Bürgerinformation ohne Journalistenfilter

Bundesregierung auf Facebook

für WDR5

Manuskript des Beitrags
„Agenda-Setting, ja? Agenda-Setting at it’s best. Also bevor überhaupt….“

Tabea Wilke ist in ihrem Element. Auf der Hamburger Social Media Week spricht die Beraterin über gelungene Auftritte von Spitzenpolitikern im Netz. Eigene Botschaften platzieren, das habe vor allem US-Präsident Obama drauf, schwärmt sie. Aber dann:

„Die Bundesregierung ist seit letzter Woche live, auf Facebook. Hurra! Die machen das. Und zwar sehen wir hier was total Süßes – ich spiel es einfach mal ab…“

Zu sehen ist ein wackeliges Video: Der Blick über die Schulter eines Flugkapitäns während der Landung.

(Ausschnitt Video)

„Okay, es ist jetzt eine Ladung, super, herzlichen Glückwunsch, das ist euer Job – andererseits: Hey, da ist die Bundeskanzlerin drin. Hey, es ist die Luftwaffe. Und: Hey, es ist aus dem Cockpit raus. Das haben die schon echt gut gemacht.“

Videos, die Regierende auf Reisen zeigen, dazu viele kleine Botschaften – zum Hilfsprogramm für Griechenland, zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Für den Regierungssprecher ist dieses Angebot nur konsequent, schließlich zähle Facebook allein aus Deutschland bereits 28 Millionen Nutzer.

„Es gibt viele Menschen, die sind erreichbar über gedruckte Broschüren – und deswegen kriegen sie die über uns. Und es gibt welche, die sind inzwischen fast nur noch im Netz oder fast nur noch in den sozialen Medien erreichbar und deshalb sind wir auch da aktiv.“

Steffen Seibert zieht eine erste Bilanz: Gut 40.000 Nutzer haben den „Gefällt mir“-Knopf gedrückt und damit die Einträge der Bundesregierung abonniert. Außerdem sind bislang etwa 19.000 Kommentare aufgelaufen. Kann Seiberts Mannschaft das alles bewältigen – vor allem, wenn es mehr wird?

„Es wird sicher immer welche geben, die mit Recht sagen: Moment mal, ich habe da eine Frage gestellt, auf die habe ich keine Antwort bekommen. Aber wir tun so viel wir können.“

Tatsächlich ist vieles, was auf der Seite aufläuft, vergleichsweise harmlos. Nutzer fragen – teils süffisant – warum Videos wackeln oder hinterlassen Späße. Erstaunlich viele bekunden wiederum ihre Sympathie, vor allem, dass die Bundesregierung nun auch im größten sozialen Netzwerk unterwegs ist. Immer wieder mischt sich unter die Kommentare aber auch teils deutliche Kritik. Seibert sagt, er sei sehr froh, dass sich der Großteil dabei anständig verhalte. Es gebe aber auch Ausreißer – natürlich.

„Wir alle kennen das Netz und wissen, es gibt immer eine Minderheit von Leuten, die eigentlich nur trollen, stören und nerven wollen. Die habe ich auf Twitter, die gibt’s überall. Ich stelle aber fest in dieser ersten Woche: Das ist wirklich eine Minderheit.“

Störenfriede sind das eine, echte Beleidigungen und noch mehr das andere. Die Bundesregierung, die einen eigenen Social-Media-Newsroom betreibt, will handeln.

„Wo unsägliche Holocaust-Leugnungen stattfinden oder wirkliche hetzerische, rassistische Inhalte, da handeln wir entsprechend, dokumentieren das und leiten das in den ganz wenigen Fällen gegebenenfalls auch zu einer juristischen Prüfung an die zuständigen Behörden weiter.“

Aber auch Journalisten müssen wachsam sein: Im Netz müssen sie mitunter dabei zusehen, wie ihre Akteure Botschaften selbst unters Volk mischen. Als Seibert vor vier Jahren anfing zu twittern, kündigte er dort etwa eine Amerika-Reise der Kanzlerin an. Viele Hauptstadtjournalisten waren damals irritiert.

„Muss ich mir jetzt eine Twitter-Account zulegen, um über relevante Terminen der Kanzlerin informiert zu werden?“

„Kann es sein, dass über die USA-Reise außer über Twitter nirgendwo berichtet wurde? Und das ist ja eine andere Qualität.“

Seibert ließ dementieren, auf Twitter einen exklusiven Kanal aufbauen zu wollen. Die neue Plattform sei bloß ein zusätzlicher Weg. Für Facebook verspricht er dasselbe.

„Manchmal wird die Angst geäußert, wir wollten nun die Journalisten umkurven. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir sind dafür da, Journalistenfragen zu beantworten. Das tue ich so ziemlich rund um die Uhr mit meinen Kollegen. Und daran wird sich überhaupt nichts ändern.“

Mach einer befürchtet dennoch, der Hauptstadtjournalismus könnte leiden. Bela Anda, unter Kanzler Schröder selbst Regierungssprecher und heute stellvertretender Chefredakteur bei „Bild“, mahnte: Die neuen Reisevideos im Netz könnten klassische Reporter im Grunde überflüssig machen. Das Verhältnis bleibt also angespannt.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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