Faktencheck in den Medien

Wie “Spiegel”, “Tagesschau” und Co. Qualität sichern – und was trotzdem durchrutscht

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Bertolt Hunger hat schon Fakten geprüft, bevor der Journalismus in die Glaubwürdigkeitskrise kam. Seit gut zwanzig Jahren ist er Dokumentar beim „Spiegel“ – einer von 70. Dokumentare checken die Texte ihrer Kollegen. Tatsächlich: Wort für Wort.

„Wir haben hier ein Jahrzehnte altes System – simpel, aber effektiv. Alles, was hier durchgestrichen ist, ist korrekt. Ich kann auf einen Blick sehen, ist noch etwas offen oder nicht. Hier ist jetzt alles erledigt. In der Regel schreiben wir auch unsere Quelle daneben.“

Fast 250 Journalisten arbeiten für den „Spiegel“. Die aktuelle Produktion: für die Kamera tabu. Das Beispiel für den Fakten-Check: ein Fall von Anfang Februar: „Putins Schläfer: Tschetschenische Agenten getarnt als Flüchtlinge“.

Aber wie viele kommen so nach Deutschland? Der Autor schreibt ursprünglich: „Mehr als 4.000“.

„Ich habe gefunden, im vergangenen Jahr eine höhere Zahl. Im Jahr davor war sie niedriger. Also das schwankt sehr stark. Deswegen kann man 4000 sowieso schon mal nicht sagen. Und mein Versuch dann, an dem Nachmittag noch von der zuständigen Behörde Zahlen für mehrere Jahre zu bekommen, ist gescheitert. Und dann mussten wir am Ende etwas allgemeiner werden.“

Im Magazin ist dann nur noch von „Tausenden Tschetschenen“ die Rede. Ein Fehler: vermieden.

In der Chefredaktion. Auch hier liefern die Dokumentare ihre Korrekturvorschläge an. Über manches wird heftig gestritten.

„Da der „Spiegel“ ja auch in seinen Geschichten ja immer auch eine Kommentierung mitliefert, gibt es da manchmal ganz schöne, ein Kräftemessen – ist einer Inflationsrate von 1,5 problematisch für die Wirtschaft oder erst ab 2,5 oder so was. Da kann es dann auch zu Glaubensfragen ausarten.“

Bei der Interpretation von Fakten – also Meinung – entscheidet die Chefredaktion. Hunderte eindeutige Vorschläge
der Dokumentare werden hingegen sofort übernommen – pro Ausgabe.

Treibt nur der “Spiegel” diesen Aufwand? ZAPP hat bei mehr als 20 Medienhäusern nachgefragt. Das Ergebnis: Auch andere Magazine haben Fakten-Check-Abteilungen – wenn auch deutlich kleinere.

Produktionstag bei der „Zeit“ – dem Gegenmodell. Denn: trotz Wochenrhythmus‘ – hier prüfen seit jeher die Redakteure die Texte, die auch die Seiten planen – ohne Fakten-Check-Abteilung.

„Die ‚Zeit‘ braucht das nicht, weil bei der Zeit funktioniert das tatsächlich sehr, sehr gut, ohne dass wir eine eigene Abteilung haben. Unsere Ressorts und unsere Redaktion, die arbeitet auch so, dass sich die Kollegen aufeinander verlassen, dass die Kollegen sich gegenseitig redigieren, gegenseitig ihre Texte checken.“

Spezialisierte Redakteure sollen die Qualität sichern. Texte über die Volkswirtschaft redigiert auch ein Volkswirt, juristisches ein Jurist. Klappt das genauso gut ohne separate Fakten-Checker? Das Problem: Statistiken dazu fehlen.

Neben der „Zeit“ arbeiten vor allem aktuelle Medien ohne Fakten-Check-Abteilungen. Eine Sprecherin von Axel Springer bringt das Prinzip auf den Punkt: „Fact-Checker heißen bei uns Journalisten und davon haben wir in allen Redaktionen eine Menge.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt zudem an: „90 Prozent unserer Texte werden in der Stunde vor Redaktionsschluss fertig“.
Wie Qualitätssicherung bei ihnen funktioniert, wollen sie aber nicht zeigen. Anders: ARD-aktuell.

Vergangenen Montag – es entsteht die „Tagesschau“. Spezialisten prüfen hier bei Bedarf Bildquellen, sonst: Generalisten – jeder muss jedes Thema übernehmen können, wenn die Aktualität treibt.

Er – heute zuständig für die Bundespolitik. Die Reporter – unterwegs im Regierungsviertel. Währenddessen scannt er – über Agenturen und Live-Übertragungen – die Nachrichtenlage aus der Ferne. So wird er zum Fakten-Checker.

„Ich sitze ja den ganzen Tag auf diesen zwei Themen. Und ich versuche das immer so anzugehen als wäre ich der Autor. Also würde der andere aus den Latschen kippen, könnte ich übernehmen – also wenn ich das Material hätte. Also so arbeite ich – und ich glaube, die anderen auch – sich so rein, weil dann ist man sozusagen auf Ballhöhe.“

Am Ende: Textabnahme kurz vor der Sendung. Vieraugen-Prinzip – mit Abstand zu den Reportern.

„Die Korrespondenten vor Ort sind sehr in ihren Themen drin. Häufig müssen sie sich schnell einarbeiten, aber sie sind in der Regel gut drin. Das gilt insbesondere für die Auslandskorrespondenten, die das US-Wahlsystem kennen und unsere London-Korrespondenten sind inzwischen Fachleute im Brexit. Und wir hier aus der Distanz haben einen eigenen Blick. Und in der Regel gelingt es uns, das zusammenzuführen zu einem verständlichen und auch inhaltlich korrektem Stück.“

Und trotzdem: Fehler passieren. Große wie hier aus dem Krisengebiet in der Ukraine:
(Programmauszug)
Und vermeintlich kleine – erst am Sonntag: Obwohl der neue Bundespräsident aus Ostwestfalen-Lippe stammt: nur…
(Programmauszug)

„Die Menschen in Lippe wissen, woher der Steinmeier kommt und dass das ein Lipper ist. Und da fällt es natürlich denen besonders auf, wenn wir da ungenau sind. Und dann kommt vielleicht auch der Verdacht auf, dass wir in anderen Punkten ungenau sind. Und das wollen wir nicht.“

Und auch dem „Spiegel“ mit seinem opulenten Fakten-Prüf-Apparat rutschen Fehler durch, die an der Glaubwürdigkeit kratzen. Auch hier: ein Geburtsort – von US-Präsident Bill Clinton: Litte Rock im Staat „Alabama“ – richtig ist: Arkansas. In der folgenden Ausgabe: Die Korrektur.

„Wir haben uns alle geschämt und an den Kopf gefasst. Aber es ist passiert. Der menschliche Fehler kann mal vorkommen. Es gibt sicherlich irgendwelche Erklärungen von wegen, da ist irgendjemand noch drüber gegangen und der Dokumentar hat es nicht mehr gesehen oder was auch immer. Aber es zeigt – ja, dass am Ende: kein System hundert-prozentige Sicherheit gewährleistet.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

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