Die Weltverbesserer

Bilanz nach einem Jahr Correctiv

für WDR5

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Manuskript des Beitrags
Correctiv ist ein Magnet. Um hier arbeiten zu können, haben Journalisten Jobs beim „Wall Street Journal“ oder beim „Handelsblatt“ aufgegeben. Markus Grill, seit diesem Sommer der Chefredakteur des Recherchebüros, kam sogar vom „Spiegel“.

„Ich hätte da jetzt noch 20 Jahre bis zu meiner Rente als Autor, Reporter irgendwie sein können. Vor allen Dingen: Es gibt kein Medienunternehmen, das so gut bezahlt wie der ‚Spiegel’. Also hier ist sozusagen, es ist ein junges Unternehmen, wo man sehr viel gestalten kann.“

Gestalten heißt: mehr zu Gesundheit, mehr zum Klimawandel – internationale Kooperationen inklusive. Anderes müssten sich seine Leute im Zweifel verkneifen.

„Ich glaube, es gibt gerade 40 Themen, wenn ich das richtig überblicke, was die Leute hier machen. Es kommt jetzt darauf an, uns ein bisschen zu fokussieren und vielleicht das, was man gemacht hat, zu optimieren.“

Correctiv-Recherchen sind Luxus-Recherchen. Grills Truppe hat keine festen Seiten oder Sendungen wie ihre Kollegen in den klassischen Medienhäusern. Die Folge: Neid. Auch bei Jörg Eigendorf, dem Investigativ-Chef der „Welt“:

„Correctiv macht das, was wir auch machen wollen, aber manchmal nicht machen können, weil wir natürlich auch diesem Druck ausgesetzt sind, auch mal tagesaktuell reagieren zu müssen, uns nicht nur auf die Themen konzentrieren zu können, die wir setzen wollen. Correctiv kann das natürlich machen. Das macht’s auch sehr rei zvoll.“

Vieles, was Correctiv im ersten Jahr geliefert hat, kam anderorts viel zu kurz. In einer neuen Datenbank kann zum Beispiel jeder nachschlagen, welche Politiker in Nordrhein-Westfalen mit welchen Pöstchen in Stadtwerken und anderen kommunalen Einrichtungen versorgt wurden. Das ist relevant und neu.

Correctiv verstärkt allerdings auch den allgemeinen Recherche-Mainstream. So hat sich Correctiv um den Abschuss des Flugzeugs MH17 über der Ukraine gekümmert –  wie ein gutes Dutzend anderer Häuser. Für andere Investigativ-Journalisten wie Hans Leyendecker, dem Investigativ-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, ist Correctiv deshalb Chance und Risiko zugleich.

„Die Idee ist nicht, Konkurrenz-Journalismus zu machen. Also dafür gibt’s genug, die unterwegs sind. Das ist ja eigentlich auch unsere Schwäche in Wahrheit. Die Schwäche ist ja, dass sich zu viele um wenige Bereiche, sagen wir mal jetzt IS oder NSA oder Korruption oder so was kümmern. Aber ich glaube, dass es in den Bereichen, die Leute auch vor Ort berühren, dass es da auch Lücken gibt im Regional-Journalismus und so.“

Doch selbst wenn Correctiv Lücken füllt, droht Gefahr. Verlagsmanager könnten sich zurücklehnen, nach dem Motto: Teure Recherche? Die erledigen doch schon andere. Möglich, sagt Jörg Sadrozinski, der Leiter der Deutschen Journalistenschule – aber:

„Erfahrungsgemäß ist es so, dass die großen Anstalten oder große Medienunternehmen eher wie schwerfällige Tanker sind und dass dann eben diese kleinen schnellen Beiboote dann doch etwas bewegen können und diesen Tanker vielleicht in eine andere Richtung lenken oder eben Impulse geben.“

Recherche dorthin bringen, wo sie kaum vermutet wird – das schafft Correctiv. Im ersten Jahr kooperierte das Recherchebüro neben „Spiegel“ und „Zeit“ auch mit Buzzfeed, einer Plattform, die vor allem Fundstücke aus dem Netz bietet. Künftig will Correctiv auch mit RTL zusammenarbeiten, um mit gesellschaftlichen Themen nicht nur das elitäre, sondern auch das breite Publikum zu erreichen. Und noch etwas plant Correctiv-Chefredakteur Grill: verstärkte Recherchen im Lokalen.

„Die Idee ist auch: Wenn Leute aus der Community sagen, in unserer Stadt irgendwie funktioniert was nicht richtig, dass wir dann kommen, ja? Dass wir sozusagen wie als Task-Force irgendwie einreiten in eine Stadt und – in Kooperation gerne mit der örtlichen Lokalzeitung, wenn die das will, also zeigen, wie man an Dokumente rankommt, an Informationen rankommt – auch die Stadtverwaltungen ein bisschen piesacken.“

Um die Finanzierung muss sich Grill unterdessen keine Sorgen machen. Die Essener Brost-Stiftung hat ihr Millionen-schweres Engagement von ursprünglich drei auf sechs Jahre verlängert. Correctiv ist eben ein Magnet – auch für Spenden.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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