Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin und Hamburg - v.a. für den NDR.
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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Schutz durch Kooperation

    Immer mehr Journalisten, die über die Mafia berichten, arbeiten grenzüberschreitend – genau wie die Mafia. Doch im Kampf gegen die Presse hat diese die Justiz für sich entdeckt.

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags
    Perugia, die Hauptstadt Umbriens, nördlich von Rom. 170.000 Einwohner. Auch hier investiert: die Mafia. Geräuschlos kauft sie Land und Immobilien. Legt ihr schmutzig verdientes Geld an. Mischt sich unter die Gesellschaft.
    Claudio Cordova recherchiert im Süden Italiens, lebt und arbeitet also, wo die ’Ndrangheta zu Hause ist, mit Drogen ihr Geschäft macht.
    In Perugia tauscht er sich dazu mit Kollegen aus – auf einem Journalisten-Kongress.
    „Die ‘Ndrangheta ist die stärkste und reichste kriminelle Organisation. Und sie ist sehr, sehr gefährlich.“
    Cordova hat das Portal „Il Dispaccio“ gegründet – „Die Depesche“. Dort berichtet er regelmäßig über die Mafia – etwa über ihre Autobomben-Attentate. Wenn die Mafia will, räumt sie ihre Gegner immer noch so aus dem Weg.
    „Ich passe auf der Straße auf. In Bars, in Restaurants ist es gut möglich, einem ‘Ndranghetisti zu begegnen. Einem von der Mafia.“
    Auch Cecilia Anesi aus Italien und David Schraven aus Deutschland recherchieren zur Mafia – aller Gefahren zum Trotz. Und arbeiten grenzüberschreitend – genau wie die Mafia.
    „Wir müssen mehr über die länderübergreifenden Aktivitäten der Mafia berichten, denn die Mafia respektiert keine staatlichen Grenzen. Wir arbeiten am großen Bild.“
    „Wir haben halt große Mafia-Bosse vom Farao-Clan, die in Deutschland operieren, die Schutzgelderpresserringe aufgebaut haben, die Gewinne aus illegalen Geschäften investiert haben in großem Umfang. Wir reden hier von hohen, hohen Millionen-Summen.“
    Eine Sonderausgabe des RTL-„Nachtjournals“. Cecilia Anesi und ihre Kollegen aus Deutschland recherchieren gemeinsam die Verflechtungen der organisierten Kriminalität.
    „Die Mafia Kalabriens macht weltweit geschätzt 53 Milliarden Euro Umsatz – mit Drogenschmuggel, Waffenhandel und illegaler Müllentsorgung. In 30 Ländern sind gut 60.000 Menschen für sie aktiv.“
    Recherchen, die den Mafia-Clans nicht gefallen dürften. Die Vernetzung aber stärkt die unbequemen Journalisten.
    „Von der deutschen Seite war das super spannend, weil Du konntest halt mit den Informationen, die wir aus Italien gekriegt haben, in Deutschland weiter recherchieren. Als lokaler Journalist hast Du keine Chance, die Geschichte zu machen.“
    Bei der Vernetzung geht es aber nicht nur um die inhaltliche Arbeit:
    „Ich denke die Zusammenarbeit gibt uns auch Sicherheit. Es hilft nicht, einen Einzelnen loszuwerden. Wir sind immer mindestens zu fünft. Und wenn Du diese los wirst, kommen weitere 200 nach, die ihren Job übernehmen. So bringt es nicht besonders viel, Journalisten zu bedrohen.“
    Vernetzung auch über IRPI – das investigative Reporter-Projekt in Italien. Gemeinsam berichten die Journalisten über Die Globalisierung der Camorra – und gehen auch mit ihren Recherchen global.
    Das Problem in Italien: Viele Rechercheure sind Freiberufler. Auch Lorenzo Bagnoli. IRPI aber hilft ihm raus aus dem Einzelkämpferdasein.
    “Das ist der einzige Weg, um ein internationales Publikum zu bekommen. Wenn ich immer nur Lorenzo Bagnoli geblieben wäre – es wäre unmöglich gewesen, so viele Zeitungen und Medien zu bespielen.“
    Gemeinsam sind die Rechercheure außerdem deutlich wehrhafter, auch vor Gericht. Denn in ihrem Kampf gegen die Presse hat die Mafia auch die Justiz als Instrument für sich entdeckt.
    “In Italien klagen sie einfach viel – und ohne Grenzen. Sie fordern Schadenersatz in Millionenhöhe. Sie ziehen dafür auch vors Strafgericht – weil sie wissen, dass sie dir so Ärger bereiten.“
    „Wir haben selber bei uns Kollegen gehabt – Ceci auch –, die halt so angegangen worden sind. Und auf einmal stehst Du da und hast eine Drohung über Dir von 20, 30, 40, 50 tausend Euro, wo Du keine Ahnung hast, wie Du das bezahlen sollst. Und das ist der eigentliche Angriffspunkt. Den hat die Mafia herausgefunden. Den haben die Mafiosi herausgefunden. Und die setzen die länderübergreifend ein.“

    Mafia-Berichterstatter müssen also gar nicht mehr so sehr um ihr Leben fürchten. Inzwischen versucht es die Mafia mit geräuschloseren Mitteln, wenn es darum geht, Journalisten zum Schweigen zu bringen.
    >> Beitrag in der NDR-Mediathek