Schmales Budget, große Pläne

Privatradio mit Anspruch, keine UKW-Frequenz, minimale Honorare. Und trotzdem sendet der Leipziger Sender Detektor.FM seit sechs Jahren. Und sammelt per Crowdfunding für eine Morgensendung

für taz

Das Erstaunlich ist ja: Detektor.FM sendet immer noch – ein Kanal, der „Privatradio mit öffentlich-rechtlichem Anspruch“ sein will, für aufwändigen Hörfunkjournalismus aber keine öffentlich-rechtlichen Gelder bezieht und dazu auch auf eine UKW-Frequenz verzichtet. Der ambitionierte Internetsender aus Leipzig macht nun schon seit sechs Jahren Programm. Und wenn die Hörer noch fix ihre Spendierhosen anziehen, dann soll es schon bald noch mehr davon geben.

„Nach oben ist wirklich noch viel Luft“, sagt Mitgründer und Programmchef Marcus Engert. Im Wesentlichen kann er sich bislang nur von 16 bis 19 Uhr frisches Wortprogramm leisten. Von ein paar Sonderformaten für die diversen Musikrichtungen oder auch für Fahrradliebhaber abgesehen, sendet ansonsten der Computer. Um das zu ändern, versucht Engert mit Geschäftsführer Christian Bollert deshalb derzeit, per Crowdfunding Geld einzusammeln. Der große Plan: Endlich Radio-Prime-Time machen, also ein Frühprogramm. Der Radiojournalismus von Detektor.FM soll in den Morgen „reinwachsen“, sagt Engert.

45.000 Euro wollen Engert und Bollert dafür von der Crowd haben – bis zum Jubiläumswochenende. Zwei Tage vor Ende des Crowdfundings haben ihnen ihre Fans bereits achtzig Prozent davon per Online-Eintrag für die Aktion #MehrDetektorFM versprochen. In den etablierten Kanälen schmunzeln viele über dieses schmale Budget – doch Detektor.FM ist nach wie vor ein Programm auf Sparflamme. Bollert sagt, in diesem Jahr dürfte der Umsatz bei gut 200.000 Euro liegen. „Davon können wir unsere Rechnungen bezahlen und auch unsere Leute“, sagt der Geschäftsführer. Dabei sind nicht zuletzt ihre Honorare relativ.

Der Minisender zahlt Mitarbeitern aktuell 40 bis 80 Euro am Tag. In der „Wir sind das neue Berlin“-Metropole Leipzig geht das: Hier verdient so mancher sein Geld beim Mitteldeutschen Rundfunk und arbeitet – für den Spaß im Job – fast für lau bei Projekten wie Detektor.FM oder dem journalistisch ebenso bemerkenswerten Studenten-Radiosender Mephisto. Ansonsten greift Engert zu einem Trick, um der üblen Honorarsätze zum Trotz an Inhalte zu kommen: Der Sender betreibt ein Büro für freie Journalisten. Die zahlen ihre Miete nicht in Euro, sondern in Beiträgen.

Für die neue Sendung sieht Geschäftsführer Bollert keine Alternative zum Crowdfunding. „Werbekunden sind vorsichtig“, sagt er. Werbetreibende wollten erst mal einen Piloten hören, um zu sehen, ob das funktioniert und sein Publikum findet. Die Nachmittagsschiene sei stabil finanziert, sagt Bollert. „Wir finden aber aus dem Stand keine Werbekunden für ein neues Frühprogramm. Wenn wir aber so ein Programm ein Jahr lang machen, dann können wir das schaffen.“

Unterdessen tüfteln die Detektor-Leute, die an die Existenzchancen eines Senders ohne teure Radiofrequenzen glauben, auch an weiteren Verbreitungswegen. Bislang erreicht ihr Livestream Browser, Smartphones und ans Internet angeschlossene Smart-TV. Im Jahr sechs wollen Bollert und Engert auch Miniprogramme für neue, da am LTE-Netz hängende Entertainmentsysteme in Autos herausbringen – auf diesem Markt machen sich gerade die Plattformen von Google und Apple breit und bieten entsprechende Schnittstellen.

Derzeit zählen die Leipziger 80.000 bis 90.000 Streamabrufe im Monat. Hinzu kommen die Zugriffe auf ihre Webseite und Podcasts. Bollert rechnet das – einigermaßen mutig – zu einer halben Million Hörerkontakte im Monat hoch und gibt sich damit zufrieden. „Aber natürlich müssen wir weiterwachsen, wenn sich unser Geschäftsmodell langfristig etablieren soll“, sagt Bollert. Er ist da ganz offen: „Wenn drei oder vier unserer Werbekunden auf einmal abspringen, dann haben wir ein Problem.“