Seitenwechsler

Journalisten als Pressesprecher

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Manuskript des Beitrags
Teil 1: Überblick
Das ZDF in Mainz. Gut 20 Jahre lang war das der Arbeitsplatz von Steffen Seibert. Erst als Reporter, dann als News-Anchor – über die Regierung Merkel. 2010 dann eine überraschende Entscheidung, die Wellen schlägt: der Seitenwechsel.
Seibert nun: Regierungssprecher. „Um das zu tun, was die Bundesregierung eben auch für richtig und wichtig hält…“ Er fragt nicht mehr, sondern: antwortet – seinen früheren Kollegen. Stets an der Seite der Kanzlerin. Seit bald sieben Jahren. Und trotzdem: Das ZDF gewährt nach wie vor ein Rückkehrrecht – wenn auch: nicht als Journalist.
Für den Madsack-Verlag recherchierte sie bis zuletzt in der Politik: Ulrike Demmer. Eine gefragte Journalistin. Im vergangenen Sommer dann: Der Wechsel zur Regierungssprecherin.
„Ich würde Sie da um ein bisschen Geduld bitten…“ Journalisten um Geduld bitten – ihr neuer Job. Wie ihr Chef Seibert, so hat auch sie Sicherheit: Madsack gewährt ihr ein Rückkehrrecht. Die Bedingungen hier aber: geheim. „…die genaue Umsetzung wird geklärt.“
Das Hauptstadtstudio der ARD. Zwei Jahre hat Annekarin Lammers von hier berichtet. Ihr Ressort: die Arbeitspolitik. „Der Arbeitsmarkt brummt, da kann die Ministerin zufrieden sein.“
Berichte unter anderem für die „Tagesschau“. Seit Februar nun: Sprecherin für die Bundesagentur für Arbeit. Jetzt verkauft sie die Ergebnisse von Nahles Politik. Passt das nicht gleich, nimmt sie der Hessische Rundfunk auch wieder zurück. Probezeit = Bedenkzeit.
Das Hauptstadtstudio ist auch für sie gleich mehrfach Station: Anna Engelke. Die NDR-Journalistin spricht zwischendurch auch für die ARD. Zuvor: Reporterin in Washington, danach Korrespondentin in Berlin. Nun:
Engelke wird Sprecherin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Zum Seitenwechsel sagt sie ZAPP: „Wenn die Zeit als Sprecherin vorbei ist, kann ich mir wieder eine Arbeit als Journalistin vorstellen.“ Und der NDR – hat sie für diesen Ausflug beurlaubt. Rückkehr damit: nicht ausgeschlossen.

