“Alles in allem werden 25.000 Regalmeter frei”

Interview mit NDR-Archivleiterin Maria Godsch zur Digitalisierung ihres Fernseharchivs, einem 10-Millionen-Euro-Projekt für zehn Jahre

NDR-Archivleiterin Maria Godsch (Foto: NDR)

Viele Archive stehen vor einem Problem: Bisher haben sie ihr Material analog gesichert und daran nagt nun der Zahn der Zeit. Wie sieht das beim NDR aus?

Wir haben noch bis 2012 unsere Fernsehproduktionen auf Kassetten ausgespielt. Die sind zwar für den professionellen Gebrauch deutlich besser als die VHS-Kassetten, auf denen viele zu Hause Fernsehsendungen aufgenommen haben, aber die Probleme sind letztlich dieselben: Die Bänder fangen mit der Zeit an zu schmieren, verkleben und verlieren etwa durch den Erdmagnetismus auch bei guter Lagerung kontinuierlich Daten, Bilder etwa ihre Farben. Man wusste immer, dass das Material nicht auf Dauer halten wird. Wie alle Rundfunkarchive haben auch wir deshalb unseren Bestand immer wieder auf neue Träger kopiert. Das machen wir jetzt wieder – nur eben nicht auf neue Bänder, sondern auf Festplatten im Hörfunk beziehungsweise “LibraryTapes” im Fernsehbereich. Angefangen haben wir mit unserem Hörfunkarchiv, das bereits seit 2008 komplett digitalisiert ist. Seit einem Jahr sind wir nun auch an unserem Fernseharchiv dran.

Was ist das für ein Aufwand?

Das Fernseharchiv umfasst zirka 280.000 Stunden Programm, gut 10.000 Stunden kommen jährlich dazu. Wir müssen ein “Programmvermögen” von etwa 250.000 Stunden digitalisieren, das wir noch auf Kassetten lagern, also fast 90 Prozent unseres Fernseharchivs. Wir schicken den Großteil davon sukzessive zu einem Dienstleister, der WDR Mediagroup, die nach einer europaweiten Ausschreibung den Zuschlag für dieses Projekt bekommen hat. Einen Teil übernehmen wir selbst – immer dann, wenn wir schon absehen können, dass unsere Redaktionen ältere Bestände brauchen. Historische Ausgaben der „Tagesschau“ gehören dazu, aber zum Beispiel auch alles rund um den Fall der Mauer und zum anstehenden 50. Geburtstag unseres Programms. Alles in allem wird uns die Digitalisierung des Fernseharchivs insgesamt etwa zehn Millionen Euro kosten und vermutlich zehn Jahre dauern.

Schauen sich dabei Mitarbeiter jedes Band an?

An unseren „Digitalisierung-Straßen” im Haus ja, zumindest mehrere Aufnahmen gleichzeitig. Das, was nach draußen an den Dienstleister geht, ist aber schon ein Massengeschäft. Da arbeiten Maschinen stapelweise Kassetten ab. Es prüft allerdings eine Software im Hintergrund, ob Bänder Lücken haben oder das Material offensichtlich beschädigt ist, und sortiert diese Kassetten aus, damit wir sie uns ansehen. Außerdem machen wir in dem digitalisierten Material Stichproben. Wir können uns bei der Einspielung aber nicht alles ansehen. Die Digitalisierung muss bezahlbar bleiben und angesichts des Volumens möglichst schnell abgearbeitet werden: Bei einem Projekt, das auf zehn Jahre angelegt ist, verlieren viele Bänder weiter an Qualität, während sie noch auf die Digitalisierung warten.

Wie Lückenlos ist denn Ihr Bestand – haben Sie alle „Tagesschauen“ und alle Sendungen, die der NDR jemals ausgestrahlt hat?

