturen, die Medien oft wörtlich übernehmen. Wer das konsequent schafft, der darf auf eine Belohnung hoffen: eine Bonuszahlung für Journalisten.

„Das wird sicher angesprochen in den Zielvereinbarungen, das ist ganz klar. Also die Zitierungsquote ist ein Teil der Ziele, das ist klar.“

Das mit der Präsenz ist für die „Welt“ aber auch etwas einfacher geworden: Axel Springer hat N24 gekauft. Der Nachrichtensender bildet mit den Journalisten der Zeitung eine gemeinsame Redaktion. Seitdem hat Exklusives auch hier Konjunktur.

>> Download MP3 (Quelle: B5-“Medienmagazin”)