Faktencheck: Chemnitz-Videos auf dem Prüfstand

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

„Es ist hier markant die Kirche. Es ist aber auch (…) der Schaden im Straßenbelag, der mir später helfen wird, den Ort ganz genau zu bestimmen, auf den Meter genau, von wo gefilmt worden ist. Ich sehe hier ein Werbebanner.“

Die Herausforderung für Journalisten wie Lars Wienand von „T-Online“: Belegen, ob das Video aus Chemnitz echt ist. Hinweise sammeln, Details abgleichen – etwa mit Karten- und Fotodiensten.

„Eine gute Übersichtsaufnahme aus der Luft, wo ich die Schilderbrücke sehe. Wo ich die Kirche sehe. Wo ich Schaden im Straßenraum sehe. (…) Ich kann den Ort sehr genau eingrenzen.“
Also es kommt weder aus Hollywood, noch aus einer anderen Stadt? Das ist tatsächlich da in Chemnitz?
„Das ist dort gefilmt. Oder es ist (…) so hervorragend produziert worden – was ich für ausgeschlossen halte.“

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen hatte das zunächst nicht ausgeschlossen. Mit seinen öffentlich platzierten Zweifeln hat er Faktenchecker herausgefordert.
Und so fragen sich viele: „Wurden in Chemnitz Menschen gejagt?“ Und gehen Hinweisen auf den Ort nach. Sie unterziehen das „Video aus Chemnitz [dem] Faktencheck“. Gleichen dafür auch das Wetter aus dem Video mit Archiven ab. Sogar: den Sonnenstand. Ihr Befund: „Herr Maaßen, alles spricht dafür, dass das Jagdszenen-Video echt ist“. Auch, weil ein Werbeplakat im Video eine aktuelle Kampagne der Chemnitzer Theater zeigt. Auch der ARD-„Faktenfinder“ bilanziert: Es gibt „Keine Indizien für [eine] Fälschung“.

„Natürlich wenn der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz sich äußert, dann wollen wir das natürlich noch mal ganz genau prüfen. Denn wir gehen ja davon aus, dass er dann irgendwelchen, ja, belastbaren Indizien oder Belege hat, dass dem so sei. Wir konnten diese aber einfach nicht finden.”

Ein weiteres Indiz für die Echtheit: andere Videos von denselben Protesten.

„Diese Aufnahme zum Beispiel gibt es aus verschiedenen Perspektiven auch. Hier sieht man das aus einer anderen Perspektive, wie dieser Personenmob da lang läuft. Und so lässt sich tatsächlich die gesamte Demonstrationsroute rekonstruieren.“

Inzwischen können die Journalisten genau sagen, wo der Aufmarsch wann unterwegs war und wo es dabei zu Übergriffen gekommen ist. Dazu kommt noch die klassische Recherche vor Ort. Auch Reporter der „Tagesthemen“ treffen zwei Männer, die sagen: Sie seien die Gejagten in dem schlecht aufgelösten Video.

„Der Mann ist einfach zu uns gekommen und hat gesagt: Habt ihr ein Problem? Geh‘ weg von Deutschland, geh‘ doch raus! Dann hat er uns geschlagen.“

Faktenchecker sind sich also sicher: Das Video ist kein Fake. Es ist echt. Dabei passieren Faktencheckern auch Fehler. Etwa „Watson“, einem jungen Portal. Ausgerechnet ein rechter Demonstrant mit einem RAF-Tattoo – rein montiert, hieß es zunächst bei „Watson“. Dann: detailliert eine „Korrektur“: das „Hitlergruß-Bild mit RAF-Tattoo ist kein Fake“. Man habe sich zu sehr auf eigene, dürftige Bilder verlassen.
In sozialen Netzwerken geht die Chefredakteurin mit der Korrektur maximal in die Offensive: „Bitte helft uns, diese Korrektur zu verbreiten.“ Dafür: auch Lob.

„Die haben diesen Fehler dann transparent gemacht und erklärt, wie dieser Fehler zustande gekommen ist. Und sie haben sich dafür sehr aufrichtig entschuldigt. Und ich glaube, das ist der beste Weg.“

Auf die Arbeit der „Faktenfinder“ schauen in diesen Tagen viele ganz genau. Dabei ist es nicht nur an ihnen, Material in sozialen Netzwerken zu prüfen.

„Weil jeder eben auch selbst zum Sender geworden ist. Da hat jeder auch eine größere Verantwortung, das liegt nicht nur bei uns Medien, sondern das liegt auch bei jedem Einzelnen, die Verbreitung von Falschnachrichten nicht noch zu unterstützen.“

Auf Twitter treffen sie sich: Journalisten und technisch teils noch versiertere Nutzer. In ihrem Verifikations-Quizz üben sie täglich, Schnappschüsse zu analysieren. Heute stellt Lars Wienand die Aufgabe: Gesucht wird der Heimatort — dieses Schweins.

„Auch das ist Training für den Ernstfall. Das ist jetzt wirklich eine eher launige Aufgabe. Ein Schwein. Es ist aber auch eine eher harmlose Aufgabe. Das gleiche mit einem Menschen zu machen, kann ich bei einem Quizz nicht einfach so tun. Also das schult für andere Situationen.“

Es geht darum, fit zu sein, wenn es wieder mal ernst wird und die Faktenchecker herausgefordert werden. Vom Verfassungsschutz oder wem auch immer.

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