Bilderstreit

Fotos von alten Gemälden – nutzen oder nicht?

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Gabriele Sindler liebt Musik. Seit ein paar Jahren versucht sie, auch den Nachwuchs dafür zu begeistern. Ihr Projekt: „Musical und Co“ – eine Seite, auf der Kinder für Kinder schreiben, betreut von Erwachsenen und gefördert unter anderem vom Bundesfamilienministerium. Jetzt aber hat Sindler ihre Seite erst mal aus dem Netz genommen, denn: Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen werfen ihr vor, das Foto eines ihrer Gemälde verbreitet zu haben, ohne dafür zu bezahlen, einfach so.

„Ein Anruf hätte genügt, die Sache wäre erledigt. Es kam kein Anruf, es kam kein Brief, es kam keine E-Mail, was für alle Beteiligten deutlich billiger gewesen wäre, sondern ein anwaltliches recht forsches Schreiben mit der Forderung, 850 Euro zu bezahlen.“

So eine Abmahnung muss man sich vorstellen wie einen prall gefüllten Koffer. Anwälte legen dort hinein: eine Unterlassungserklärung. Wer sie unterschreibt, verpflichtet sich, etwas nicht mehr zu tun – in diesem Fall das Bild nicht mehr zu verbreiten. Tut er es doch, wird ein besonders hoher Schadenersatz fällig, durchaus zehntausende Euro. Dazu kommen Kosten: eine nachträgliche Lizenzgebühr und das Honorar für den Anwalt. Kleine Portale wie „Musical und Co.“ trifft das hart.

„Da wir ein kostenloses Portal sind und auch werbefrei sind heißt das, wir haben überhaupt gar keine Einnahmen. Wir haben aber Kosten: Server, URL, verschiedenste Dinge. Das bedeutet, dass eine solche Abmahnung den Fixkosten-Etat für ein Jahr einfach auffrisst. Und da kann man sich das leicht ausrechnen, wenn das noch ein zweites oder drittes Mal passiert, dann – also, das geht einfach nicht.“

Sindler hat zwar die geforderte Unterlassungserklärung abgeben, sieht aber nicht ein, zu bezahlen. Die Museen haben sie deshalb verklagt. Es kommt zum Prozess. Und der Fall ist kompliziert: Das Bild, um das es geht und das Richard Wagner zeigt, entstand Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Maler, Caesar Willich, ist seit weit über 70 Jahren tot. Seine Werke sind damit eigentlich gemeinfrei – jeder kann sie nutzen. Daran stören sich die Museen auch gar nicht, melden aber trotzdem Ansprüche an, nämlich für ihren Hausfotografen. Der hat das alte Bild geknipst und so ins Digitale überführt – in einem Haus, in dem Fotografieren sonst verboten ist.

Dieses Foto hat ein Internetnutzer auf Wikimedia Commons gestellt. Das ist eine Plattform aus dem Kosmos der freien Wissens-Datenbank Wikipedia, die allen zur Verfügung steht. Bei den Reiss-Engelhorn-Museen ist man der Meinung, dass das so einfach nicht geht, wie Generaldirektor Alfried Wieczorek dem SWR sagte:

„Es kann ja eigentlich nicht sein, dass etwas von einem Fotografen einfach mal irgendwie durch einen Dritten als gemeinfrei erklärt wird, ohne dass zum Beispiel der Fotograf seine Zustimmung dazu gegeben hat. Wir brauchen nicht Wikipedia als das Medium, das die Entscheidung fällt. Das tun wir hier selber.“

Die Museen wollen auch Wikipedia verklagen, oder vielmehr Wikimedia Deutschland, den hiesigen Förderverein der Wissens-Datenbank. Vorstand Christian Rickerts ist beunruhigt und das grundsätzlich:

„Wenn man sagt, nach einer gewissen Zeit verliert ein Werk im Prinzip den Schutz, damit es jeder nutzen kann, wäre ja jetzt im Prinzip diese Auffassung, also wenn sich die Auffassung des Museums durchsetzen würde, im Prinzip eine Verlängerung dieser Schutzfrist durch die Hintertür.“

Rickerts fragt sich: Wenn Internetnutzer nicht auf das Material von Museen zurückgreifen dürften, wie sollten dann alte Kunstwerke das Digitale erreichen? Alte Kunst müsste dafür nun mal reproduziert, also fotografiert oder gescannt werden.

„Dann müssten in der Tat die Nutzung von digitalen Kopien zum Beispiel auf der Wikipedia beendet werden, wenn die Personen, die diese Digitalisierung gemacht haben, dem nicht zustimmen würde.“

Gabriele Sindler fühlt sich bei alledem im Recht – sie will kämpfen, sagt sie, auch wenn sie noch nicht weiß, ob sie das überhaupt durchhalten kann, wenn der Fall in die Instanzen gehen sollte und danach sieht es derzeit aus. Es bräuchte zweifellos ein Grundsatzurteil, an dem sich künftig alle Internetnutzer orientieren könnten. Ihnen ist in der Zwischenzeit zur Vorsicht geraten. Der Fall zeigt: Auch was auf den ersten Blick nach gemeinfreier Kunst aussieht, die eigentlich gar keinen Schutz mehr genießt, kann bis auf Weiteres zum Problem werden. Der Teufel steckt im Detail.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins. In einem eigenen Projekt dokumentiere und analysiere ich zudem die Debatte über die Zukunft von ARD und ZDF.

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