Phänomen oder Phantom?

Falschmeldungen und Hasskommentare sollen nach dem Willen der Großen Koalition härter bestraft werden. Zu Recht? Kritiker halten dagegen: das Phänomen werde überschätzt.

für WDR5

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Nachrichten-Collage „Politik und Fake News“

Es ist das Droh-Szenario in der Bundespolitik: Erst Unwahrheiten über Trump-Konkurrentin Hilary Clinton, nun vielleicht gegen Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Co. Nein, beteuern Politiker unisono: Es gehe nicht um Zensur. Ziel sei gleiches Recht für alle, die publizieren – wo auch immer. Unions-Fraktionschef Volker Kauder:

„Bei jeder Zeitung habe ich einen Ansprechpartner, wo ich mich hinwenden kann, und wo ich dann, wenn ich der Meinung bin, es wird nicht richtig reagiert, auch eine Klage einreichen kann. Die sozialen Netzwerke haben – so nach dem Motto „Toter Käfer“ – gar nicht reagiert.“

Auch der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil, will – ähnlich wie die Grünen –, dass Tech-Giganten gegen professionelle Lügen im digitalen Raum vorgehen:

„Wir reden bei Fake News ja wirklich von gezielten Lügen, die journalistisch aufbereitet werden, die ganz klar mit dem Ziel auch gestreut werden, Menschen zu schaden, Unternehmen zu schaden, politischen Institutionen zu schaden. Da geht es also nicht um die Frage, ob jemand politisch eine andere Meinung hat, sondern wirklich um gezielt aufbereitete Lügen, die eine strafrechtliche Relevanz haben. Und dagegen muss ein Unternehmen wie Facebook auch vorgehen.“

Sogar ein Abwehrzentrum gegen Fake-News im Regierungsapparat ist im Gespräch – ein vielfach aber auch umstrittener Vorstoß, denn er riecht nach Zensur.

Facebook spürt den politischen Druck und will nun selbst etwas tun: Das soziale Netzwerk will seinen Nutzern die Möglichkeit bieten, Fake-News-verdächtige Einträge zu melden. Journalisten prüfen die Geschichten – der Konzern sucht dafür Medienpartner, der erste und bislang einzige ist hierzulande das Recherchenetzwerk Correctiv aus Essen. Stellt sich ein Eintrag als Fake heraus, dann will ihn Facebook mit einer Warnmeldung versehen und die Gegen-Recherche verlinken.

Auch andernorts deuten sich Allianzen an – im Kampf für die Wahrheit. Zusammen mit Google hat Facebook die First Draft Coalition gegründet, ein internationales Netzwerk von Faktencheckern aus aller Welt. Allerdings: Es geht um den Austausch von Technologien, nicht um gemeinsame Recherchen, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann – obwohl er sich eine gemeinsame Recherche auch vorstellen könnte.

„Man muss aber ehrlich sein: Da sind aber natürlich auch Media-Outlets dabei, die im Wettbewerb zueinanderstehen. Eine ‚New York Times’ und ‚Washington Post’ werden sich schwertun, in einer Koalition mehr als sozusagen generelles Wissen zu tauschen.“

Auch die „Tagesschau“-Redaktion ARD-aktuell ist dem internationalen Netzwerk von Faktencheckern beigetreten. Chefredakteur Kai Gniffke berät wiederum mit den übrigen ARD-Chefredakteuren, ob eine eigene Einheit zu Fake News angebracht ist. Der Ausgang dieser Debatte sei noch offen und auch völlig unklar, ob die ARD dann auch mit Facebook kooperiere oder allein arbeite, betont Gniffke. Er sagt aber auch:

„Das gehört, glaube ich, schon in unsere Kernkompetenz, da wir uns als ein auch Informationsanbieter verstehen. Da glaube ich nicht, dass es klug ist zu warten, bis die Politik – sprich das Innenministerium oder das Bundespresseamt – entsprechende Institutionen geschaffen haben. Das sollen die ruhig tun, aber ich glaube, dass gerade ein Medium wie das Öffentlich-Rechtliche, die wir uns auf die Unabhängigkeit schon sehr berufen, dass wir gut beraten wären, da auch tätig zu sein.“

Die Verifikation von Nachrichten und Geschichten sei natürlich schon immer Aufgabe von Journalisten gewesen und Fake News daher kein wirklich neues Problem, aber die Intensität der Falschmeldungen, bisweilen auch ihre Wirkung. Das verändere die Arbeitsweise von Nachrichtenjournalisten, sagt Gniffke: Während Falschmeldungen bislang hinter den Kulissen aussortiert wurden, würden sie nun bewusst zum Thema.

„Das würden wir zum Beispiel – wenn wir es machen – würden wir das jetzt nicht in der ‚Tagesschau’ um 20 Uhr machen. Aber man wäre – glaube ich – klug beraten, den Nutzerinnen und Nutzern eine Plattform zur Verfügung zu stellen, wo man sagt: Okay, hier haben wir bestimmte Dinge nachgeprüft, da könnt ihr euch ein Bild informieren und selbst ein Bild machen, wir ihr das einschätzt. Dazu geben wir einfach mal unsere Expertise ab.“

Die Frage bleibt aber: Wir das Systemkritiker und Zweifler am Ende erreichen – vor allem die, die ohnehin „Lügenpresse!“ rufen. Hier aber sind sich die Chefredakteure einig: Sie wollen es wenigstens probiert haben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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