Medienjournalist

Daniel Bouhs ist Medienjournalist in Berlin und Hamburg - v.a. für den NDR.
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PODCAST

Langfassungen meiner Interviews im Abonnement.

  • Zeitungen im Einheitslook?

    Ein Mantel für alle

    für NDR Fernsehen

    Manuskript des Beitrags

    Lars Haider in seiner Redaktion. Die Journalisten des “Hamburger Abendblatts” konzentrieren sich ganz aufs Lokale. Berichte aus Deutschland und der Welt bekommen die Blattmacher von außen zugeliefert. Ein Modell – etabliert schon vor Jahren.
    “…diese Seite, und am Ende diese Seite.”
    “Heute sind es von den 44 Seiten, die morgen im Hauptprodukt erscheinen, kommen exakt 6 aus der Zentralredaktion in Berlin.”
    Fix und fertig?
    “Fix und fertig. Aber da muss man auch sagen, das sind halt 6 von 44.”
    Nicht viele, aber: prominente Seiten. Etwa die Berichterstattung über die Bundespolitik, dazu Berichte der Auslandskorrespondenten und ein bisschen Buntes. Der sogenannte Mantel. Ein Qualitätssprung für den
    Chefredakteur – auch verglichen zu der Zeit, als sich das “Abendblatt” noch einen eigenen Korrespondenten in Berlin geleistet hat:
    “Wenn das ‘Hamburger Abendblatt’ dann ein Interview mit dem Bundeskanzler damals oder später mit der Bundeskanzlerin haben wollte, haben die gesagt ‘Ja, ihr seid auch mal alle vier Jahre dran, nämlich immer bei der Hamburg-Wahl’. Und den Rest der Politikberichterstattung haben die meisten Regionalzeitungen von einer einzigen Zentralredaktion übernommen, nämlich der Zentralredaktion, wenn man so will, der Deutschen Presseagentur. Und da ist es da ist es schon, finde ich, eine Verbesserung, wenn es auf einmal nur fünf, sechs, sieben größere Zentralredaktionen gebe. Dann wäre auf jeden Fall mehr Vielfalt als es früher war.”
    Haiders Zentralredaktion sitzt in Berlin. Sie beliefert alle Zeitungen, die zur Funke-Mediengruppe gehören – auch das “Hamburger Abendblatt”.

    Zentralredaktionen wie hier der Funke-Gruppe sind zweifellos eine neue publizistische Kraft. Zeitungsforscher Horst Röper vermutet aber vor allem eine andere Motivation bei den Verlegern.
    “Es ist ein kostensparendes Modell und darum geht es. Die Verlage wollen Kosten einsparen, das können Sie mit diesem Modell in der Tat. Und deswegen reüssiert dieses Modell inzwischen ja bei vielen Gruppen und jetzt sogar über Gruppen-Grenzen hinaus, also durch den Verbund von mehreren großen Verlagen.”
    Einen solchen Verbund bildet das Redaktionsnetzwerk Deutschland RND von Madsack in Hannover. Es beliefert mehr als 40 Tageszeitungen.
    Bislang hat auch die DuMont-Gruppe in Berlin eine Zentralredaktion betrieben – für die eigenen Zeitungen.
    Nun aber gibt DuMont seine Zentralredaktion auf, macht stattdessen gemeinsame Sache mit dem RND – dessen publizistische Macht damit noch weiter wächst.
    Festakt in Hannover vor wenigen Wochen: Madsack feiert – 125 Jahre Verlagsgeschichte. Es gratuliert der Bundespräsident – mit einer deutlichen Botschaft:
    “Wenn man dann mit einem überregionalen Bericht oder Kommentar täglich in Zukunft vielleicht fast sieben Millionen Leser von mehr als 50 Tageszeitungen erreicht, dann muss sich jeder einzelne Journalist auch bei Madsack immer bewusst sein, wie viele Menschen er am nächsten Tag mit seiner Bewertung von politischen Vorgängen natürlich beeinflusst.”
    Was bedeutet diese Entwicklung für die journalistische Vielfalt?
    “Was wir verlieren, sind die unterschiedlichen Blickwinkel und diese unterschiedlichen Blickwinkel haben sich früher auch gegenseitig befruchtet, das heißt die Kollegen in Berlin haben natürlich auch immer nachgelesen, was hat der andere aus dem Thema gemacht und haben das eben dann vielleicht in ihre künftige Berichterstattung mit einfließen lassen. Diese Wechsel von Blickwinkeln, diese zusätzlichen Aspekte entfallen nun, weil wir eine relativ einheitliche Berichterstattung haben.”
    Die Funke-Zentralredaktion bleibt für ZAPP verschlossen. Auch der Newsroom von Madsack. Beide sehen in der Zentralisierung kein Sparprogramm, sondern ein Modell für die Zukunft. Auch die Vielfalt bleibe erhalten.
    “Die geht überhaupt nicht zurück, weil es so viele überregionale Zeitungsgruppe gibt und überregionale Medien wie öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk, Magazine, es kommen neue Internetanbieter, die auch überregionalen Journalismus machen. Da muss sich keiner Sorgen machen.”
    Nürnberg. Vor allem im Süden der Republik produzieren viele Redaktionen ihre Zeitungen noch komplett selbst – von der ersten bis zur letzten Seite. So wie die “Nürnberger Nachrichten”.
    “Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, den Mantel hier selbst zu produzieren. Er muss passen für die Region, für die wir hier Zeitung machen, also für den nordbayerischen Raum, einen Umkreis von 60, 70 Kilometer rund um Nürnberg. Wir finden, wir müssen auch verstehen, wie die Leute hier ticken, und glauben, dass die Nähe zu den Lesern ganz wichtig ist. Deswegen sind wir wild entschlossen, hier zu produzieren für die Menschen hier vor Ort.”
    Das klappt aber nur mit Material der Nachrichtenagenturen. Die Titelseite: mitunter fast komplett mit Texten der dpa – echter Massenware. Die übrigen Seiten aber: mit eigenen Geschichten. Brüssel will neue Regeln für E-Bikes – der Bericht erzählt die Folgen – nicht irgendwo, sondern konkret in Nürnberg.
    Glauben Sie, dass das Zentralmantel-Modell – die Fertigseiten Politik, Wirtschaft –, dass das nicht nur eine Mode sein wird, sondern das etablierte Modell sein wird in der Zukunft?
    “Die Zeichen stehen so, dass es so sein wird, dass wir dann in der Tat eine Ausnahme sein werden, aber Ausnahmen bestätigen die Regel und Ausnahmen sind ja oft nicht schlecht, sondern funktionieren auch ganz gut.”
    “Ich glaube die These halt nicht, dass man es als Einzelkämpfer schaffen kann. Selbst wenn man drei Korrespondenten in Berlin hat, ist die Durchschlagskraft halt nicht gut. Wir haben eine Redaktion in Berlin mit 70 Leuten. Das ist eine ganz andere – Sie können überall mitfliegen, Sie können zu allen Hintergrundgespräche gehen, Sie können zu diesen unendlich vielen Terminen in Berlin gehen. Das schafft halt ein oder zwei alleine nicht.”

    Zwei Regionalzeitungen – zwei Philosophien. Beide haben etwas für sich. Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Die Zukunft gehört den zentralen Mantelredaktionen.

    >> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)