Schutzmacht

Verlage EU-weit gegen Google

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Der jährliche Zeitungskongress. Die deutschen Verleger beraten über ihre Zukunft in schwierigen Zeiten. Deshalb geht es auch um Politik. Links der EU-Kommissar, rechts der Chef-Verleger. Sie machen gemeinsame Sache – und wählen starke Bilder.
„In einem Land, in dem man in den Geschäften Brot stehlen darf, würde auch keiner mehr Bäcker werden. Nach wie vor ist es aber so, dass andere Unternehmen im Netz Artikel, Fotos und Videos kopieren und auf eigene Rechnung vertreiben und vermarkten können ohne dafür an die Verlage etwas zu bezahlen.“
Es geht vor allem: um Google. Sucht ein Nutzer etwa nach „Krankenkassen“ – dann listet die Suchmaschine prominent „News-Themen“ – Berichte über Krankenkassen. Aber: auch Werbung – für Krankenkassen. Das sind die Anzeigen, mit denen Google Milliarden macht – während der IT-Riese für die Zeitungsausrisse daneben – die „Snippets“ – nichts bezahlt.
„Wenn der Schutz geistigen Eigentums nicht gesichert ist, haben Verlage in Zukunft keine Perspektive. Und jeder, der etwas anderes sagt und die Verlage locker-flockig zu mehr Kreativität und neuen Geschäftsmodellen auffordert, lügt oder lenkt ab.“
Mit einem neuen europäischen Urheberrecht aber sollen die Verlage endlich Geld verlangen können –  sogar für kleinste Ausschnitte. Der EU-Kommissar verspricht:
„Eine eigenständige Rechtsposition, die nicht in Euro und Cent Ihnen schon Einnahmen garantiert, aber die Sie auf Augenhöhe bringt. Auf Augenhöhe bringt und die Online-Plattformen an den Verhandlungstisch bringt und zwingt, damit man faire Vergütungsregeln finden kann, gegebenenfalls vor Gericht sie einklagen kann und daraus eine Perspektive in der Online-Welt für Ihre Verlage und damit für Ihre Arbeitsplätze in Verwaltung und Redaktion entstehen kann.“
Sprich: Google soll für Verlagsinhalte zahlen.
Onlinejournalisten – wie hier bei „Zeit Online“ – aber wissen: Google bringt ihnen wichtige Laufkundschaft.
Der Chefredakteur erklärt es – und seine Redaktion hat das auch Oettinger mitgeteilt: Google bringt hier 20 Prozent, jeden fünften Besucher.
„In dem Fall ist sozusagen die Balance deutlich zu unseren Gunsten. Es ist natürlich für viele Verlage frustrierend zu sehen, dass ein – ich sage mal – Infrastrukturprovider wie Google so großartige Erlöse macht. Das ist aber sozusagen – das löst das Verlagsproblem nicht, dass es jetzt einen Player gibt wie Google. Wir müssen halt in so einer Welt uns zurechtfinden.“
Auf Twitter erklärt auch der Digitalchef der FAZ: Gut 17% seiner Besucher kommen über Suchmaschinen – also am Ende Google. Und Onlinejournalisten haben noch eine Sorge:
„Ein Aspekt des neuen Urheberrechts, wie es auf europäischer Ebene jetzt diskutiert wird, ist ja auch, dass es sozusagen Suchmaschinen nicht einfach so erlaubt sein wird, Inhalte zu kopieren und im Suchindex zu verarbeiten. Also nicht darzustellen, sondern überhaupt zu verarbeiten. Auch das ist verrückt. Also das heißt, dass Google eigentlich sein Geschäft abschalten muss, wenn wir Google keine Lizenz geben, unsere Inhalte zu indizieren. Das kann man schon machen. Es ist nur ein völlig neues Netz, das da entsteht. Und ich habe halt Sorge, dass da was kaputt geht, wenn das wirklich ernst ist, was da beschlossen werden soll.“
Und so denken viele Online-Journalisten kritisch über die EU-Pläne. Kommentieren sehr direkt: „Oettinger gefährdet das Internet“
Der aber versucht sich zu wehren, adressiert gezielt die Verleger.
„In vielen Ihrer Häuser haben Sie Offline- und Online-Redaktionen. Und bei den Onlinern war die Redaktion relativ negativ. Nicht Zensur ist gefragt, aber Überzeugung. Schwärmen Sie aus!“
Das klare Signal der organisierten Verlegerschaft an den Kommissar: Wir sind auf Ihrer Seite.
„Ich weiß auch, dass Sie mit erheblichen Widerständen zu kämpfen haben. Unsere Unterstützung ist Ihnen sicher. Wir werden alles daransetzen, Sie zu unterstützen, dieses Ziel zu erreichen.“
Verleger machen gemeinsame Sache mit der Politik – trotz Kritik ihrer eigenen Onlineredaktionen.

