“Da gehört die Bundesregierung auch hin”

Interview mit Regierungssprecher Steffen Seibert zur neuen Facebook-Seite der Bundesregierung — vom 27. Februar 2015

Politische Botschaften und Blick hinter Kulissen: Regierung auf Facebook

Herr Seibert, die Bundesregierung ist seit gut einer Woche auf Facebook am Start. Warum haben Sie sich überhaupt dazu entschieden?

Die Aufgabe des Bundespresseamtes ist es, über Politik der Bundesregierung zu unterrichten, zu informieren, zu erklären. Das ist der Grund, warum es uns gibt. Und das muss man dort, auf den Kanälen tun, auf denen die Menschen erreichbar sind. Es gibt viele Menschen, die sind erreichbar über gedruckte Broschüren – und deswegen kriegen sie die über uns. Und es gibt welche, die sind inzwischen fast nur noch im Netz oder fast nur noch in den sozialen Medien erreichbar und deshalb sind wir auch da aktiv.

Transporteure sind auch Journalisten. Sie sind vertreten in der Bundespressekonferenz. Da gibt es ja eigentlich Wege, Menschen zu erreichen. Social Media dennoch?

Also, Manchmal wird die Angst geäußert, wir wollten nun die Journalisten umkurven. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir sind als Bundespresseamt dafür da, Journalistenfragen zu beantworten, Journalisten zu informieren. Das tue ich so ziemlich rund um die Uhr mit meinen Kollegen. Und daran wird sich überhaupt nichts ändern.

Man muss zu dem Facebook-Auftritt, den wir jetzt seit einer Woche haben, wirklich ganz klar sagen: Er ersetzt nichts. Er stellt sich nicht an die Stelle von Journalisten-Kontakten, sondern er ist ein zusätzliches Mittel, weil wir einfach erkennen, dass inzwischen 28 Millionen Deutsche auf diesem Kanal erreichbar sind. Und ich finde, wir bräuchten schon eine ganz schön gute Begründung, wenn wir sagen würden: Nö, da wollen wir aber nicht dabei sein – zumal es alle internationalen Regierungen sind, viele Ministerien und sehr viel andere Akteure in der politischen Arena. Da gehört die Bundesregierung auch hin.

Da könnte man genauso gut die Frage stellen: Warum erst jetzt? Sie selbst – und damit auch die Bundesregierung – sind schon länger auf Twitter vertreten, einer deutlich kleineren Plattform, was die Nutzung angeht. Warum Facebook jetzt?

Ja, das stimmt. Ich bin allerdings ganz zufrieden, dass ich auf Twitter inzwischen ich glaube 335.000 Follower habe. Das ist auch nicht so wenig. Vor allem im Vergleich der politischen Akteure in Deutschland liege ich damit nicht so schlecht.

Facebook ist natürlich ein viel aufwändigeres Unternehmen für das Bundespresseamt. Twitter, das bediene ich im Prinzip. Da kriege ich ein bisschen Hilfe von einigen Kollegen hier im Haus, aber im Wesentlichen ist das mit ganz wenig Aufwand zu leisten. Das ist der Charme von Twitter. Facebook – wir stellen da ja Beiträge ein, wir stellen da Videos ein, wir nehmen vor allem den Dialog-Aspekt von Facebook sehr ernst, das heißt, wir beantworten unzählige Fragen – das ist viel aufwändiger. Da mussten wir uns auch hier im Hause entsprechend strukturieren, um das leisten zu können. Und wir sind sehr froh, dass wir das auch annehmen.

Wir haben jetzt nach einer Woche 19.000 Kommentare bekommen. Das heißt, es gibt ein echtes Bedürfnis der Bürger, mit der Bundesregierung in Diskussion, in Kontakt zu treten. Und wir versuchen das zu erfüllen. Aber das ist natürlich eine aufwändigere Sache als Twitter.

