Streifendienst auf Facebook: Die Polizei betreibt mehr als 330 Social-Media-Profile

Warnen, aufklären, aber auch das Image polieren: In Deutschland rüstet die Polizei im Digitalen auf. Wie legitim ist das – hinterfragt gemeinsam mit Andrej Reisin für ZAPP.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

Polizeikommissar Tim Tecklenborg nimmt uns mit auf Streife durch Leer. Neben seinen üblichen Aufgaben hält er immer auch Ausschau nach neuen Themen für sein Facebook-Profil.
Das können Gefahrenquellen im Alltag sein. Wie dieser Bahnübergang.
“Ja, das ist so der Klassiker. Die Schranken gehen wieder hoch, Schranken gerade wieder hoch, ein paar Autos passieren und dann geht’s wieder runter. Und viele Leute laufen dann entspannt noch drüber oder fahren noch mit dem Fahrrad drüber.”
Tecklenborg will die Ostfriesen warnen. Dafür dreht er ein Video, das er dann auf Facebook stellt:
“Es ist super gefährlich den Bahnübergang trotzdem zu passieren. Und B: Es kostet 240 Euro plus Bearbeitungsgebühren des Landkreises, hat zwei Punkte zur Folge und einen Monat Fahrverbot.“
Der junge Beamte gehört zur digitalen Avantgarde: Er ist einer von 12 Polizisten, die das Land Niedersachsen mit persönlichen Profilen auf Facebook ausgerüstet hat. Dort soll er Präsenz zeigen und informieren, über die Arbeit der Polizei.
“Es wurden neue Erstklässler eingeschult und da ist für uns wichtig zu sagen, wir machen Schulwegüberwachung, damit die Jüngsten sicher zur Schule kommen. Da wir aber natürlich nicht an jeder Schule gleichzeitig sein können, sondern das nach und nach
abarbeiten müssen, haben wir eben die sozialen Medien für uns genutzt, um zu zeigen: Leute, wir machen was.“

