Kontrollverlust 3/4

Medien verlieren ihre Deutungsmacht: Netzgiganten

für B5aktuell

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Diese Woche war es wieder soweit: Google bietet Medien seine Unterstützung an. Das neue Projekt: „Accelerated Mobile Pages“. Google will Verlagen dabei helfen, dass ihre Artikel auf Handys schneller geladen werden – mit neuen technischen Standards oder indem Google die Artikel zwischenspeichert.

Während Verlage seit Jahren mit Google fremdeln und mit dem sogenannten Leistungsschutzrecht sogar einen Teil vom Gewinn abhaben wollen, umarmt der Konzern die Medien. Das ist fast schon ein Kurswechsel, sagt auch Kay Oberbeck, der hierzulande für Google spricht – seit nunmehr neun Jahren:

„Es ist sicherlich eine neue Denke, dass man hier sehr, sehr viel partnerschaftlicher, sehr viel offener auch an die Medienunternehmen herangeht. Und das ist etwas, was wir gelernt haben, dass wir hier sicherlich sehr viel besser zuhören müssen.“

Besser zuhören – dieses Prinzip hat Google auch institutionalisiert. Der Konzern hat in diesem Frühjahr eine „Digital Nachrichten Initiative“ aufgelegt und spendiert 150 Millionen Euro. In ganz Europa sollen Medienmacher damit experimentieren können – gemeinsam mit den Programmierern des IT-Riesens. Die Beschleunigung der mobilen Abrufe ist ein erstes Ergebnis dieser neuen, engen Zusammenarbeit von Google mit den Verlagen.

„Wir sehen uns hier schon in einem Boot. Und so wie in dieser Form wie wir das jetzt machen läuft sich das auch sehr, sehr gut an. Es sind sehr, sehr offene Gespräche.“

Gespräche, an denen praktisch alle großen Häuser teilnehmen – Vertreter vom „Spiegel“ ebenso wie von der „Zeit“. Einzig der Springer-Verlag hält sich zumindest aus einigen Runden raus. „Zeit Online“-Chefredakteur Jochen Wegner hingegen ist begeistert über das neue Klima zwischen IT-Szene und Medienmachern:

„Ich finde, die sind ein bisschen höflicher geworden. Wenn man heute im Silicon Valley unterwegs ist, ist man als Journalist wieder ein angesehener Mensch. Das war mal eine Zeit lang nicht so cool oder uninteressant. Das hat sich ganz positiv verändert.“

Denn auch andere Netz-Riesen suchen plötzlich die Nähe zu den Medien. Apple will Journalismus auf einer Plattform namens „News“ besser darstellen. Damit das klappt, stellt Apple sogar eigene Journalisten ein – sie kommen etwa von CNN.

Besonders aktiv ist Facebook. Das Netzwerk will Nutzern den Weg zu den Seiten der Verlage gleich ganz ersparen und damit lästige Wartezeiten. Medien sollen Artikel stattdessen auf Facebook veröffentlichen – als sogenannte „Instant Articles“.

Ausschnitt Facebook-Promo „Instant Articles“
„Thats’s why we bulit ‚Instant Articles’. A new way to create fast, interactive articles. So when you tab on the article, it loads instantly.“

Im Gegenzug gibt Facebook den Verlagen einen großen Teil der Werbeerlöse ab. Bild veröffentlicht inzwischen solche Instant Article, gleich mehrere pro Tag. Der „Spiegel“ hat es erst mal bei einem Versuch belassen.

Doch hilft all das Verlagen am Ende wirklich? Manch einer macht sich Sorgen, darunter Mathias Müller von Blumencron. Er war einst Chefredakteur des „Spiegel“, heute leitet er die Digitalprojekte der FAZ.

„Ich sehe das immer als eine große Gefahr, weil die Gewinne der großen Tech-Konzerne sind so groß, dass sie ohne Weiteres Redaktionen von der Größe der ‚New York Times’ finanzieren könnten – wenn sie nur wollten. Wenn sie wollten, hätten Verlage einen machtvollen neuen Konkurrenten.“

Ganz entziehen will sich die FAZ den Netz-Riesen aber nicht. Im Gegenteil: Sie ist Gründungsmitglied der Google-Initiative und schrieb selbst von einem „Pakt für den Journalismus“. Inhalte einer Plattform aber ganz zur Verfügung zu stellen, so wie das Facebook gerne will – das möchte Blumencron nicht. Vorerst zumindest.

„Wir haben darüber lange diskutiert bei uns in der Redaktion, wirklich offen diskutiert, und haben uns jetzt dazu entschlossen, dem erst mal zuzuschauen und nicht dabei zu sein. Auf der anderen Seite wissen wir, dass unsere zukünftigen Leser sich primär am Morgen bei Facebook orientieren. Das heißt, wenn wir dort überhaupt nicht mehr stattfinden, haben wir natürlich auch weniger Möglichkeiten, junge Leser damit zu berühren, was wir eigentlich machen, nämlich glaubwürdigen, hochwertigen Journalismus.“

Womöglich haben Verlage am Ende also gar keine Wahl, denn Charmoffensive hin oder her: Wer die Nutzer hat, der hat im Zweifel auch die Macht. Die Gefahr für die Medienhäuser: Am Ende, wenn die Inhalte irgendwann nur noch über die großen Plattformen laufen, könnten Facebook und Co. den Verlagen die Spielregeln diktieren.

>> Download MP3 (Quelle: B5-“Medienmagazin”)