Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal?

München, Türkei, Nizza: ARD und ZDF stehen in der Kritik

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

>> Audio auf br.de (Quelle: B5aktuell-“Medienmagazin”)

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