Sehr viel, ja, aber leider nicht mehr alles. Dazu muss man dreierlei wissen: Das Archiv wurde überhaupt erst 1955 eingerichtet, drei Jahre nach der ersten „Tagesschau“. Außerdem wurde noch bis in die Siebziger hinein das laufende Programm, also zum Beispiel Magazinsendungen, nicht aufgezeichnet, sondern lediglich die Beiträge aufgehoben. Es gab einfach noch nicht die Möglichkeit, den Sender mitzuschneiden. Deshalb wurden in den ersten Jahren die „Tagesschauen“ nicht jeden Tag komplett gesichert, sondern nur in sehr wenigen Fällen: Immer dann, wenn jemand mal exemplarisch eine Sendung samt Moderation aufheben wollte und sie dafür extra vom Fernseher abgefilmt hat. Wir haben allerdings einen großen Teil dieser Lücke – die späten Sechziger und die frühen Siebziger Jahre – nach dem Fall der Mauer wieder schließen können: Der DDR-Rundfunk hat ganze Jahrgänge „Tagesschauen“ abgefilmt und aufbewahrt. Es hat uns also tatsächlich die „Feindbeobachtung“ der DDR geholfen. Anderes wurde noch bis in die Achtziger Jahre hinein vernichtet. Wir sprechen da von einer „Materialkassatation”: Die Zwei-Zoll-Bänder zum Beispiel, auf denen jahrzehntelang gesichert wurde, waren einfach riesige Teile. Nachrichten und politischen Sendungen haben die verantwortlichen Redaktionen damals sichern lassen, sich aber bei Unterhaltung und Kultur von einigen Aufzeichnungen verabschiedet, um Platz für Neues zu schaffen.

Und wie sieht es bei den Radioprogrammen mit der Vollständigkeit aus?

Auch wenn wir erst mal alles mitschneiden: Von unseren Hörfunksendern archivieren wir bis heute nicht alles auf Dauer. Die eingespielten Beiträge, Features, Konzerte ja – Moderationen und Nachrichten aber in aller Regel nicht. Allerdings gibt es in der ARD sogenannte Mitschnitttage: 24 Stunden lang wird alles aufgezeichnet, was die ARD in TV und Hörfunk sendet, um beispielsweise für die Wissenschaft einen Eindruck von der jeweiligen Zeit zu behalten. Das erste Mal wurde so etwas 1989 gemacht, das bisher letzte Mal 2008, bislang insgesamt vier Mal.

Wo speichern Sie am Ende Ihr digitalisiertes Material?

Unser Massenspeicher steht beim IVZ, dem Informations-Verarbeitungs-Zentrum der ARD in Berlin. Wir sind – wie andere Rundfunkanstalten – direkt mit Standleitungen verbunden. Wenn unsere Redaktionen auf das digitalisierte Material zugreifen, läuft das also nicht über das Internet. Die Digitalisierung hat zudem einen großen Vorteil: Das IVZ spiegelt seine Daten permanent in einem zweiten Rechenzentrum in Leipzig, also weit weg vom Hauptsitz. Während wir in der analogen Welt von sehr vielen Beiträgen und Sendungen lediglich ein Exemplar hatten, bestehen in der digitalen Welt ständig mindestens zwei Kopien an unterschiedlichen Orten weiter. Das erhöht die Sicherheit des Materials enorm.

Und das physische Original – was machen Sie damit?

Wir behalten die Originale nach der Digitalisierung für ein paar Jahre, bis wir sicher sind, dass die Digitalisierung auch wirklich lückenlos geklappt hat. Wenn wir dieses Vertrauen dann haben, vernichten wir die Kassetten. Auch das ist aufwändig: Wir können sie ja nicht einfach in den Müll werfen, wo sie jeder finden kann – es liegen Rechte darauf und oft auch der Datenschutz. Im Hörfunkarchiv leeren wir gerade unsere Keller. Beim Fernsehen wird es hingegen noch ein paar Jahre dauern, bis wir damit anfangen. Alles in allem werden schließlich etwa 25.000 Regalmeter frei.

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