Lobbyismus oder Honorarkämpfer?

Der Deutsche Journalisten-Verband bekommt einen neuen Vorsitzenden.Zwei Kandidaten stehen zur Wahl. Den bevorstehenden Neustart kann die Organisation gut gebrauchen

für taz

Egal wie sich die Delegierten des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) heute entscheiden werden, die gute Nachricht steht schon fest: An der Spitze des DJV wird wieder ein Voll­blut­journalist stehen. Der bisherige Vorsitzende Michael Konken, der vor seiner Wahl unter anderem als Pressesprecher der Stadt Wilhelmshaven zeitweise in die PR abgedriftet war, tritt nicht mehr an. Da Konken, 62, seit 2003 die teils zerstrittenen Landesverbände meist zu versöhnen wusste, ist dies gleichzeitig aber auch ein Verlust.

Auf dem Bundesverbandstag in Fulda haben nun jedenfalls 300 Delegierte die Wahl zwischen zwei Kandidaten, die beide aus der journalistischen Praxis kommen: Frank Überall, 44, ist Hörfunk-Journalist beim WDR und hat gerade für die Wellen der ARD über die Messer-Attacke im Kölner Kommunalwahlkampf berichtet. Alexander Fritsch, 49, ist wiederum Chef vom Dienst bei den Fernsehnachrichten der Deutschen Welle.

Unter engagierten Mitgliedern macht sich beim Blick auf die Kandidaten mitunter aber auch Sorge breit. Etwa die, dass unter Fritsch die Rolle des DJV als Gewerkschaft zu kurz kommen könnte. Fritsch tut diesen Verdacht als „lustig“ ab, tritt aber gleichzeitig offensiv damit an, den Verband stärker als Berufsverband positionieren zu wollen. Eine seiner Parolen: Der DJV müsse sich politisch stärker für die Bedürfnisse der Journalisten einbringen, als das in den vergangenen Jahren geschehen sei.

Journalisten also als Lobbyisten? Das ist freilich eine heikle Idee. Im Gespräch mit dem DJV-Hausmagazin Journalist sprach Fritsch dann auch von „verständlichen Beißhemmungen“. Der Kandidat sagte aber auch: „Es hilft alles nichts – wir sind nun mal die Interessenvertreter für unseren Berufsstand.“

Tatsächlich ist auf diesem Feld viel zu tun. Die Vorratsdatenspeicherung etwa wird auch im zweiten Anlauf Berufsgeheimnisträger nur dürftig schützen – vor allem Informanten und damit wichtige journalistische Quellen haben mit Blick auf den Gesetzestext allen Grund, sich vor den staatlichen Daten-Fängern zu fürchten. Informationsfreiheitsgesetze wiederum sind hierzulande Mangelware. Und wenn das Tarifeinheitsgesetz so bleibt, wie es ist, müsste der DJV in vielen Häusern der Deutschen Journalistenunion (DJU) von Verdi den Vortritt bei Verhandlungen mit den Arbeitgebern lassen, vor allem in Sendern.

Der zweite Kandidat, Frank Überall, wiederum hat sich vor allem auf die Fahnen geschrieben, für „mehr Respekt vor der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten“ zu werben. „Ich will und werde sagen, was hierzulande in unserer Branche schiefläuft“, sagte Überall dem Branchenmagazin kress. Vor allem von Verlegern wünscht er sich im wahrsten Wortsinne eine stärkere Honorierung der Arbeit von Journalisten: „Wir sind keine billigen Content-Schubsee.“

Während Fritsch seit 2011 den Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) leitet und damit als Mann der Basis gilt, bringt der Rheinländer Überall Erfahrung aus der Verbandsspitze mit: Er ist ebenfalls seit vier Jahren Schatzmeister im Bund, steht deshalb auch für Kontinuität.

Ein neuer Vorsitzender würde sich damit verdient machen, wenn er den DJV wieder als starke Stimme für den Journalismus positioniert. Zuletzt gründeten sich immer mehr Spezialvereine – nicht zuletzt, weil sich viele vom DJV nicht gut genug vertreten sahen. So entstanden das Netzwerk Recherche, die Freischreiber und zudem Organisationen für Journalistinnen. In der Branche wird oft ein Gegen- statt ein Miteinander gelebt. Der neue Vorsitzende könnte den DJV als Netzwerk begreifen und so alle zusammenbringen.

Der Autor ist Mitglied beim Journalistenverband Berlin-­Brandenburg (JVBB)

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Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins.

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