Journalisten-Klassenfahrt zur Europäischen Kommission.
Das gibt es hier öfter. Ungewöhnlich aber, wenn Journalisten über die Zukunft der eigenen Branche diskutieren – und dann auch noch mit jemandem, der eine andere Strategie verfolgt. Den Aufschlag macht Oettinger: Er schimpft auf Konzerne wie Google.
„Die verdienen Milliarden! Der Kapitalismus von heute heißt ‚Werbestrategie von Online-Plattformen’. Und ich würde gerne davon einen Teil dorthin übertragen, wo der Inhalt verantwortet wird: Journalisten in Verlagen. So einfach ist das.“
Der Schlagabtausch beginnt.
„Sie haben einen Tweet abgeschickt, indem Sie ein bisschen infrage gestellt haben, ob Leute, die Nachrichten googeln, wirklich auf den Seiten der Verlage landen. Da gab es ja auch ein paar Antworten von verschiedenen Chefredakteuren.“
Das Argument: Google bringt den Verlagen Leser. Oettinger allerdings: beharrlich.
„Die Zahlen von Zeitungen, die kennen Verleger. Und Chefredakteure eingeschränkt. Also ich wüsste jetzt nicht ein Chefredakteur, der Einnahmen/Ausgaben jeden Tag misst. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist der Content. – Ganz ruhig bleiben!“
Aber mit der Ruhe ist es jetzt vorbei – und zwar auf beiden Seiten.
„Müssten nicht eigentlich die Verleger eher an Google als Content-, sozusagen als Content-Interessenten-Lieferant bezahlen?“
(Oettinger überlegt)
„Ja, ich finde es ja gut, dass der Deutschlandfunk Google-Lobbyist geworden ist. Alle Achtung!“
„Es ist halt Tatsache, dass Google nicht zahlen will. Was machen Sie denn, wenn Google auch auf europäischer Ebene nicht zahlt und quasi die ganzen Zeitungen ausgelistet werden? Also da wären Sie ja verantwortlich für noch mehr, also, Einnahmeverlusten von den Zeitungen.“
„Google ist bereit, den spanischen Markt auszublenden. Oder auch den deutschen. Aber nicht den europäischen.“

„Woher wissen Sie das?!“
„Weil ich glaube, dass man 500 Millionen potenzielle Nutzer und Partner nicht ausblenden will.“
Eine Annäherung ist auch nach 52 Minuten nicht in Sicht. Die Gräben scheinen tiefer als zuvor. Der Kommissar in der Kritik.
„In diesen Spezialbereichen des Digitalen, da lernt er offenbar noch jeden Tag hinzu – und da ist vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben.“
„Er hat ja den Eindruck vermittelt, dass für ihn halt die Argumente der Verlegerverbände maßgeblich sind. Und ich hatte den Eindruck, dass ihn Einzelmeinungen von Journalisten gar nicht interessieren. Wenn Journalisten sagen, die Fakten, die die Verlegerverbände behaupten, die treffen gar nicht zu, dass ihn das halt gar nicht berührt, sondern dass er sagt, er muss die Meinung der Verbände vertreten und das ist seine Aufgabe als Kommissar.“

Und die scheint unveränderbar – trotz freundlicher Verabschiedung. Nach dem Klassenausflug nach Brüssel muss nun jeder hier mit seinem Verleger reden. Auch eine Hausaufgabe.
>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

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