Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin und Hamburg - v.a. für den NDR.
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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Hans Leyendecker: Ein Journalist blickt zurück

    Was zählt ist, “wie man anständig bleibt”. ZAPP blickt mit Hans Leyendecker, der beim “Spiegel” die Flick-Affäre aufdeckte, heute bei der “SZ” ist, zurück auf ein bewegtes Reporterleben.

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags
    „Ich war ein Hai beim ‚Spiegel‘. Ich war nicht nett. Und andere waren auch nicht nett. Und wir haben uns gekloppt und gestritten. Das habe ich bei der ‚Süddeutschen‘ nie erlebt. (…) Und das hat mir als Person unheimlich gutgetan, dass ich da runtergekommen bin und, und, und von daher ist meine – ich war 18,5 Jahre beim ‚Spiegel‘. War eine tolle Zeit. Ich bin jetzt 21 Jahre bei der ‚Süddeutschen‘. Das ist für mich ein Glück, dass ich hier gelandet bin.“
    Die Staatsanwaltschaft Köln erwägt strafrechtliche Schritte gegen den ‚Spiegel‘. Das Hamburger Nachrichtenmagazin veröffentlicht nach eigener Darstellung in seiner neuesten Ausgabe Auszüge aus der Anklageschrift in der Flick-Spendenaffäre.
    „Wegbegleiter in meinem journalistischen Leben ist schon Flick-Parteispende, die aller erste.“
    Weil sie Sie auch groß gemacht hat, oder…
    „Nein, nicht weil sie mich groß gemacht hat. Sondern weil es die Affäre war, mit der ich zu tun hatte.“
    Lothar Späth – seit über 12 Jahren Ministerpräsident von Baden-Württemberg tritt zurück. Gegen den CDU-Politiker waren Vorwürfe laut geworden, er habe sich Urlaubsreisen von Firmen finanzieren lassen.
    „Das, was ich früher so großartig fand – wenn jemand zurücktrat aufgrund einer Geschichte –, das finde ich heute gar nicht mehr großartig. Ich habe im Lauf der Zeit zu mir selbst auch ein distanziertes Verhältnis gewonnen, beispielsweise die Geschichte gemacht, die wir gemacht haben über Lothar Späth beim ‚Spiegel‘ über die Traumschiff-Reisen und das andere, wo er dann zurückgetreten ist. Das war von der Sache her okay, aber die Form, wie wir es gemacht haben, würde ich heute nicht mehr machen. Und da sind schon einige Punkte, wo ich mit mir selbst auch nicht mehr so zurechtkomme, wie ich gewesen bin.“
    „Und wenn ich keine faire Chance habe, dann kann ich im Grunde nur die Entscheidung treffen, die ich jetzt getroffen habe, nämlich dass ich weder mir, noch meiner Familie es nötig habe, nach 12 1/2 Jahren diese Arbeit, dies alles zuzumuten.“
    „Man verändert sich im Lauf der Zeit. Man sieht auch, dass derjenige, über den man da schreibt, vielleicht kein Schurke ist, sondern dass er an irgendeiner Fehlentwicklung beteiligt war, dazu aber viele gute Gründe gibt, warum man sagen kann, wir müssen ihn auch vor sich selbst schützen.“
    „Oder wenn wir die Christian-Wulff-Geschichte, die mich sehr geprägt hat, sehen, wie eine Journalistengruppe den verfolgt hat, wir sehen dann das Ende oder – und, und, und wenn einer nicht die Stärke von Wulff gehabt hätte, wäre er vielleicht von der Brücke gegangen. Und das sehe ich heute natürlich auch im Lauf der vielen Geschichten, die man gemacht hat, sehe ich manches kritisch, woran ich beteiligt war, was ich getan habe. Und das hat nichts damit zu tun, ob ich ‚Spiegel‘ oder ‚Süddeutsche‘ war, sondern was ich als Journalist in dem Bereich gemacht habe.“

