Digitale Archive

Archivare müssen nicht nur Archive pflegen, sondern auch antike Hard- und Software, mit der sich anno dunnemals gespeicherte Daten lesen lassen.

für ZDFinfo

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Manuskript des Beitrags
Jörg Wagner aus Berlin ist Radiojournalist und liebt Geräusche. Und er hat ein Ziel. Ein Klangarchiv der DDR aufzubauen und für die Nachwelt zu erhalten. Damit sich die Menschen auch in 100 Jahren noch am Sound des Sozialismus erfreuen können.

“Ich sammle eigentlich alles was sich irgendwie mit Tönen speichern lässt. Das kann eine alte Frösi Schallplatte sein. Das ist eine uralte Kinderzeitschrift aus der DDR […] Das kann auch ein Trabbi-Geräusch sein, weil die Trabbis werden irgendwann mal aussterben und dann hat man den Trabbi konserviert und kann ihn immer wieder abspielen und sagen, so klang der mal.”

Aber Hobby-Archivare wie Wagner haben ein Problem: Den Zahn der Zeit. Denn egal ob Schallplatte, Kassette, CDs oder Festplatte – keines seiner Speichermedien ist für die Ewigkeit gemacht. Und deshalb hat er nicht nur Freude an seinen Schätzen, sondern auch Angst diese wieder zu verlieren.

“Bei mir sind inzwischen in meinem Leben vier schöne große Festplatten, die auch vom Hersteller als super langlebig charakteristiert wurden, mittlerweile weggeraucht. Letztenendes ist das nach wie vor so eine Art Nitroglycerin-, Russisch-Roulette-Geschichte, dass man nie weiß, wann geht was hoch.”

Wagner hat sich daran gewöhnen müssen, dass es in seinem Archiv die 100%ige Datensicherheit nicht geben kann. Aber Festplattencrashs bedrohen nicht nur private Datenschätze. Auch staatliche Archive kämpfen gegen Erdmagnetismus, Luftfeuchtigkeit und Bandsalat. Fest steht: Unser kollektives Gedächntnis ist in Gefahr. Jens Niederhut gibt als Archivar beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen keinen Audio- und Videoschnipsel über den SED-Überwachungsstaat verloren. Trotz denkbar schlechter Voraussetzungen.

“Wir haben die Bänder ja schon in einem Zustand übernommen, der nicht optimal war. Sie sind schon bei der Staatssicherheit oft benutzt worden, nicht optimal gelagert worden. Das heißt, da sind wir jetzt wirklich an einem Punkt, wo diese Zerfallsprozesse nicht mehr zu stoppen sind.”

Im Stasi-Archiv lagert, was das ostdeutsche Regime während der Wende am liebsten noch schnell vernichtet hätte: die Akten seiner Spitzel, aber auch viele Ton- und Videodokumente, Abhörprotokolle und Mitschnitte von Vernehmungen. Das historisch einmalige Archiv eines Überwachungsstaates. Vieles davon ist weder erschlossen noch digitalisiert. Und als wäre es nicht schon schwierig genug diesen Bestand für die Nachwelt zu erhalten, haben Niederhut und seine Kollegen ein weiteres Problem. Die technisch längst überholten Video- und Tonformate überhaupt abzuspielen. Deshalb muss nicht nur das Archiv selbst, sondern auch ein Gerätepark von vorgestern in Schuss gehalten werden.

“Wir kaufen Ersatzteile überall dort, wo wir sie bekommen können. Das heißt: online, auf dem Flohmarkt, bei Sammlern, aber damit wird natürlich irgendwann Schluss sein. Also die Technik verschwindet nach und nach.”

Reinhard Altenhöner ist bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verantwortlich für die Langzeitarchivierung des Bestandes. Hier speichert man die Daten gleichzeitig in mehreren Großrechnern, verteilt auf unterschiedliche Standorte. Angst die Daten zu verlieren hat Altenhöfer zwar nicht, dafür aber eine andere Sorge: Wer kann diese Dateien in 100 Jahren noch lesen?

“Je ungewöhnlicher ein Format, desto schwieriger ist das. Manchmal gibt es Formate, die hängen an einer Firma und die Firma ist meinetwegen in Konkurs gegangen und es gibt nichts mehr auf neueren Betriebssystemumgebungen, was man da nutzen könnte. Dann haben wir ein Problem.”

Beim Digitalisieren von Büchern, Musik und Filmen setzen Archivare deshalb inzwischen auf offene Standards, die gut dokumentiert sind. Viel schwieriger zu erhalten ist Software, etwa alte Lernprogramme. Auch diese soll die Nachwelt noch daddeln können.

“Da beginnt dann wirklich die große Suche. Es kann sein, dass man wirklich nur mit einem Emulator weiterkommt, eine Computerumgebung, die dann vorgaukelt der Software, ich bin hier noch deine alte vertraute Windows-95-Umgebung.”

Egal ob man ein Geräuscharchiv, die Stasiunterlagen oder einen kompletten Bibliotheksbestand erhalten möchte. Archivierung ist auch im Zeitalter vernetzter Serverfarmen mehr als ein Festplattenbackup in der Cloud. Jeder neue Technikstandard bedeutet für Archivare ein neues Problem, auf das sie sich einstellen müssen. Und auch der Durchnitts-PC-User zu Hause sollte hin und wieder nachschauen, ob seine Datenschätze überhaupt noch da sind.

>> Beitrag auf YouTube (Quelle: “Elektrischer Reporter”)