Trump-Effekt in Deutschland?

Eine große Gruppe von Menschen verabschiedet sich aus der öffentlichen Debatte und misstraut etablierten Medien. Was lernen deutsche Redaktionen daraus? Wie wollen sie so etwas verhindern?

für WDR5

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Manuskript des Beitrags
Bernd Ulrich und Klaus Brinkbäumer – der eine Politik-Chef der „Zeit“, der andere Chefredakteur des „Spiegel“ – sie haben eines gemeinsam: Beide kennen die USA ziemlich gut. Ulrich ist vor den Wahlen fünf Wochen durch das Riesenland gereist, vor allem auch, um – wie er sagt – mit „ganz normalen Leuten“ zu sprechen.

„Und ich habe immer hier gesagt: Ein Sieg von Trump ist möglich. Also nur, weil man ihn maximal verurteil hat – auch zu Recht im Übrigen –, auf maximalen Effekt zu hoffen, das war ein Fehler. (…) Und Teile der Medien in den USA – ich habe das relativ genau verfolgt diesmal – haben auch Fehler mitgemacht, die die Demokraten gemacht haben mit ihrem Hyper-Moralismus, also die Formulierung ‚When they go low, we go high’ wurde vielleicht nicht ganz zu Unrecht als Arroganz ausgelegt und nicht als moralisch.“

Brinkbäumer wiederum war für den „Spiegel“ einst Korrespondent in den Staaten. Für ihn haben etablierte US-Medien schlicht an der Wirklichkeit vorbei geschrieben:

„Die haben über Unterhaltungsphänomene Geschrieben, die haben über die Welt an den Küsten geschrieben, die haben nicht wirklich beschrieben, was in Ohio der ganze Verlust der ganzen Industriearbeitsplätze eigentlich wirklich mit den weißen Männern in Ohio anrichtet, was das dort auslöst. Und das Phänomen haben sie unterschätzt, also dass 60 Millionen Menschen zu der – nennen wir das mal – Bewegung werden würden, haben die Medien nicht kommen gesehen.“

US-Medien waren also nur allzu oft weit weg von den Sorgen und Nöten vieler Wähler und ließen so Platz für populistische Plattformen wie „Breitbart“. Das Portal hat Trump publizistisch unterstützt – und: „Breitbart“ will nun einen Ableger in Deutschland starten. Droht auch hier ein Erfolg, etwa im Sinne der AfD? „Zeit“-Politikchef Ulrich glaubt: Der klassische Journalismus wird hierzulande weiter einen großen Teil des Publikums erreichen. Die Gesellschaft sei hier anders strukturiert.

„Wir haben in Deutschland keine Elite-Universitäten. Es ist nicht so, dass – wie in den USA und in Großbritannien – alle Politiker und alle Journalisten an derselben Uni studiert haben und alle schon mal miteinander im Bett waren. Das ist bei uns nicht der Fall. (…) Hinzu kommt, dass wir sehr gut funktionierende öffentlich-rechtliche Medien haben. Wir haben keine Hass-Radios. Wir haben kein Hass-Fernsehen. Und: Wir erreichen mit unseren Qualitätsmedien – auch mit den Printmedien und den jeweiligen Onlineauftritten – sehr, sehr viel mehr Menschen prozentual als die Amerikaner mit ihren Medien.“

Gleichwohl, sagt Ulrich, sollten Medien dringend mit Wählern kommunizieren – ihre Sorgen ernst nehmen statt herablassend oder gar beleidigend über einzelne Wählergruppen zu schreiben. Ulrichs Lehren aus dem US-Wahlkampf:

„Man darf nicht so apokalyptisch sein selber wie die Populisten, weil die arbeiten ständig mit Untergangsszenerien. Und deswegen ist Zuversicht, aufgeklärte Zuversicht eine subversive Kraft gegen diese Leute. Und zum Zweiten gibt es keine Wut-Tonlage für die gute Sache mehr, sondern die Tonlage selber ist schon destruktiv, die diese Leute anschlagen. Und deswegen müssen wir aufpassen, dass wir selber keinen Wutjournalismus machen und immer den Ton halten, der humanitär auch angebracht ist.“

Ständige Selbstreflexion – mit diesem Modus will „Spiegel“-Chef Brinkbäumer verhindern, dass sich Populismus, vor allem Rechtspopulismus weiter ausbreitet. Passend dazu: ein Eingeständnis. Auch der „Spiegel“ habe „hin und wieder einen elitären Blick auf die deutsche Wirklichkeit“ gehabt.

„Weil wir in Hamburg sitzen, in Berlin sitzen, also in deutschen Großstädten sitzen, ist uns hin und wieder der Blick auf – das ist jetzt ein gemeines Wort – Provinz, also Kleinstädte, Sorgen, die es aber in Deutschland gibt, verloren gegangen. Das glaube ich schon.

Wie wollen Sie das denn ändern?

Hingehen und ‘drüber schreiben. Wir sind längst dabei. Also wir hatten neulich einen Reporter – Takis Würger – für viele Wochen in Clausnitz, der eine Geschichte über diese Stadt geschrieben hat, sich zwei Monate – wenn ich richtig bin – zwei Monate dort aufgehalten hat und dann beschrieben hat, wie es dort wirklich ist.“

Die Wirklichkeit besser abbilden und Probleme aufrichtig diskutieren statt einseitig politisches Wunschdenken propagieren – damit will sich nicht nur der „Spiegel“ vor amerikanischen Verhältnissen schützen.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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