“Glaube nicht an dauerhafte Befriedung”

Im ZAPP-Sommerinterview erklärt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, warum das neue “Spiegel+” der Durchbruch bei Bezahlmodellen sein könnte. Er sagt aber auch: Der Streit mit den Öffentlich-Rechtlichen ist gleichzeitig noch nicht wirklich zu Ende.

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
ZAPP: Herr Brinkbäumer, Sie haben vor einigen Wochen “Spiegel+” eingeführt – ein erneuter Anlauf, ein Bezahlmodell bei “Spiegel Online” und “Spiegel” zu etablieren. Ist das jetzt der Durchbruch?

Klaus Brinkbäumer: Ob es der Durchbruch ist, werden wir sehen. Es läuft hervorragend an. Wir sind tatsächlich richtig beglückt und begeistert nach aber erst vier Wochen. Da es sich in den ersten vier Wochen um eine Testphase handelt, müssen wir genau jetzt sehen: Wer nimmt das Angebot auch weiterhin an und bezahlt auch wirklich dafür? […] Wir sind jetzt schon deutlich fünfstellig, was die Abonnentenzahlen angeht. Das hatten wir für einen späteren Zeitraum erwartet. Das Angebot ist harmonisch im Gesamtkontext von “Spiegel Online”. Und die Zahlen bei “Spiegel Online” gehen nicht runter. Also all die Daten, die wir haben, sind ermutigend.

Eine Kollegin der Funke-Zeitungsgruppe hat neulich gesagt: Bezahlen für journalistische Inhalte muss so einfach funktionieren wie Netflix, sonst machen es die Leute nicht in Massen.

Stimmt!

Wie lange müssen Verlage noch experimentieren, bis man sagen kann “In Deutschland zahlen die Leute bereitwillig für Journalismus im Netz”?

Die Entwicklung hört nicht auf, das Experimentieren auch nicht. Wir werden nie sagen können “So, das ist es jetzt und so bleibt es für die nächsten 20 Jahre”. Ich glaube, dass wir längst soweit sind, dass das Publikum willig ist, zu bezahlen, wenn es denn richtig überzeugende Inhalte sind, die man nicht kostenlos bekommt. Und wenn der Bezahlvorgang einfach ist, man sich nicht geknebelt fühlt, wenn man nicht das Gefühl hat, ich schließe ein Abo ab und habe das für zwölf Monate am Hals, sondern dass ich aussteigen kann, wenn es mir nicht mehr gefällt. Es muss verständlich sein und ganz einfach zu handhaben. Und wir sind jetzt endlich so weit: “Spiegel+” ist tatsächlich genau so, wie wir es uns wünschen.

Sie sprachen eben davon – es braucht überzeugende Inhalte. Da gibt es diesen Wettbewerb auch mit den Öffentlich-Rechtlichen im Netz, wo sich alle Medien treffen. Mathias Döpfner, der Präsident des Zeitungsverlegerverbandes, sprach im vergangenen Jahr sehr prominent immer wieder von “gebührenfinanzierter Gratispresse” und damit Konkurrenz. Teilen Sie diese Sicht?

Nee, nicht so scharf. Ich mag Wettbewerb! Und ich finde auch den Wettbewerb mit den Öffentlich-Rechtlichen zunächst einmal sportlich. Ja, Gebühren, die garantiert hereinkommen, sind etwas anderes als ob ich Leser für ein Bezahlmodell gewinnen muss. Das ist nicht wirklich Chancengleichheit in allem, aber dann ist es auch so reguliert, dass es gut funktioniert. Und ich würde niemals das öffentlich-rechtliche System angreifen wollen. Das hat sich bewährt!

Es erdrückt Sie also nicht?

Nein. Verlage sollten schauen: Haben sie es eigentlich gut gemacht in der Vergangenheit, waren die Bezahlmodelle schlüssig? Warum sind wir eigentlich so spät? Warum hat der “Spiegel” nicht schon viel früher angefangen, “Spiegel+” an den Start zu bringen, so wie wir es jetzt haben? Jetzt tun wir es – und da schaue ich nicht darauf, sind die Öffentlich-Rechtlichen in irgendeiner Form böse. Es gibt Punkte, wo ich sie kritisiere, wo ich denke: Da wird Chancengleichheit ein bisschen gebogen. Aber zunächst mal achten wir darauf, dass wir gut genug sind.

Es gibt jetzt den neuen Telemedienauftrag, das große Ziehen an der Friedenspfeife. Stimmen Sie mit ein, dass jetzt alles gut ist, oder erwarten Sie, dass sich Portale wie tagesschau.de oder vielleicht auch der Politmagazine anders verhalten in der Zukunft?

Es gibt Dinge, die auch wir nach wie vor kritisieren. Natürlich halte ich es nach wie vor zumindest für bedenklich, wenn NDR, “Süddeutsche” und WDR auf die Weise kooperieren, wie sie das tun. Wenn Gebührengelder auf irgendwelchen Umwegen in Projekte fließen, die bei der “Süddeutschen” landen, dann sprechen wir von Quersubventionierung eines Zeitungsverlages. Das heißt aber nicht, dass wir nicht den sportlichen, journalistischen Wettbewerb mit der “Süddeutschen” aufnehmen. Den führen wir liebend gerne, weil die “Süddeutsche” eine sehr, sehr gute Tageszeitung ist. Wir sehen es sportlich und kritisieren hier und dort. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Perfekt ist das System natürlich noch nicht.

Es heißt, es soll sich jetzt jeder auf seine Stärken berufen, die Sender auf Audiovisuelles, Verlage auf Texte. Wie passt dazu eine Bewegtbildoffensive der Verlage wie die Online-Plattform von “Spiegel TV” – wollen Sie sich da jetzt im Sinne des Friedens zurücknehmen?

Ich sehe nicht, dass das kollidieren würde. “Spiegel TV” ist eine eigenständige Firma, die selbstverständlich auch im Digitalen erfolgreich sein kann und längst erfolgreich ist. Ja, das wollen wir weiterführen. Klar!

Glauben Sie denn an eine dauerhafte Befriedung oder werden diese Systeme immer wieder kollidieren und neu ausgerichtet werden müssen?

An eine dauerhafte Befriedung glaube ich nicht. Der Markt ist hitzig. Anzeigen wandern weg von Verlagen zu Facebook und Google – das ist längst passiert. Es gibt also einen Kostendruck. Kostendruck sorgt immer für Nervosität. Und Nervosität sorgt dafür, dass man dahin schaut, wo sich Wettbewerber möglicherweise ein bisschen übergriffig verhalten.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

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