Bürger sollen recherchieren

Correctiv und die Sparkassen-Recherche

für WDR5

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Manuskript des Beitrags
Jonathan Sachse hat ein großes, ja vielleicht sogar ein größenwahnsinniges Ziel: Der Journalist will die Sparkassen verstehen. Er will wissen, wie viel die Chef-Banker verdienen und welche Risiken die Finanzinstitute eingehen . Doch Sachse, der für das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv arbeitet, hat ein Problem: Es sind zu viele Sparkassen für zu wenige Journalisten.

„Was wir als Correctiv machen könnten ist, dass wir zwei, drei Leute vielleicht zusammen kriegen könnten. Wir würden aber nie es hin bekommen, von allen 430 Sparkassen, die es in Deutschland noch gibt, ein Bild entwickeln zu können und sagen zu können, wie geht es eigentlich unseren Sparkassen.“

Die Lösung: Sachse lässt einfach die Kunden der Sparkasse recherchieren. Für Correctiv hat er im vergangenen an einem ausgeklügelten Portal gearbeitet, das seit ein paar Tagen im Netz steht: den virtuellen Crowdnewsroom. Anders als im klassischen Newsroom von Correctiv in Berlin sitzen hier keine fest angestellten Journalisten. Im Crowdnesroom kann jeder mit recherchieren. Die Masse der Internetnutzer – die sogenannte Crowd – soll sich vernetzen und dem Journalismus unter die Arme greifen.
Schon mal als 300 Internet-Nutzer aus der ganzen Republik machen mit. Darunter Cinderella Glücklich. Sie hat sich die Sparkasse vor ihrer Haustür vorgenommen – in Iserlohn. Glücklich studiert gerade Journalismus – schon allein deshalb findet sie den „Crowdnewsroom“ spannend. Aber nicht nur.

„Natürlich ist es so, dass ich es wichtig finde, solche Unklarheiten wie jetzt im Fall der Sparkasse einfach aufzudecken und den Dingen nachzugehen und so auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wo ich denn später in meiner journalistischen Arbeit auch mal genauer hingucken muss. Und zu guter Letzt ist es natürlich auch ein tolles Gefühl, Teil von einer so großen Sache zu sein und Schritt für Schritt mitzuerleben, wie man mehrere Puzzle-Teile zu einem großen Ganzen zusammen setzt.“

Die Studentin hat sich die Jahresabschlüsse herausgezogen und ein Formular mit Kennzahlen gefüttert. Sie schaut damit Bankern auf die Finger. Manchmal ist ihr dabei auch mulmig zumute.

„Das ist in der Tat eins der schwierigen Dinge bei der ganzen Sache, die Verantwortung. Ich frage mich halt auch, mache ich das richtig oder traue ich mich jetzt wirklich, mich mit meiner Sparkasse auseinander zu setzen und da mal anzurufen oder im Notfall auch ein paar Briefe hinzuschreiben ‚Hey, ich will Infos‘. Aber da ist ja das gute, dass das Team von Correctiv im Hintergrund ist und jede einzelne Information, die man liefert, noch mal gegenruft.“

Die Nutzer des neuen, digitalen Newsrooms müssen dafür zu ihren Eingaben auch die Quellen ins System eintragen – Jahresberichte hochladen oder auch die Antworten, die ihnen „ihre“ Sparkasse auf Nachfragen geschickt hat. Im echten, analogen Newsroom müssen die Profis von Correctiv dann sich natürlich die Frage auf: Wenn die Journalisten das ohnehin nachschlagen müssen – könnten sie dann nicht auch komplett selbst recherchieren?

„Ne, glaube ich nicht“

, sagt Projektleiter Sachse.

„Das klingt jetzt so als würden wir die Arbeit immer doppelt machen. Aber allein schon, dass der User die entsprechende Quelle raussucht, bei der Sparkasse vielleicht auch anfragt, sie hoch lädt und wir dann auch noch mal reinschauen, ist schon mal eine Erleichterung für uns.“

Die Crowd einbinden, praktisch den Leser oder – groß gedacht – den Bürger für den Journalismus einspannen, das ist nicht wirklich neu. Die „Bild“-Zeitung bittet Leser schon seit Jahren um Fotos. „Bild“ für seine Leserreporter einst sogar Presseausweise verteilt oder vielmehr: in Bäckereien ausgelegt. Für den Hamburger Medienwissenschaftler Stephan Weichert geht Correctiv eindeutig den seriöseren Weg.

„Das ist ein ganz anderer Ansatz als ihn ‚Bild‘ verfolgt hat, wo es um Knall- und Raucheffekte ging, möglichst viel direkt von der Front, Livebilder, Paparazzi-Fotos, Prominente abzuschießen. Also vom Anspruch her anders gelagert.“

Dabei glaubt Correctiv, jeder könne Journalist sein – und will Bürger gewissermaßen zu Journalisten ausbilden. Videos erklären, was Recherche ist, welche Rechte Journalisten haben, wie man Anfragen stellt und dabei auftreten sollte. Jedermann ein Journalist? Ein durchaus heikler Punkt, findet Medienwissenschaftler Weichert.

„Qua Definition kann das natürlich schon jeder – steht ja im Grundgesetz. Aber ich glaube, es gibt klare Grenzen von Qualität und Professionalität. Und deswegen ist der Ansatz, den Correctiv verfolgt, vielleicht sogar ein bisschen vermessen.“

In Iserlohn will Cinderella Glücklich es deshalb auch nicht übertreiben. Sie will einen nüchternen Blick hinter die Kulissen werfen – bloß für den Fall, dass sich dort tatsächlich ein Skandal verstecken sollte.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)