Kontrollverlust 1/4

Medien verlieren ihre Deutungsmacht: Politik

für B5aktuell

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Manuskript des Beitrags
„Guten Tag! Ich versuche, am Ende der Woche mal wieder auf einige ihrer Fragen Antworten zu geben. Es dreht sich natürlich vor allem über das Flüchtlings-Thema…“

Steffen Seibert, der Regierungssprecher, im Video – auf der Facebook-Seite der Bundesregierung. Die präsentiert hier seit gut einem halben Jahr einen Blick hinter die Kulissen und vor allem Info-Häppchen zur aktuellen Politik, Statements der Kanzlerin und ihrer Minister. Dazu Diskussionen mit Bürgern, auch kritischen, die das Land nicht zuletzt wegen der vielen Flüchtlinge im Niedergang wähnen.

„Ich möchte eigentlich in allen Punkten widersprechen. Sie zeichnen ein Zerrbild von Deutschland als sei das Land im totalen Niedergang dabei. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall…“

Seibert hält dagegen – ungefiltert. Früher hätte ihn ein Journalist mit Vorwürfen konfrontiert, kritisch nachgehakt und seine Reaktion eingeordnet. Ohne Massenmedien konnte die Politik Menschen kaum erreichen. Soziale Netzwerke aber sind für Politiker ein Befreiungsschlag. Hier können sie ihre eigene Sicht verbreiten, wann immer sie wollen.

„Ich glaube schon, dass man mit Social Media schon auch Agenda-Setting betreiben kann, also wenn man geschickt ist und sich eine Community aufgebaut hat und die richtigen Zielgruppen definiert hat, dann kann man in diesen Zielgruppen auch Meinung machen über Social Media. Davon bin ich fest überzeugt“

, sagt Martin Fuchs, der Institutionen und Politiker bei ihrer Präsenz im Netz berät – und damit seinen Teil dazu beiträgt, dass Politiker sich nicht mehr nur Journalisten mitteilen, sondern – an diesen vorbei – auch direkt dem Bürger.

Für Politiker übernehmen das oft Büromitarbeiter nebenbei, die Bundesregierung aber betreibt längst einen eigenen „Social-Media-Newsroom“. Der rüstet weiter auf: Aktuell sucht die Regierung bundesweit Produktionsfirmen für noch mehr Videos.

Dabei fällt schon jetzt auf: Die Kamerateams der Regierung kommen mitunter weiter als die der Journalisten – sogar bis ins Cockpit der Regierungsmaschine. Ein besserer Zugang für die Reporter der Regierung – bald vielleicht gar ein Exklusiver? Der Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes, Hendrik Zörner, ist beunruhigt.

„Das ist doch sehr entertainment-mäßig, sage ich mal, was die Bundesregierung da absondert in Facebook. Es darf aber eben nicht dazu kommen, dass der ein oder andre in der Bundesregierung irgendwann mal sagen könnte, wir haben doch bereits in Facebook berichtet und deswegen sagen wir zu dem Thema Journalisten nichts mehr.“

Immerhin: In der Politik hat sich diese Masche noch nicht breitgemacht. Wo die Reise aber hingehen könnte, zeigt der Sport: Bundesliga-Berichterstatter müssen sich seit Jahren immer wieder mit den Info-Häppchen zufriedengeben, die Spieler und Funktionäre selbst ins Netz stellen. Interviews geben die immer seltener. Regierungssprecher Seibert beteuert: So weit werde es bei ihm nicht kommen.

„Manchmal wird die Angst geäußert, wir wollten nun die Journalisten umkurven. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir sind dafür da, Journalistenfragen zu beantworten. Das tue ich so ziemlich rund um die Uhr mit meinen Kollegen. Und daran wird sich überhaupt nichts ändern.“

Und überhaupt: Politik, sagt Seibert, müsse in sozialen Netzwerken präsent sein – nicht unbedingt, um Medien zu umgehen, sondern um den Bürger zeitgemäß zu erreichen. Gerade das gigantische Netzwerk Facebook sei hier Pflichtprogramm:

„Es gibt viele Menschen, die sind erreichbar über gedruckte Broschüren – und deswegen kriegen sie die von uns. Und es gibt welche, die sind inzwischen fast nur noch im Netz oder vielleicht fast nur noch in den sozialen Medien erreichbar und deshalb sind wir auch da aktiv.“

Auch Social-Media-Berater Fuchs rät Journalisten, nicht gleich in Panik zu verfallen. Die Profile von Politikern kämen zwar inzwischen teils auf durchaus beachtliche Abo-Zahlen. Doch beim Blick etwa auf die Facebook-Seite der Bundesregierung kämen ihm Zweifel, ob sich das mit dem Journalismus wirklich so schnell erledige.

„Also wenn man sich dann mal schaut, jetzt 120.000 Fans, die man dort erreicht – ich würde denken, das Maximum ist vielleicht bei 300.000, 400.000 Leuten, die direkt Interesse daran haben, die Themen der Bundesregierung täglich wahrzunehmen. Und da haben dann doch Zeitungen und TV-Sender eine ganz andere Reichweite – noch.“

>> Download MP3 (Quelle: B5-“Medienmagazin”)