Der Streifenbeamte nutzt jede freie Minute, um sein Profil zu pflegen. Er postet seinen Alltag, dazu die Videos. Fast anderthalb Tausend Fans hat er damit schon gewonnen
“In erster Linie mache ich das, weil mir das Spaß macht. (…) Gerade im Streifendienst: Mit dem Auto unterwegs zu sein, ist nicht — da besteht nicht die Möglichkeit, die Leute direkt anzusprechen oder ansprechbar zu sein. Und damit bieten wir gerade auch den jüngeren Zielgruppen, die auf Facebook, Instagram unterwegs sind, die Möglichkeit, uns als Polizei direkt zu kontaktieren.”
Von Hannover aus steuern sie die Social Media Offensive der niedersächsischen Polizei. Inzwischen ist sie landesweit online präsent. Das Feedback sei positiv, auch weil sich die Polizei mal von einer ganz anderen Seite zeigen könne.
„Welche Inhalte gepostet werden müssen, da lassen wir den Behörden freien Spielraum. Also der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.“
Zum Beispiel mit Fotos von geretteten Tieren. Oder einer Warnung vor der “Kiki-Challenge”, bei der sich Leute filmen, wie sie aus fahrenden Autos aussteigen und tanzen. Und dann: das herrenlose Bobbycar. Gefunden vor der Polizeiwache Osnabrück. Die Fahndung nach dem kleinen Halter: ein Hit.
Das ersetzt so ein bisschen eine Image-Kampagne?
„Mitunter. Also wir wollen uns natürlich auch immer als Menschen darstellen, menschlich darstellen. Jemand, vor dem man keine Angst haben muss. Die nett sind. Die wirklich helfen wollen. Und solche Postings kommen dann immer sehr gut an.”
Die sozialen Medien werden für die Polizei in Deutschland immer wichtiger. Beispiel: Twitter.
2010 gab es nur zwei offizielle Accounts, heute sind es 159. Zusätzlich
zu Twitter: Facebook, Instagram, Youtube und Snapchat. Insgesamt: 331 Profile.
Eine Entwicklung, die nicht nur positiv gesehen wird.
„Es wird mit diesen Social-Media-Bildern von Hunden, Katzen und geretteten Vögeln, die aus dem Nest gefallen sind, ein Bild gezeigt, was mit der Organisation und ihren Aufgaben wenig zu tun hat, weil die Aufgaben der Polizei mehrheitlich in Bereichen liegen, die nicht schön sind, die konfliktgeladen sind, wo es um gesellschaftliche Probleme geht. Im Grunde genommen, ist es sogar so, dass diese Tierrettungsaktionen eigentlich überhaupt nicht Aufgabe der Polizei sind. Das ist reine PR.”
Peter Ullrich hat im Team mit anderen Wissenschaftlern die Eskalation der Hamburger G20-Proteste untersucht.
Die Kommunikation über die sozialen Medien spielte dabei eine entscheidende Rolle. Wie immer bei so genannten „Großlagen“ war die Polizei eine wichtige Informations-Quelle.
Die Grafik zeigt wie ihre Nutzer-Zahlen bei twitter in die Höhe schießen: Etwa bei der Polizei München – beim Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum.
Bei der Berliner Polizei – nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Und auch bei der Hamburger Polizei beim Treffen der G20. Vor gut einem Jahr überschlagen sich bei den G20-Protesten die Ereignisse. An vielen Orten eskaliert die Gewalt. Chaos.
Auch für die Polizei ist die Situation völlig unübersichtlich. Trotzdem zwitschert und postet sie. Non-stop. Grafisch aufbereitet zeigt sich: Rund um G20 war die Polizei der zentrale Akteur und hat so auch die Stimmung geprägt – in ihrem Sinne.
„Das heißt, es sind immer mehr Follower zum Polizei-Account gestoßen. Immer mehr Leute haben sich anteilnehmend geäußert.”
Anteilnahme erzeugten vor allem Tweets zu Angriffen auf Polizisten: So sorgte eine angebliche Augenverletzung für große Empörung.
Später musste sich die Polizei korrigieren: Der Beamte hatte ein Knalltrauma.
Auch ein angeblich geworfener Molotowcocktail ließ sich im Nachhinein nicht belegen.
“Es ist ganz klar: Die Polizei ist angehalten sachlich zu informieren. Und da ist es eindeutig ausgeschlossen, dass man vage Informationen, Spekulationen, Annahmen über irgendetwas, was passiert sein könnte oder Informationen, die man aus dem Hörensagen hat, verwendet.”
ZAPP hätte darüber gern mit Verantwortlichen der Hamburger Polizei gesprochen. Doch die lehnt ein Interview ab. Schriftlich heißt es:
“Der G20-Einsatz war der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik mit im Einzelfall äußerst komplexen Einsatzlagen. Das Social-Media-Team hat […] sachlich und neutral in der erforderlichen Art und Weise kommuniziert.”
Was „Sachlich und neutral“ ist, entscheiden im Einzelfall die Beamten. Verbindliche Richtlinien fehlen. Peter Ullrich rät daher zur Vorsicht:
“ Ich bin der Ansicht, dass die Polizei Twitter schon nutzen sollte, aber mit einer immensen Zurückhaltung. Ich denke auch, dass das wahrscheinlich gesetzlicher Regelungen bedarf.”
Die niedersächsische Polizei will ihre Online-Präsenz hingegen eher noch ausbauen. Ihre Beamten sollen auch digital auf Streife gehen. Und auf Facebook oder Twitter Gerüchten und „Fake News“ aktiv entgegentreten.
„Es wäre ja schon irgendwo schwierig, wenn wir sagen, ‚Wir haben zwar ein Medium, was 30 Millionen Deutsche plusminus erreicht, aber wir nutzen es nicht und sind da nicht präsent‘. Das wäre glaube ich auch etwas, was dann auf wenig Verständnis stoßen würde.“
Erst recht bei Tim Tecklenborg. Er ist bei Facebook ganz in seinem Element.
“Ja, okay. Test, Test!”
“Testy, Testy! 1, 2! Moin!”

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)