Tablet-Schulungen gegen die Zeitungskrise

Die Zeitungsverlage im Norden kämpfen mit sinkenden Auflagen, die Leser mit diffuser Kaufunlust am Kiosk. Kann der Sprung in die digitale Verbreitung der Zeitungsinhalte da eine Lösung sein?

für NDR Fernsehen

Manuskript des Beitrags
Rosemarie Eck ist Zeitungsfan. Fast jeden Morgen startet sie mit den „Kieler Nachrichten“ in den Tag – klassisch auf Papier. Heute probiert sie Neues aus: die digitale Zeitung. Nach ersten Startschwierigkeiten: Texte groß ziehen, auf der Seite navigieren – hier geht das. Doch die Stammleserin: nicht überzeugt.

„Nein! Das ist für mich auch ein Ritual. Hinsetzen, Kaffee trinken, Zeitung lesen, umblättern. Vor allem: Ich kann ja hier auch nicht die ganze Seite auf einmal sehen. Obwohl ich ohne PC nicht leben könnte und so weiter, aber die Zeitung möchte ich so haben.“

So wie Rosemarie Eck geht es vielen Stammlesern, aber: Es werden weniger. Zeitungen verlieren Abonnenten, Kioske ihre Kunden. Immerhin: Nicht alle gehen den Verlagen verloren, erste Leser greifen zum Digitalen. Ein Wandel, auf den sie auch hier hoffen. Seit 1946 erscheinen die „Kieler Nachrichten“ – gedruckt. Und auch ihre Auflage sinkt.

Brigitta Grunwald, „Kieler Nachrichten“
„Man kann natürlich nicht die Augen davor schließen, vor dem Prozess der wie gesagt zugange ist, und muss alternative Erlösmodelle für sich finden. Und da sind eben die digitalen Produkte ein ganz entscheidender Faktor.“

Damit das klappt, motzen die Verlage ihre Geschäftsstellen zu kleinen Elektronikmärkten auf. Das Ziel: Die digitale Zeitung und gleich auch noch die dafür nötigen Tablet-Computern verkaufen. Für den Leser kommt das ganze Paket oft sogar billiger als die klassische gedruckte Zeitung. Dafür muss er allerdings meist ein Abonnement abschließen, das ihn gleich zwei Jahre bindet. Weiterer Vorteil für den Verlag: Das Netz an Lesegeräten wächst.

Brigitta Grunwald, „Kieler Nachrichten“
„Man muss sich auch dessen bewusst sein, dass eine logistische Struktur vorhanden sein muss sozusagen. Also wenn wir die Print-Zeitung zustellen, dann haben wir unseren Zusteller, der das Produkt zum Endkunden bringt. Wenn wir unsere digitalen Produkte zustellen wollen, brauchen wir auch jemanden, der sie zustellt. Und das ist in diesem Fall das digitale Endgerät.“

Das Versprechen der Verlage: „Wir begleiten Sie in die digitale Welt“. Sie schnüren „rundum Sorglos“-Pakete: E-Paper-App plus Tablet-Computer. Dazu: kostenlose Schulungen für Tablet-Einsteiger.
Hier nehmen sich die Verlage Zeit für ihre Stammleser – um ihnen die Angst vor der Technik zu nehmen.

„Wir befinden uns gerade in einem Schulungsraum der Kieler Nachrichten – und dann habe ich mir das Tippen gespart.“

Wie funktionieren diese Tablet-Computer? Wie komme ich damit ins Internet? Wo hole ich mir dann die aktuelle Ausgabe meiner Tageszeitung ab? Und: Wie blättert man eigentlich darin – so ganz ohne Papier? Nachhilfe, die auch Stammlesern die Tür ins Neuland öffnet.

„Ich habe die KN nun schon seit ungefähr 50 Jahren.“ „Warum wollen Sie die jetzt auf dem Tablet lesen, warum digital?“ „Ja, das ist nun mal so. Überall dabei sein!“

„Ich bin auf dem Dorf und habe mir gedacht, wenn hier mal kein Austräger ist oder so, dann ist es doch besser.“

Inzwischen nehmen alle größeren Zeitungen im Norden ihre Leser an die Hand. Fast alle mit Schulungen für Tablet-Neulinge. Bei den wenigen anderen gilt: Wer sein Gerät mitbringt, bekommt zumindest Hilfe im Shop. So wie bei der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Auch ihr Hauptprodukt ist noch immer die Ausgabe auf Papier, doch das Digitale wächst.

Ralf Geisenhanslüke, „Neue Osnabrücker Zeitung”
„Für dieses Jahr hatten wir uns vorgenommen, für Ende 2014 20.000 Digital-Abonnenten. Die haben wir halt mit 21.000 Ende des Jahres überschritten. Und wir werden natürlich bis Ende des Jahres ein Ziel anstreben, bei dem eine drei davor steht. 30.000 Abonnenten, 31.000 ist unser Ziel.“

Ein Weg der kleinen Schritte – für die Journalisten der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ eine Doppelbelastung. Wie schon seit gut 47 Jahren müssen sie auch heute noch jeden Tag eine gedruckte Ausgabe produzieren. Die muss nun als E-Paper fürs Digitale aufbereiten werden. Dazu kommt noch ein tägliches Magazin – nur für das Tablet. Das zehrt an den Kräften. Doch während viele Verlage ihre Redaktionen runterfahren, baut Osnabrück fürs Digitale aus.

Ralf Geisenhanslüke, „Neue Osnabrücker Zeitung”
„Sie müssen mehr Personal bereitstellen. Wir haben in den letzten Jahren 14 zusätzliche Redakteure eingestellt. Und in diesem Jahr werden wir auch noch mal wieder aufstocken. Es ist nicht mit dem gleichen Personal – zumindest in der Übergangsphase – zu schaffen.“

In dieser Übergangsphase müssen Zeitungen das neue, digitale Feld offensiv bestellen. Sie kämpfen darum, die Leser ein weiteres Mal für sich zu gewinnen – damit nicht mit den Papier-Fans irgendwann auch die tägliche Zeitung verschwindet.

„Wir sehen halt schon, dass wir die Zeit nutzen wollen, um halt mit noch vernünftigen Printauflagen auf die Transformation zu digitalen Produkten hin zu bekommen, und wissen, dass der Markt auch jetzt vergeben wird und jetzt auch aktiv sein müssen mit Produkten.“

Zeit, in der klassische Stammleser natürlich nicht weglaufen sollen. Sie bringen den Verlagen immer noch das meiste Geld – und das brauchen sie, um die Zeitung der Zukunft zu entwickeln. Die Zeitungskioske bleiben deshalb prall gefüllt – für die, die auf ihr bedrucktes Papier einfach nicht verzichten wollen.

Brigitta Grunwald, „Kieler Nachrichten“
„Unser Bestreben ist ganz klar da, dass wir sie mit in die digitale Welt überführen, dass wir vielleicht auch Berührungsängste abbauen und sie dafür öffnen. Aber natürlich haben wir auch das Bestreben, sie weiterhin auch als Printleser zu behalten – vorerst.“

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)