Presserat: “Polizei-Pressestellen sind Medien geworden”

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Wörtliches Transkript

Manfred Protze: [00:00:00] Früher hatte die Polizei-Pressestelle die Rolle eines Zulieferers für die klassischen Medien und die Medien haben in eigener Verantwortung, nach eigenen Kriterien die Auswahl der von den Behörden zur Verfügung gestellten Informationen getroffen. Die heutige Veröffentlichungspraxis der Behörden und der Polizeidienststellen vor allen Dingen ist so, dass sie direkt die Konsumenten erreichen und nicht mehr allein über den Weg der Redaktionen. Das heißt, wir haben quasi ein objektives Wettbewerbsverhältnis.

[00:00:40] Daraus resultieren dann — notwendigerweise und unvermeidbar — Fragen von den Konsumenten, vom Publikum an die Redaktionen, also: Die Polizei gibt diese Details bekannt, die veröffentlicht ihr nicht. Es gibt Gruppen, die daraus den Schluss ziehen, diese Praxis der Auswahl von Detailinformationen widerspreche dem Wahrhaftigkeitsgebot nach Ziffer 1 des Kodex. Polemisch wird das auch gelegentlich als “Lügenpresse” zusammengefasst.

[00:01:20] Dazu muss man sagen: Erstens ist die Aufgabe von Journalismus eh und je die Selektion, die Auswahl von Informationen gewesen und nicht die Abbildung aller verfügbaren Informationen eins zu eins. Wenn wir das täten, brauchten wir die Medien nicht. Wir haben immer ausgewählt nach Bedeutung und das durchaus unterschiedlich in aller Freiheit, aber eben ausgewählt.

[00:01:53] Die neue Situation, in der die Polizei quasi ein eigenständiges Konsumenten-Medium organisiert, gibt aus meiner Sicht Anlass erstens darüber nachzudenken, welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen im Umgang mit unseren Leserinnen und Lesern, also den Medienkonsumenten. Hilfreich ist es nach meiner Ansicht, wenn wir da, wo Fragen kommen, sie auch beantworten, das heißt, offen damit umgehen und den Leserinnen und Lesern erläutern, aus welchen Gründen wir bestimmte Informationen in bestimmten Kontexten nicht für so wichtig halten, dass wir sie erwähnen müssten und ihnen auch im Zweifelsfall sagen, dass wir damit den Anforderungen der Ziffer 12 gerecht werden und niemanden ohne Not in Mithaftung nehmen wollen. Das der eine Punkt. Und der andere Punkt ist, denke ich, ganz klar: Die Presse hat ihre Ethik in selbstverantwortlicher Weise eigenständig zu formulieren und umzusetzen. Sie lässt sich mit Sicherheit nicht diese Ethik von Dritten vorgeben. Das bedeutet auch: Die Maßstäbe, die in Polizei Pressestellen gelten sind nicht verbindlich für die Redaktion.

Frage: [00:03:27] Leiten Sie daraus auch eine Forderung oder Kritik ab, dass die Polizei sich da zurückhalten soll?

Manfred Protze: [00:03:36] Die Frage zusammen mit der Polizei ist eigentlich eine Frage an die verantwortlichen Minister, die Innenminister. Die müssen die Frage beantworten, ob die Polizei eine eigene ethische Verantwortung im Umgang mit solchen Informationen sieht und wie sie das praktisch handeln.

[00:03:58] Was uns als Journalisten allerdings vertraut ist, ist ja zum Beispiel, dass für Pressestellen und PR-Dienstleistungen das Wahrhaftigkeitsgebot des Pressekodex auf keinen Fall gilt. Die müssten ja, weil sie permanent Auftragskommunikation im Interesse ihrer Auftraggeber machen, permanent gegen Ziffer 1 des Kodex verstoßen.

[00:04:27] Also: Solche solche Einschränkungen, je nach der Institution, die Informationen hervorbringt, die wir auch journalistisch nutzen, das kennen wir. Aber trotzdem: Es bleibt eine Frage auch für die Politik, die nicht wir beantworten müssen. Sondern wir haben sie für uns beantwortet. In unserem Verantwortungsbereich gelten die Regeln, die wir uns selbst gegeben haben. Punkt. Und alles andere — dass es im Netz insgesamt eine Fülle von Informationen gibt, die wir in den Medien nicht verwenden, ist ja offenkundig. Also ich hab ja vorhin etwas zur Selektionen gesagt.

[00:05:13] Dennoch ist die Frage selbstverständlich auch an die Big Player im Netz eine nahe liegende und sie wird ja auch erörtert. Also, wir sind doch gerade dabei, uns öffentlich Gedanken darüber zu machen, wie kriegt man Facebook, Google und Co. zu einem ethisch verantwortlichen Publizisten-Verhalten. So. Die sind objektiv Medien inzwischen. Genau wie auch — sage ich mal, wenn ich ins Netz gehe und Nachrichten zu bestimmten Themen haben will, ständig die Telekom aufpoppt oder Web.de. Die bieten Dienstleistungen, journalistische Dienstleistungen an, durchaus von hoher Qualität, bestreiten aber, dass sie verantwortliche Publizisten sind. Da sind wir mitten in der Diskussion. Und ich kann nur sagen: Wir kümmern uns um das, was wir selbst regulieren, was wir selbst verantworten. Und die Maßstäbe dafür sind ja bekannt.

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