Geld für Textschnipsel?

EU-Digitalkommissar Günther Oettinger wirbt dafür, dass Plattformen wie Facebook oder Google Geld an Verlage zahlen, wenn sie Artikel-Auszüge anzeigen. Dagegen formiert sich Widerstand, wie Daniel Bouhs berichtet

für WDR5

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Manuskript des Beitrags
www.google.de – für Millionen Nutzer auch in Deutschland ist die Seite das Portal ins Internet. Neun von zehn Suchabfragen laufen über Google. Sogar der Duden führt den Begriff „googeln“: „mit Google im Internet suchen, recherchieren“.

Wer im Netz recherchiert, dem liefert Google vieles, von Hintergründigem bis Banalem – darunter auch fast immer „News-Themen“ – Links zu aktuellen Artikeln, in denen der Suchbegriff vorkommt. Und Werbung – Links zu Anzeigekunden, die unter dem Suchbegriff als erste gefunden werden wollen.

Links auch auf die Online-Portale von Zeitungen und Zeitschriften neben Werbung – bei Verlegern regt sich großer Unmut über dieses Prinzip der digitalen Welt:

„Es reicht ein Mausklick und man kann Inhalte, die andere geschaffen haben, erfolgreich vermarkten, ohne einen einzigen Cent investiert zu haben – und viele Suchmaschinen, Aggregatoren und Webseiten tun das. Genau das!“

, mahnte jüngst Mathias Döpfner auf dem Berliner „Zeitungskongress“. Döpfner leitet das Medienhaus Axel Springer – mit „Bild“ und „Welt“ – und ist neuerdings auch Präsident des Verlegerverbandes BDZV. Der Verbandschef ärgert sich über IT-Konzerne wie Google – aber auch Facebook. Denn verlinkt dort ein Nutzer für seine Freunde einen Artikel, dann übernimmt auch Facebook nicht nur einfach den Link, sondern auch Fotos und kurze Ausschnitte. Und wie Google zahlt auch Facebook den Verlagen dafür keinen Cent, verdient aber mit Werbung drumherum viel Geld.

„Das ist eine interessante Ordnung: Hier die Dummen, die anspruchsvolle Inhalte für teuer Geld erstellen, da die Schlauen, die die Inhalte von anderen kopieren und kostenlos anbieten, um sie durch Werbung zu vermarkten. Das kann nicht gut gehen. Der Staat steht in der Pflicht, der alltäglichen Enteignung von Verlagen ein Ende zu setzen!“

, forderte Verlagsvertreter Döpfner. Und er hat einen Verbündeten in der Politik: EU-Kommissar Günther Oettinger. Auch er empört sich über die Online-Konzerne:

„Die verdienen Mill-iarden! Der Kapitalismus von heute heißt ‚Werbestrategie von Online-Plattformen’. Und ich würde gerne davon einen Teil dorthin übertragen, wo der Inhalt verantwortet wird: Journalisten in Verlagen.“

, sagte Oettinger in Brüssel als er Journalisten seine Vorschläge für ein neues Urheberrecht erklärte. Darin: ein europaweites „Leistungsschutzrecht für Presseverlage“. Die sollen damit bei Google und Co. Geld verlangen können – für die kleinen Übernahmen aus ihren Seiten.

Das klingt nach einem noblen Ziel, allein: Schon seit Wochen laufen ausgerechnet viele Online-Journalisten Sturm. Chefredakteure – von FAZ.net bis zu „Zeit Online “ –veröffentlichen interne Statistiken: Etwa jeder fünfte Besucher komme über die Links von Google, weitere zudem über Facebook. Digitale Laufkundschaft, kostenfrei.

Damit zieht sich ein Riss durch die Verlagslandschaft: Auf der einen Seite traditionelle Verleger, die die Werbemilliarden der Digitalkonzerne neiden und davon etwas abhaben wollen. Auf der anderen Seite die eigenen Online-Journalisten, die Angst haben: Sie wollen nicht riskieren, dass Google und Co. ihre Inhalte am Ende ignorieren.

In einem Video warnen zudem EU-Abgeordnete aus fast allen Fraktionen – von den Piraten bis zur SPD – davor, dass das Gesetz auch Privatnutzer treffen könnte.

„Wenn das EU-Leistungsschutzrecht verabschiedet wird, dann ist schon das Teilen von kleinsten Ausschnitten aus Artikeln verboten, wie zum Beispiel die Überschrift auf einem privaten Blog.“
„Wir sitzen für verschiedene Parteien im europäischen Parlament, aber wir sind uns in einem einig: Wir lehnen Günther Oettingers Angriff auf die Linkfreiheit entschieden ab.“
„Ein bisschen ist dieser Plan wie Juressic Park: der Kampf der Giganten. Und die Nutzerinnen und Nutzer bleiben auf der Strecke. Der Medienfreiheit tut das niemals gut.“

Der Zeitungsverlegerverband BDZV hält dagegen: Ein europäisches Verlegerrecht werde „in keiner Weise“ private Links auf Texte aus Verlagshäusern beeinträchtigen. Allein: Unsere Nachfrage, worauf sich der Verlegerverband dabei beruft, wo sich etwa in Oettingers Urheberrechtspaket der Schutz für Privatnutzer findet – sie bleibt vorerst unbeantwortet. Der Verlegerverband will dazu in den nächsten Tagen ein Gutachten vorlegen. Der Streit um ein EU-weites Leistungsschutzrecht für Presseverlage geht dann in die nächste Runde. Vorerst noch mit dem alten Digital-Kommissar Günther Oettinger.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Kommentar hinterlassen zu "Geld für Textschnipsel?"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*