Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin - vor allem für ARD, Dlf, taz.
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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Ein Sender für 28 Länder?

    Vor dem EU-Gipfel kommende Woche zeigt sich mal wieder: in der EU denken die Nationalstaaten vor allem an sich. Würde ein europäischer Sender daran was ändern? Viele Parlamentarier in Brüssel sagen: ja!

    für WDR5

    Manuskript des Beitrags
    Eigentlich hat es Sven Giegold doch geschafft. Er kommt ständig in den Medien vor – von „Tagesschau“ über „Monitor“ bis zu Radiointerviews am Morgen kann er immer wieder den laxen Umgang mit Großkonzernen kritisieren und eine neue, gerechtere Steuerpolitik fordern. Und das, obwohl er doch im fernen Brüssel sitzt, während der Fokus nur allzu oft auf Berlin liegt. Oder Washington. Oder Moskau.

    „Seit der Eurokrise haben ganz viele Leute verstanden, wie sehr uns europäische Politik ganz direkt betrifft. Dadurch gibt es in den Nachrichtensendungen, auch in den Zeitungen mehr Platz“

    , sagt der Grünen-Politiker selbst. Doch dem Europaabgeordneten reicht das nicht:

    „In Berlin, wenn wir dort ein Gesetz machen, wird der Streit um das Gesetz wahrgenommen. Und innerer Streit zum Beispiel im Europaparlament zwischen den Parteien, den wir genauso haben wie in Berlin, der findet medial kaum Wahrnehmung. Und das ist ein Funktionsverlust an Demokratie, weil die Bürgerinnen und Bürger bei der Europawahl nicht wissen, wofür haben die Parteien denn die letzten fünf Jahre im Parlament gestritten.“

    Giegold fordert deshalb einen speziellen Kanal: ARD und ZDF sollen sich zusammentun, helfen, eine „europäische Öffentlichkeit“ zu schaffen.

    Rolf-Dieter Krause war 15 Jahre lang „Mr. Brüssel“ der ARD. Mehr aus der EU-Politik im Fernsehen – prinzipiell eine schöne Idee, sagt er. Aber:

    „Politiker denken immer, man muss nur senden und dann entsteht schon Massenkommunikation. Das ist aber Quatsch. Das Publikum akzeptiert das nicht. Es gibt ja einen Europakanal, der heißt Euronews. Den guckt nahezu kein Schwein. Kostet ein Schweinegeld. Die EU subventioniert ihn sogar. Und die Zuschauerzahl ist zumindest in Deutschland kaum messbar.“

    Nun stellt sich der Europaabgeordnete Giegold aber auch etwas anderes vor: Keinen Nachrichtenkanal, sondern eine Art europäisches Vollprogramm. Etwa auch ein Politmagazin, für das Journalisten aus ganz Europa gemeinsam recherchieren. Oder Talkshows mit Gästen aus ganz Europa, nicht nur aus Deutschland. Giegold will, dass die Journalisten – endlich – ihre nationale Brille ablegen und die europäische anziehen.

    Ex-Brüssel-Korrespondent Krause sieht wiederum Probleme in der Praxis. Beispiel Gesprächspartner: Auch Europapolitiker suchen seiner Erfahrung nach vor allem den Kontakt zu ihren Wählern zu Hause. Ein EU-Kommissar oder Abgeordneter aus Spanien wolle daher oft nur mit spanischen Journalisten reden, nicht mit deutschen.

    „Wir haben in Brüssel Klimmzüge gemacht ohne Ende, um Kommissare, Europaabgeordnete, Minister aus anderen Ländern für unser Europamagazin zu interviewen – wir sind in aller Regel gegen die Wand gelaufen und zwar krachend.“

    Ohnehin: Krause findet, Europa und die EU-Politik sei etwa in der ARD gut vertreten: Das „Europamagazin“ laufe heute sonntags hinter dem „Presseclub“ – und finde dort das Publikum, das sich für diese Themen regelmäßig interessiere. Primetime-fähig sei das, was in Brüssel passiere, eher selten. Und wenn, dann klappe sogar das:

    „Was in den Neunziger Jahren noch undenkbar gewesen wäre, dass in einer Ausgabe der 20-Uhr-‚Tagesschau‘ zwei Brüsseler Themen stattfinden oder sogar drei, das hat es längst gegeben. Es kommt auf die Themen an und wie wichtig sie sind. Und dann funktioniert es aber auch.“

    Forderungen nach einem europäischen Kanal sind für den einstigen Brüssel-Korrespondenten die Angst der Politiker vor den nächsten Europawahlen. Sven Giegold wiederum weiß: Auch er und seine Kollegen müssten Europapolitik attraktiver machen, wenn sie sie stärker in die Medien bringen wollen:

    „Das ist auch unsere Pflicht als Politiker, mehr aktiv zu informieren und mehr Kontroverse zu bieten, damit das Ganze interessanter wird. Also, das ist keine Medienschelte an sich, sondern das hat auch was mit dem noch fehlenden Interesse der Zivilgesellschaft an europäischer Demokratie zu tun. Da müssen wir aber hin!“

    >> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)