Olympische Allmachtsfantasie

In Rio senden und berichten die Sportverbände selbst – ist das noch Journalismus?

für taz

Vassili Golod ist sich ganz sicher: „Das ist Journalismus“, sagt der 23-Jährige. Golod, der sonst für die Rheinische Post und die ARD unterwegs ist, wird die nächsten Tage für den Sport auf Sendung gehen. Er ist einer von vier ­Social-Media-Korrespondenten, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) extra nach Rio fliegen lässt.

Die vier Hausreporter der deutschen Olympiamannschaft sollen, sagt Golod, „die Spiele, die Athleten ins Netz übertragen“. Der Journalist will eine „besondere Nähe schaffen“ zwischen den Fans in Deutschland und den Spielen. Nähe schaffen – im Sport geht das tatsächlich als Journalismus durch.

Dabei dürfte das, was der DOSB da vorhat, tatsächlich sehenswert sein: Weil Golod und Co etwa mit Facebooks neuer Live-Video-Funktion senden werden, wird der Plausch mit den deutschen Athleten wirklich interaktiv werden. Fans können live Fragen stellen. Dem klassischen Fernsehen fehlt so ein Rückkanal bis heute; bisweilen helfen Krücken wie „Twittern Sie doch unter dem Hashtag …“

Golod selbst ist passionierter Fechter. Er facebookt, twittert und instagramt schon für seinen Verband, den Fechterbund. Die Arbeit für die Olympiamannschaft ist zweifellos ein Höhepunkt.

Dabei will Golod – Stichwort „Journalismus“ – auch kritisch sein, nimmt dabei aber auch das Publikum in die Pflicht. Wenn er sich zum Beispiel im deutschen Haus Athleten schnappe, dann wolle er die Fragen der Fans weiterreichen – „das werden mit Sicherheit auch kritische Fragen sein“.

Fragt man Jens Behler, Golods Chef und DOSB-Digitalkommunikator, dann sagt der offen: Kritische Fragen sieht er vor allem bei den klassischen Medien. Sein Team solle „zeigen, was Olympische Spiele für eine Faszination sein können – wir sind eben keine Journalisten, ne?“

Behler muss als Social-Media-Chef der Olympiamannschaft dieser Tage viel erklären, vor allem, was Athleten über ihre Kanäle verbreiten dürfen und was nicht. Beim Internationalen Olympischen Komitee greift schließlich auch im Netz der Kontrollwahn um sich: Es hat Social-Media-Richtlinien erlassen und die verbieten es unter anderem Unternehmen, mit den olympischen Marken zu werben. Dazu gehört auch Rio2016 und damit der Hashtag #Rio2016 (siehe Seite 14).

Behler betont, das Verbot gelte ausschließlich für Werbetreibende, die nicht Teil der offiziellen Olympia-Sponsoren seien. Das wiederum ärgert deutsche Sportler: Sie müssen – in ihren Texten, aber auch auf ihren Fotos – ihre persönlichen Sponsoren verschweigen, also ausgerechnet die, die sie auf dem Weg bis zu den Olympischen Spielen begleitet und damit aufgebaut haben.

Athleten machen ihren Ärger inzwischen öffentlich. Der Läufer Sven Knipphals schrieb etwa auf seiner Facebook-Seite, auf die er vorher langweilige neutrale Fotos gestellt hat: „Danke an den **** und das *** für gar nichts!“ – womit DOSB und IOC gemeint waren. „Mit Sport hat das nämlich gar nichts zu tun!“
Mit der Abschlussfeier in Rio werden die medialen Allmachtsfantasien der olympischen Bewegung dann endgültig real: IOC-Präsident Thomas Bach – übrigens auch Fechter – wird seinen Olympic Channel starten, einen weltweiten TV-Kanal, auf dem von morgens bis abends nur eines zu sehen sein wird: Olympia – und was die Spitzenathleten zwischen den Spielen treiben.

Das IOC wird dort dann auch seine Sponsoren in Szene setzen. Bach sprach in Rio von einer „sehr spannenden Reise für das IOC in der digitalen Welt“. Hier wird sich das IOC medial verwirklichen können, ohne all die lästigen Fragen zu Doping, zum Umgang mit totalitären Regimen und zu den Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter an den Stadien gestellt zu bekommen. Für die olympische Bewegung ist die Digitalisierung eine Befreiung.

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