Polizei will Verbrechen vorhersehen

“Predictive Policing” in Norddeutschland

für NDR Info

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Manuskript des Beitrags
Das niedersächsische Landeskriminalamt hat Hannover in kleine Kacheln aufgeteilt: 150 mal 150 Meter groß, gut 5.000 Kacheln insgesamt. Anschließend haben die Beamten eine Software des IT-Konzerns IBM mit allerhand Daten gefüttert: Wo wurden in den vergangenen Jahren bereits Wohnungen aufgebrochen, wie reich oder arm sind die Anwohner einer Straße, wo leben Singles, wo Familien? Ein Team um den Kriminalforscher Alexander Gluba fragte dann das Programm: Wo droht in den nächsten zwei Wochen ein Einbruch?

„Wir haben dann – das war dann einfach so eine Entscheidung – gesagt: Ab 50 Prozent Wahrscheinlichkeit ist es eine Hochrisiko-Kachel. Die müssten wir ernst nehmen. Und dann haben wir eben geschaut, in wie vielen Fällen diese Hochrisiko-Kacheln auch tatsächlich von einem Einbruch betroffen waren.“

Das Ergebnis: eine Überschneidung von 30 Prozent. In gut einem Drittel der Fälle hat der Algorithmus also Recht gehabt. Durchaus vielversprechend findet das der Soziologe des LKA. Das niedersächsische Innenministerium will demnächst entscheiden, ob es die Software von IBM lizenziert – so wie in Bayern, wo eine ähnliche Software bereits in einem Feldversuch arbeitet. Auch der Hamburger Senat prüft den Einstieg in die digitale Verbrechensprognose – nicht zuletzt, weil Olympische Spiele ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept bräuchten.

Datenschützer sind alarmiert. De Landesbeauftragte in Niedersachsen, Barbara Thiel, ist sich sicher: Aufhalten lässt sich der Trend zur Verbrechensvorhersage per Algorithmus nicht mehr. Sie will, dass dabei aber keine personenbezogenen Daten ausgewertet werden. „Risikokacheln“ von 150 mal 150 Metern könnten zu klein sein.

„Das mag in den meisten Fällen dann durchaus eine größere Menge an Personen betreffen, so dass keine Rückschlüsse auf die einzelnen Personen möglich sind. Es kann aber durchaus im Einzelfall erforderlich sein, dass auch dieses Gebiet als solches größer umrissen wird, weil sich innerhalb dieses Gebietes nur ein einzelnes Wohnhaus befinden kann und in diesem Wohnhaus möglicherweise auch nur eine einzelne Person lebt.“

Sollten auch die Niedersachsen die Technik tatsächlich bald in der Praxis erproben – für die Polizei wäre das der Anfang einer völlig neuen Entwicklung. LKA-Forscher Gluba stellt sich jedenfalls noch ziemlich viele, sehr grundsätzliche Fragen.

„Was machen wir denn mit so Prognosen. Also in der Regel werden die Prognosen rot in einer Karte dargestellt werden. Ist auch egal, welche Software sie nehmen, das wir das Ergebnis sein. Und wie reagieren wir dann?“

Will die Polizei in einer „Risikokachel“ offensiv Präsenz zeigen, also verstärkt Streife fahren, um Täter abzuschrecken, damit es zumindest in diesen Regionen gar nicht erst zu Einbrüchen kommt, oder wäre die verdeckte Präsenz vielleicht geschickter, um Täter zu schnappen, damit sie überhaupt nicht mehr zuschlagen können, auch nicht woanders? Das wiederum sind Fragen, die ein Algorithmus nicht so einfach beantworten kann. Spätestens hier müssten die Beamten wieder selbst denken.

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