Wie organisieren Sie das, sprich: Welchen Aufwand löst eine solche Entscheidung auf eine solche Plattform zu gehen aus? Wenn Sie sagen, in einer Woche 19.000 Kommentare: Liest die tatsächlich jemand und haben Sie das Prinzip „Vollständigkeit“: Jede Frage, die dort gestellt wird, wird auch beantwortet?

Also ich glaube, wir haben nicht 19.000 Antworten geschickt. Es ist auch nicht jeder Kommentar eine Frage oder die Aufforderung zu einer sachlichen Diskussion. Das muss man ja auch sehen. Ich will erst mal sagen: Wir haben jetzt über eine Million Menschen erreicht in einer Woche. Wir haben diese 19.000 Kommentare, von denen die aller meisten sehr sachlich sind und es sich eine wirklich gute Diskussionsatmosphäre auch bei sehr kontroversen Themen wie TTIP oder so ergeben hat. Und wir beantworten so viel wir können, aber mit Sicherheit nicht 19.000 Antworten.

Trotzdem sitzen die Kollegen sehr intensiv daran, das wirklich zu sichten und dafür zu sorgen, dass die Menschen auch das Gefühl haben, dass das, was sie uns schreiben, hier ankommt, hier nicht nur entgegengenommen wird, sondern auch beantwortet wird oder wiederum zu neuen Beiträgen von uns führt. Ich glaube, dass das in dieser Woche ganz gut gelungen ist. Wir sind ja auch noch dabei, Erfahrungen zu machen. Also wir werden jetzt ja auch sehen, wie die Intensität der Arbeit auf Facebook ist. Wir sind sehr erfreut von der starken Reaktion der Menschen. Und wir werden uns auch hier entsprechend strukturieren, dass wir das auch weiterhin erfüllen können, was wir damit versprechen.

Alle ernsthaften Fragen, alle aufrecht gestellten Fragen, werden die beantwortet oder ist das gar nicht zu schaffen?

Es wird sicher immer welche geben, die mit Recht sagen: Moment mal, ich habe da eine Frage gestellt, auf die habe ich keine Antwort bekommen. Aber wir tun so viel wir können und wir bekommen auch als Rückmeldung von den Bürgern, dass sie diese Bemühung sehen und dass sie die auch gut finden.

41.000 Likes nach einer Woche, die muss man sich ja auch verdienen. Und die werden wir uns auch weiterhin verdienen müssen. Es gibt eine ganz intensive Arbeit an der Beantwortung der Fragen. Oft sind das leicht, oft sind das sehr komplizierte Fragen, die dazu führen, dass wir dann wieder neue Inhalte ins Netz stellen, weil das nicht in zwei Sätzen so einfach zu beantworten ist.

Ich glaube, dass wir es in dieser Woche schon ganz gut hingekriegt haben, wirklich eine inhaltliche Diskussionsplattform zur Verfügung zu stellen. Und ich freue mich, dass die Nutzer es auch so sehen, also dass die allermeisten auch im Ton und in der Sachlichkeit ihrer Gedanken glaube ich genau erkannt haben, was man mit so einer Seite zwischen Bürgern und Regierung erreichen kann.

Als es los ging, war ein Video von Ihnen zu sehen in einer Art Social-Media-Newsroom. Ist das tatsächlich eine richtig neue Einheit, die man da aufbaut? Haben Sie das Prinzip 24/7, das Sie da einführen, also ein richtiges Schichtsystem? Wie viele Leute betreiben das jetzt zur Anfangszeit?

Also diesen Newsroom, den haben wir nicht als Potemkinsches Dorf für das Video mit mir aufgebaut, sondern den gibt’s, den haben wir eingerichtet. Dazu haben wir hier wie gesagt ein bisschen umstrukturiert im Hause. Da sitzen die Kollegen, die sich jetzt mit den sozialen Medien befassen. Das ist ja nicht nur Facebook – obwohl Facebook eben für uns jetzt das große neue Ding ist –,sondern da werden auch die anderen Netzwerke, die wir bespielen – und da wird auch noch weitere Aktivität dazukommen –, das wird alles von dort gesteuert in enge Anbindung auch an unsere Chefs vom Dienst, die die sozusagen kommunikative Oberhoheit haben über das, was wir herausgeben an Informationen.

