Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin - vor allem für ARD, Dlf, taz.
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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Reisevideos der Kanzlerin

    Wie präsentiert sich die Bundesregierung in Facebook?

    für SR2

    Manuskript des Beitrags
    „Agenda-Setting, ja? Agenda-Setting at it’s best. Also bevor überhaupt….“

    Tabea Wilke ist in ihrem Element. Auf der Hamburger Social Media Week spricht die Beraterin über gelungene Auftritte von Spitzenpolitikern im Netz. Eigene Botschaften platzieren, das habe vor allem US-Präsident Obama drauf, schwärmt sie. Aber dann:

    „Die Bundesregierung ist live, auf Facebook. Hurra! Und zwar sehen wir hier was total Süßes – ich spiel es einfach mal ab…“

    Zu sehen ist ein Video: Der Blick über die Schulter eines Flugkapitäns während der Landung.

    (Ausschnitt Video)

    „Okay, es ist jetzt eine Ladung, super, herzlichen Glückwunsch, das ist euer Job – andererseits: Hey, da ist die Bundeskanzlerin drin. Hey, es ist die Luftwaffe. Und: Hey, es ist aus dem Cockpit raus. Das haben die schon echt gut gemacht.“

    Videos, die Regierende auf Reisen zeigen, dazu viele kleine Botschaften – zum Hilfsprogramm für Griechenland, zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Für Steffen Seibert, den Sprecher der Bundesregierung, ist dieses Angebot nur konsequent, schließlich zähle Facebook allein aus Deutschland bereits 28 Millionen Nutzer.

    „Es gibt viele Menschen, die sind erreichbar über gedruckte Broschüren – und deswegen kriegen sie die über uns. Und es gibt welche, die sind inzwischen fast nur noch im Netz oder vielleicht fast nur noch in den sozialen Medien erreichbar und deshalb sind wir auch da aktiv.“

    Gut 50.000 Nutzer haben den „Gefällt mir“-Knopf gedrückt. Sie bekommen damit neue Einträge der Bundesregierung automatisch zugesellt. Außerdem sind bislang weit mehr als 20.000 Kommentare aufgelaufen. Da drängt sich die Frage auf, ob Seiberts Mannschaft das alles überhaupt bewältigen kann – vor allem, wenn es mehr wird?

    „Es wird sicher immer wieder welche geben, die mit Recht sagen: Moment mal, ich habe da eine Frage gestellt, auf die habe ich keine Antwort bekommen. Aber wir tun so viel wir können.“

    Tatsächlich ist vieles, was auf der Seite aufläuft, vergleichsweise harmlos. Nutzer fragen – teils süffisant – warum Videos wackeln oder hinterlassen Späße. Immer wieder mischt sich unter die Kommentare aber auch teils deutliche Kritik – an der Regierung oder gleich an der ganzen Gesellschaft. Seibert sagt, er sei sehr froh, dass sich der Großteil dabei ziemlich anständig verhalte. Aber ja: Es gebe auch Ausreißer – natürlich.

    „Wir alle kennen das Netz und wissen, es gibt immer eine Minderheit von Leuten, die eigentlich nur trollen, stören und nerven wollen. Die gibt’s überall.“

    Störenfriede sind das eine, echte Beleidigungen und noch mehr das andere. Die Bundesregierung will gegen besonders üble Einträge vorgehen.

    „Wo unsägliche Holocaust-Leugnungen stattfinden oder wirkliche hetzerische, rassistische Inhalte, da handeln wir entsprechend, dokumentieren das und leiten das in den ganz wenigen Fällen gegebenenfalls auch zu einer juristischen Prüfung an die zuständigen Behörden weiter.“

    Aber auch Journalisten müssen wachsam sein: Im Netz müssen sie mitunter dabei zusehen, wie ihre Akteure Botschaften selbst unters Volk mischen. Bela Anda, unter Kanzler Gerhard Schröder selbst Regierungssprecher und heute stellvertretender Chefredakteur bei „Bild“, mahnte: Vor allem die neuen Reisevideos im Netz könnten klassische Reporter im Grunde überflüssig machen. Der Deutsche Journalisten-Verband ist alarmiert, aber nicht wirklich besorgt. DJV-Sprecher Hendrik Zörner:

    „Das ist doch sehr entertainment-mäßig, was die Bundesregierung da absondert in Facebook, etwa der Blick über die Schulter der Kanzlerin beim Besuch der Vatikanischen Museen in Rom. Das ist ja alles ganz nett. Es darf aber nicht dazu kommen, dass der ein oder andere in der Bundesregierung irgendwann mal sagen könnte: Wir haben doch bereits in Facebook berichtet und deswegen sagen wir zu dem Thema Journalisten nichts mehr.“

    Eine Entwicklung, die so noch nicht eingetreten ist, vor allem nicht systematisch. Die Bundesregierung, die im Netz Bürger direkt informieren kann und das nun auch tut, steht jetzt unter verschärfterer Beobachtung der Journalisten. Regierungssprecher Seibert versucht zu beruhigen. Sein Versprechen: Die neue Plattform sei lediglich ein zusätzlicher Weg und kein Ersatz etwa zu den klassischen Pressekonferenzen.

    „Manchmal wird die Angst geäußert, wir wollten nun die Journalisten umkurven. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir sind dafür da, Journalistenfragen zu beantworten. Das tue ich so ziemlich rund um die Uhr mit meinen Kollegen. Und daran wird sich überhaupt nichts ändern.“

    >> Download MP3 (Quelle: SR2-“Medienwelt”)