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    Der „Rheinneckarblog“ erfindet einen Terroranschlag und behauptet, er habe aufklären wollen

    für taz

    Sirenengeheul aus dem Lautsprecher, Schauspieler offerieren sich als Augenzeugen, dazu die erfundene Webseite eines Nachrichtensenders und sogar die fingierte Hotline der örtlichen Rettungsdienste: Mit diesem beeindruckenden Szenario legte ein Regisseur vor knapp neun Jahren die Öffentlichkeit rein. Die Deutsche Presseagentur berichtete über den letztlich fiktiven Anschlag in der ebenso erfundenen US-Kleinstadt Bluewater, Sender und Onlineportale stiegen ein.

    Nun schob ein Blogger eine Art zweites Bluewater an. Der Schauplatz diesmal: Mannheim.

    Der Rheinneckarblog meldete „den bisher größten Terroranschlag in Westeuropa“, bei dem „offiziell bislang 136 Tote gezählt, 237 Personen verletzt sind“. Vieles an dieser Aktion ist perfide. So veröffentlichte der Blog die Meldung nachts, wenn Redaktionen dünn besetzt sind und die Angriffsfläche groß.

    Als die Polizei von einem „erfundenen Text“ sprach, meldete der Blog eine „Nachrichtensperre“, nach dem Motto „Logisch, dass die Polizei dementiert“. Die Geschichte enthielt zwar jenseits von Überschrift und Zusammenfassung Hinweise, wonach die Sache erfunden war – allein: Sie waren vor allem zahlenden AbonnentInnen vorbehalten.

    Geht so „Gonzo“?
    „Wir haben aktuelle Fakenews veröffentlicht, die morgen schon Realnews sein könnten“, rechtfertige sich Blogger Hardy Prothmann und sprach von „Gonzo-Journalismus“. Das Ziel: sensibilisieren für Sicherheit („Keine Stadt in Deutschland wäre einer koordinierten Terrorattacke gewachsen“) und Fakenews („Denken statt Liken“). Außerdem dürfte es Prothmann darum gehen, AbonnentInnen zu gewinnen. Er hatte sich vor Jahren öffentlich empört, vom Bloggen nicht leben zu können.

    Letztlich hat Prothmann erreicht, dass diskutiert wird. Allein: Es reden praktisch alle nur über ihn und seine irre Aktion. Wer Kritik übt, den weist der Kritisierte ruppig zurecht – auch LeserInnen. Anderen Medien wirft er falsche Berichterstattung vor und droht teils, Anwälte zu engagieren.

    „Ein Regionalblog meldet ein riesiges Verbrechen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, löst es nur hinter der Paywall auf, freut sich über Klicks aus aller Welt, regt sich über ‘schlechte Recherche’ anderer auf und bezeichnet Kritiker als ‘Kleingeister’“, twitterte Nachrichtenjournalist Marc Krüger. Krüger arbeitet zwar heute in Berlin, war jedoch davor News-Redakteur beim SWR, der für Mannheim zuständigen ARD-Anstalt. Die Aktion liefere „allen Argumente, die bloggen immer noch für unseriös halten. Es verbessert gar nichts, zerstört aber sehr viel.“

    Beim Deutschen Presserat sind bereits Beschwerden wegen des Textes eingegangen. Die zuständige Staatsanwaltschaft prüft, ob es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gibt.

    >> zur Originalveröffentlichung auf taz.de