    Die Fahnder hatten gehofft, die beiden mutmaßlichen RAF-Terroristen am Schweriner See ohne Probleme festnehmen zu können als diese eine Gaststätte verlassen wollten. Birgit Hogefeld zog ihre Waffe, eröffnete den Schusswechsel. Zwei Menschen starben.
    „Bad Kleinen war eine Katastrophe.“
    Leyendecker verließ sich bei der Enthüllung über den „Todesschuß“ auf seinen Informanten, erzählte dessen Version von der angeblichen Exekution. Andere Journalisten behaupteten Ähnliches. Die Republik hatte ihren Skandal. Doch die Spurensuche am Tatort konnte die behauptete Exekution nicht belegen. Und auch der anonyme Informant stritt plötzlich alles ab.
    „Was ist nach Bad Kleinen alles passiert? Der Bundesinnenminister ist gegangen. Der Generalbundesanwalt musste gehen. Und eigentlich – wenn’s ganz gerecht zugegangen wäre – hätte auch ich gehen müssen.“
    „Aber: Das ist das Gute an der Geschichte. Nicht mal die beiden Bad-Kleinen-Informanten, die es gegeben hat, sind dabei hochgegangen. Und das war wichtig.“

    Ein Whistleblower hat Journalisten über 11 Millionen Dokumente zugespielt. Darunter 4,5 Millionen E-Mails.
    NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ konnten auf mehr als 11 Millionen Dokumente einer Anwaltskanzlei auf Panama zurückgreifen.
    „Panama Papers“ – aus dem Schattenreich geheimer Firmen und verborgener Vermögen.

    „Also die Investigation hat sich verändert. Es begann eigentlich so mit Akten und dann kamen auch diese großen Festplatten, die auch ein Stückchen verbunden werden jetzt mit der Investigation, wobei es da ganz viele Bereiche gibt.“
    „Für mich ist das schon eine fremde Welt, aber eine großartige Welt. Was ich über Panama gelernt habe, war, dass Kollegen aus 80 Ländern mit einander arbeiten. Ich war bei einer Konferenz dabei, wo die sich vorstellen. Da stellte sich einer vor: Mein Name ist Jim und ich komme aus Venezuela. Und der nächste kam aus Israel. Und der nächste kam aus Island. Und du hast auf einmal das Gefühl, eine Armada von Journalisten, die an irgendeiner Geschichte arbeiten. Die haben zum Teil wie gesagt, das ist für mich das Größte dabei zu sein. Und das erleben zu dürfen, das war der Traum.“

    Sie unterrichten letztlich auch. Mit Volontärin bei der “Süddeutschen” sitzen sie zusammen. Was reichen Sie für Tipps letztlich weiter?
    „Auch die Tipps haben sich so ein bisschen geändert. Also früher habe ich mehr so Tipps rüber gegeben, wie man an die Sachen kommen kann. Und heute gebe ich mehr Tipps rüber, wie man anständig bleibt. Das ist, glaube ich, wichtig, dass sie immer wiederkehren können. Das sind vielleicht Glücksmomente. Wenn sie jemanden haben und sie haben bei ihm – wenn man es in einem bösen Wort sagt – berufsverändernd gewirkt und sie treffen ein halbes Jahr später und er sagt, das war nicht alles ganz gerecht vielleicht, aber ich fand ihre Arbeit dennoch gut und ich habe jetzt folgenden Tipp für sie – dann hast du nicht ganz daneben gelegen.“
    „Herzliche Einladung und auf Wiedersehen vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund.“
    „Ich weiß noch, als sie mich anriefen und sagten ‚Können Sie sich vorstellen‘. Hab gesagt: ‚Ne‘. Weil wenn du so zurückblickst, wer Kirchentagspräsident war – von Weizsäcker, Eppler – wie viele große Namen mit Kirchentag verbunden sind, da sagt man, dafür reicht es nicht. Dafür reicht es nicht intellektuell, dafür reicht es nicht von der Größe. Da reicht nix. Also meine Frau sagte zu dem Augenblick ‚Das musst Du jetzt machen, Du magst den Kirchentag so gern‘.

    (freistehend: Kirchentag-Konzert)
    Wie groß ist der Schiss, das zu verbocken?
    „Groß.“
    Ja?
    „Also ich glaube schon, dass ich auch ein bisschen übertreibe. Die Angst, es zu verbocken, ist seit der ersten Stunde da, dass ich sage, das ist so ein wichtiges Projekt und wenn du jetzt versagst – wenn der Kirchentag nicht so wird, weil du selbst nicht // reichst, das wäre für mich schon eine riesige Enttäuschung. Deshalb habe ich auch viel, laufe ich auch die ganze Zeit, um – so. Aber jetzt habe ich das Gefühl: Wir bekommen das wunderbar gemeinsam hin.“

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)