Teil 2: Interview Sabine Adler

„Also tatsächlich die Sprecherin für Bundestagspräsident Norbert Lammert zu sein und eben auch eine Führungsaufgabe zu übernehmen, die doch ziemlich große Presseabteilung des Bundestages zu leiten. Das fand ich spannend.“
„Lammert holt Adler“ (Süddeutsche Zeitung August 2011)
„Sabine Adler wird Sprecherin des Bundestages“ (PR Journal August 2011)
„Es war ein sehr überraschender Anruf eines schönen Sommer-nachmittags, nein: abends. Und ich war davon völlig überrascht. Und ich glaube, dieses Überraschungsmoment gehörte auch ein bisschen zur Überrumpelung. Und ich habe mich da auch ein bisschen überrumpeln lassen…“ 
„…das hat geschmeichelt?“
„Ja, das hat geschmeichelt. Aber das war auch diese Möglichkeit mit einem Mal, wenn man das so ganz viele Jahre – ich habe über 20 Jahre schon als Journalistin gearbeitet – und wenn man das so lange macht, dann denkt man natürlich auch mal, es könnte mal etwas Anderes kommen. Und dann wird das auf dem roten Teppich ausgerollt, man muss nur zugreifen.“
„War das denn ein Berufswechsel für Sie?“ 
„Das ist unbedingt ein Berufswechsel. Es ist etwas komplett Anderes, denn es ist etwas vollkommen anderes, ob ich mir ein Bild mache, Informationen sammle als Journalist und das dann durch die eigene Brille vermittelt an das Publikum weitergebe oder ob ich in einem ganz engen Korsett ganz genau die Linien beachten muss, nicht übertreten darf und für jemanden rede. Das ist etwas komplett Anderes. Man muss sich vorstellen, dass man sozusagen fast wie – nicht Gehirn gewaschen natürlich, aber es ist nicht mehr das eigene, es geht nicht mehr nur durch das eigene Gehirn, sondern ich muss noch etliche andere Gehirne mitdenken, um tatsächlich eben dann etwas den Standpunkt mitzuteilen, den da gerade diese Institution einnimmt. Und ich finde, so etwas muss man eigentlich auch – man sollte durch solch eine Schule auch gehen. Das ist etwas Anderes. Das können Journalisten nicht automatisch und unbedingt auch immer gleich mit. Das ist echt ein anderer Beruf.“
„Wie haben Sie Hauptstadtjournalisten wahrgenommen?“
„Ich fand, das gehörte zum spannendsten Teil: meine Kollegen bei der Arbeit zu beobachten. Ich habe vor einigen Kollegen Hochachtung bekommen, fand, dass es außergewöhnlich kluge, sehr engagierte und sehr sensible Korrespondenten waren. Und ich habe das genaue Gegenteil erlebt, wo Korrespondenten es ganz genau anders wussten und es nach drei- und viermaligen Gesprächen trotzdem anders dargestellt haben – und ich würde auch sagen: gelogen haben.“
„Wie einfach war es denn, den Journalistinnen-Blazer letztlich abzulegen? Journalisten sind ja zum Beispiel auch meinungsstark.“
„Das war der schwerste Teil von allem. Denn natürlich: Gerade wenn die Ereignisse so hoch kochen – und sie sind in dieser Zeit hoch gekocht, Bundespräsident Wulff ist zurückgetreten, es gab eine unendlich kontroverse Debatte in Deutschland. Und ich muss verschweigen. Ich musste mich da heraushalten natürlich aus dieser Diskussion. Und das ist der schwierigste Teil überhaupt gewesen. Wenn man wie ich beim Deutschlandfunk eine sehr stark auch kommentierende Stimme ist und das dann mit einmal überhaupt nicht mehr tun darf, dann ist das so als würde man wirklich mundtot gemacht. Und das fand ich den aller schwierigsten Teil. Und ich habe das auch überhaupt nicht gewusst, wie schwer mir das gefallen ist. Ich fand das furchtbar, fühlte mich regelrecht amputiert und wusste auch, das geht auch nicht, das geht für mich nicht.“
„Das haben Sie unterschätzt, oder?“
„Ja.“ (nickt mehrfach)

„Sprecherin Sabine Adler verlässt den Bundestag“ (PR-Report August 2012)
„Pressesprecherin des Bundestags – Zurück zum Radio“ (taz August 2012)
„Also diese Rückkehr ist vollständig möglich gewesen. Wir haben sie so organisiert im Haus, dass wir gesagt haben: Erst mal nicht in die Bundespolitik, was in meinem Fall überhaupt nicht schlimm war. Ich habe vorher als Osteuropa-Korrespondentin gearbeitet, war in Russland. Ich bin dann – das hat mir netterweise das Deutschlandradio ermöglicht – bin dann nach Warschau als Korrespondentin gegangen. Dann kam die Ukraine-Krise und damit dann auch für dieses Haus ein sehr wichtiger Schauplatz. Und somit ist die Rückkehr sozusagen sehr reibungslos gewesen. Und auch mit viel Glück verbunden gewesen letzten Endes. Mir sagte ein Kollege dann im Nachgang etwas sehr, sehr wichtiges: Man muss nicht nur von irgendetwas wegwollen, man muss auch hin wollen zu irgendwas. Und dieses Hinwollen – wenn einem selbst nie der Gedanke gekommen ist, dass man Sprecherin des Bundestages werden möchte, dann hat das auch etwas zu bedeuten. Und auf so etwas würde ich jetzt (überlegt) ja, hören, darauf achten. Also man muss auch hin wollen zu einer bestimmten Stelle, Person. Und wenn das nie eine Rolle gespielt hat, hat es etwas zu bedeuten.“
„Sie wissen jetzt, was Sie wollen.“
„Ich weiß, was ich will. Und es war eine doch ziemlich teuer erkaufte Erfahrung – das würde ich schon sagen.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Kommentar hinterlassen zu "Seitenwechsler"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*