Es ist nicht sinnvoll, dass ich Ihnen sagen, wir haben so und so viele Kollegen, weil wir auch mal gucken müssen, wie sich das entwickelt: Müssen wir noch nachlegen? Kommen wir mit dem zurecht? Wir haben natürlich einen Schichtdienst eingeführt. Wir gucken, dass die meisten Stunden des Tages abgedeckt sind. Ich glaube, es wird aber auch jeder verstehen, dass er um 2.12 Uhr am frühen Morgen von seiner Bundesregierung nicht gleich innerhalb von einer halben Stunde eine Antwort bekommt.

Also die Kollegen – das will ich schon mal sagen – haben jetzt hart gearbeitet. Da ziehe ich den Hut.

Was ist denn das Konzept? Man sieht ja viele Videoinhalte. Das ist so ein bisschen der Blick hinter die Kulissen, richtig?

Ich glaube, wir haben alles. Wir haben Videoinhalte. Die sind besonders beliebt, werden besonders oft gelikt. Wir haben aber auch sehr tiefe inhaltliche Informationen gegeben, gerade zum Thema TTIP. Der Anspruch ist, dass wir die Arbeit der Bundesregierung darstellen und sie erklären und sie einordnen und vielleicht den Bürgern auch helfen können, ein bisschen hinter die Kulissen zu blicken, wie diese Arbeit zu Stande kommt.

Und das heißt, dass wir natürlich die Arbeit, die Auftritte, die Reisen der Bundeskanzlerin sehr eng begleiten, aber das Bundesaußenministers nach Afrika oder für Äußerungen, die wie gesagt der Wirtschaftsminister gerade letzte Woche zu TTIP gemacht hat. Wir haben die Äußerungen ins Netz gestellt. Daraufhin gab es viele Kommentare. Dann haben wir inhaltliche Informationen zur Haltung der Bundesregierung zu den Freihandelsabkommen ins Netz gestellt. Also, wir versuchen mit einer Mischung aus Text, aus Diskussion, aus Grafik, aus Videos den Menschen ein lebendiges und irgendwie auch ein Bild zu geben, das sie gerne nutzen.

Facebook ist auch keine Tageszeitung. Es ist keine Wochenzeitung mit ellenlangen Kommentaren. Man muss schon auch sich innerhalb des Rahmens bewegen, der in diesem speziellen Medium üblich ist und den die Leute suchen. Wir verweisen aber natürlich auch oft auf weiterführende Angebote der Bundesregierung, wo man dann noch mehr finden kann, wo man noch mehr in die Tiefe gehen kann.

Wie gehen Sie denn einerseits mit Nervensägen um – Stichwort „Trolle“, also Leute, die versuchen, fast schon chronisch Diskussionen zu überlagern mit Pöbeleien und andererseits, wie gehen Sie mit denen um, die Gepflogenheiten verlassen, die beleidigen? Wird gelöscht an Kommentaren, was da nicht reinpasst?

Also, ich sage noch mal und darüber sind wir sehr froh: Die allermeisten Nutzer, die allermeisten Bürger, die sich auf diesen Facebook-Auftritt der Bundesregierung eingelassen haben, die wollen mit uns diskutieren. Die wollen ihre Meinung vielleicht auch kontrovers äußern, aber die sind sachlich und haben Interesse daran, dass dort eine Atmosphäre entsteht, in der das auch möglich ist. Und genau das ist das Ziel unserer Moderation: Wir versuchen genau diese Atmosphäre zu bewahren, in der man auch harte Urteile fällen kann, in der man loben und kritisieren kann, in der man aber immer irgendwie mit einander zurande kommt.

Wir alle kennen das Netz und wissen, es gibt immer eine Minderheit von Leuten, die eigentlich nur trollen, stören und nerven wollen. Die habe ich auf Twitter, die gibt’s überall. Ich stelle aber fest in dieser ersten Woche: Das ist wirklich eine Minderheit.

Es gilt die Netiquette. Die haben wir für jeden leicht auffindbar ins Netz gestellt und der folgen wir. Und wenn es dagegen Verstöße gibt, dann wird nicht willkürlich einfach ein Beitrag gelöscht oder ein Nutzer gesperrt, sondern dann begründen wir das, dann lassen wir ihn das wissen, dann machen wir einen Screenshot, der genau sagt, warum an dieser Stelle so gehandelt werden muss. Und in den ganz wenigen Fällen, wo es noch darüber hinaus geht, wo geltende deutsche Gesetze gebrochen werden – die gelten natürlich, es gilt die Meinungsfreiheit, aber es gilt auch das Gesetz der Bundesrepublik Deutschland. Wo unsägliche Holocaust-Leugnungen stattfinden oder wirkliche hetzerische, rassistische Inhalte, da handeln wir entsprechend, dokumentieren das und leiten das in den ganz wenigen Fällen gegebenenfalls auch zu einer juristischen Prüfung an die zuständigen Behörden weiter. Das tun wir.

Ich glaube, dass das im Interesse aller Nutzer ist. Und die bisher sehr sachliche und konstruktive Haltung, die die allermeisten bisher auf dieser Seite einnehmen, zeigt uns: Die wollen eine gute, sachliche Auseinandersetzung und nicht dieses Getrolle am Rande.

Wer trifft so eine Entscheidung, auf welchen Plattformen die Regierung unterwegs ist? Bedarf das einer Freigabe der Kanzlerin? Wünscht sich das möglicherweise die Kanzlerin mit Blick auf die Nutzerzahlen? Und wie viel Vorlauf hatte die Einrichtung des Profils bei Facebook?

Das können Sie sich vorstellen, dass das Bundespresseamt, wenn es sich entscheidet, einen neuen Informationskanal aufzumachen, dass es dann auch mit der Kanzlerin und mit anderen in der Bundesregierung darüber spricht – das ist ja ganz klar. Die Kanzlerin – das ist glaube ich bekannt – hat ja erstens selber als Parteivorsitzende, nicht als Bundeskanzlerin eine sehr erfolgreiche Facebook-Seite. Sie hat glaube ich eine Million Likes. Da müssen wir erst noch hin kommen. Aber wir hatten ja auch erst eine Woche. Und sie steht insgesamt der digitalen Kommunikation sehr aufgeschlossen gegenüber. Das gilt auch für den Vize-Kanzler. Und ich glaube, dass wir deshalb sehr gut Unterstützung dort haben.

Bei Google+ war und ist die Bundesregierung nicht unterwegs. Es gab mal einen falschen Steffen Seibert zu den Anfangszeiten von Google+ – die „Titanic“ hatte das eingerichtet damals, um Journalisten zu leimen. Es gibt Aktivitäten von Ihnen bei Twitter, auch vieler Ministerien bei Twitter, es gibt einen Youtube-Kanal der Bundesregierung, aber die Bundesregierung ist nicht auf allen Plattformen vertreten. Was glauben Sie, wo sich das hin entwicklen wird – immer mehr Plattformen, die bedient werden müssen?

Wir sind dabei, auch das, was wir auf Youtube machen, noch mal einer Prüfung, vielleicht einer Auffrischung zu unterziehen. Wir sind übrigens auch auf Flickr, das ist ganz erfolgreich. Ich denke, es wird auch noch weitere Nachrichten da geben für Sie, welche neuen Kanäle wir auch noch bespielen.

Von dem falschen Steffen Seibert auf Google+ wusste ich gar nichts. Aber das ist vielleicht auch besser so.

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